«Sie kommen fast nicht mehr zur Ruhe, werden stets zurecht- und weggewiesen»
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Knapp bei Kasse – doch der Stoff muss besorgt sein. (Bild: Archivbild: eha)

Luzerner Randständige in der Corona-Krise «Sie kommen fast nicht mehr zur Ruhe, werden stets zurecht- und weggewiesen»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 24.04.2020, 20:15 Uhr

Anstatt Drogen werden Randständigen Kieselsteine oder Traubenzucker untergejubelt, sie werden zurecht- und weggewiesen. Untereinander herrscht ein «härterer Ton» – eine offene Drogenszene bahnt sich in Luzern trotzdem nicht an.

Die schlanke, blondhaarige Frau steht schon lange vor dem Coop in der Luzerner Neustadt. Viel zu lange, denkt sich, wer in ihre Augen blickt, während sie flehend um ein bisschen Münz fragt. Nervös läuft sie nach getaner Geste weiter hin und her. Sie braucht mehr Geld.

Die psychische Belastung der Randständigen sei derzeit «sehr hoch», sagt Miriam Rogenmoser, die im Rahmen der aufsuchenden Sozialarbeit (Asa), derzeit zweimal wöchentlich einen Rundgang durch die Stadt macht. «Die Menschen kommen fast nicht mehr zur Ruhe, werden stets zurecht- und weggewiesen.»

Knapp bei Kasse – doch der Stoff muss besorgt sein

Klar ist: Randständige haben weniger Geld. Weniger Passanten laufen an ihnen vorbei, kaum jemand gibt ihnen Kleingeld. Die Geschäfte haben zu, geklaut werden kann nicht. «Die Geldknappheit birgt eine grosse Anspannung, denn Abhängige müssen nach wie vor ihren Tagesbedarf decken», sagt Franziska Reist, die Geschäftsleiterin des Vereins Kirchliche Gassenarbeit.

«Zu Beginn waren die Menschen angespannter und aggressiver. Sie hatten Angst, dass der Stoff auf der Gasse knapper und somit teurer wird.» Zu Beginn war dem auch so, mittlerweile seien die Preise wieder gesunken. Stoff ist also (noch) genügend da. «Auch wenn teilweise in der Qualität beschissen und Stoffe gestreckt werden.»

Kieselsteine und Traubenzucker: So wird beschissen

Das bestätigt auch Miriam Rogenmoser. «Wenn ein Deal im öffentlichen Raum stattfindet, muss das nun besonders schnell gehen. So, dass ein gekaufter Stoff gar nicht mehr auf Menge und Qualität kontrolliert werden kann.» Traubenzucker oder Kieselsteine werden den Süchtigen untergejubelt – «das alles kommt vor».

«Untereinander ist der Ton definitiv härter geworden.»

Miriam Rogenmoser, Aufsuchende Sozialarbeit (Asa)

Die Menschen auf der Gasse haben Angst. Oftmals seien sie gereizt und aggressiv – nicht zu den Mitarbeitenden der aufsuchenden Sozialarbeit oder der Gassenküche – aber in der Szene. «Untereinander ist der Ton definitiv härter geworden», sagt Rogenmoser.

Weniger Konsumationsplätze in der Gassenküche

In der Luzerner «Gassechuchi» wurden die Konsumplätze um mehr als die Hälfte reduziert. Intravenös stehen nur noch drei statt sechs Plätze zur Verfügung. Die Sniffplätze wurden von drei auf einen Platz zurückgeschraubt. Um Stoffe inhalativ zu rauchen, gibt’s nur noch 6 statt 14 Plätze. Essen können im unteren Stock der Gassenküche nur noch sechs Menschen, im oberen Stock vier.

Klar ist: Es konsumieren nicht weniger Menschen, nur weil weniger Platz für sie da ist. «Wir merkten, dass sich nach den reduzierten Plätzen bei uns viele ausserhalb der Gassenküche aufhalten», so Reist.

«Die Leute haben nicht fertigkonsumiert, wenn die Gassenküche Feierabend hat.»

Franziska Reist, Geschäftsleiterin Verein Kirchliche Gassenarbeit

Vielleicht falle es nun aber auch einfach mehr auf, weil weniger Leute unterwegs sind. «Konsumiert wird auch in normalen Zeiten im öffentlichen Raum: Gerade inhalativ, wenn jemand einen Zug von seiner Pfeife nimmt. Die Leute haben nicht fertig konsumiert, wenn die Gassenküche Feierabend hat.»

Deswegen wurden in der Gassenküche Pufferzonen geschaffen und im Garten eine Wartezone errichtet. Das Essen kann zum Mitnehmen abgegeben werden. Und sogar gratis, weil der Kanton die Kosten für die Klienten übernimmt.

Bahnt sich eine offene Szene an? Wohl kaum

In Bern befürchtete man sogar die erneute Entstehung einer offene Drogenszene: Denn Rückzugsorte fallen weg, konsumiert wird teilweise sichtbar im öffentlichen Raum, berichtete die «NZZ». Deswegen stellte man in Bern Container auf, in denen Abhängige ihren Stoff konsumieren können.

Eine offene Szene nimmt man in Luzern nicht wahr. Auf öffentlichem Grund stellt die Luzerner Polizei keine grossen Veränderungen fest. Drogenabhängige halten sich nach wie vor an ihren bevorzugten Aufenthaltsorten auf: dem Bahnhofsplatz, beim Busperron und dem Vögeligärtli, sagt Mediensprecher Christian Bertschi.

Wenn die Polizei intervenieren muss weil Abstandsregeln nicht eingehalten werden, hätten Randständige teilweise gereizter reagiert. «Aber das ist nicht primär ein Phänomen bei den Drogenabhängigen. Generell spüren wir, dass alle zur Normalität zurückkehren wollen und man deswegen zunehmend gereizter reagiert, wenn die Polizei auf die Weisungen des Bundes aufmerksam macht», so Bertschi.

Gebrauchte Spritzen gefunden

Die aufsuchende Sozialarbeit ist regelmässig in Kontakt mit der SIP. «Wir haben an zwei, drei Plätzen vermehrt Konsumspuren gefunden. Also Spritzen und Abfall, die auf Drogenkonsum hinweisen», sagt Rogenmoser. «Aber nicht übermässig, sodass man annehmen muss, dass sich die Szene wieder im grossen Stil trifft.»

Die meisten seien in kleinen Gruppen unterwegs, zu zweit, zu dritt oder zu viert. Und sie seien unterwegs, also nicht an einem festen Ort, an dem sich eine Szene bilden könnte. Und etwas ganz anderes stellt Rogenmoser fest: Junge Menschen, die sowohl der Asa als auch der SIP nicht bekannt sind, «aber offensichtlich auf der Suche nach Stoff sind».

Drop-in: 27 Personen sind neu in einem Programm

Präventiv suchte man mit der Drogenabgabe Drop-in nach Lösungen, um die Stoffnot auf ein Minimum zu reduzieren. Das Drop-in erklärte sich dazu bereit, mehr Leute in ihr Programm aufzunehmen.

An drei Tagen führten sie in der Gassenküche Aufnahmegespräche mit Abhängigen durch, die noch in keinem Programm sind. Die erste Abgabe fand vor Ort statt. «27 Personen befinden sich nun in einem Programm – das sind 80 Prozent aller, die ein Aufnahmegespräch hatten. Auch das brachte eine grosse Entspannung mit sich.» Regelmässig würden diese nun Termine wahrnehmen, um den Stoff abzuholen und einzunehmen.

«Diese Strategie hat einigen suchtbetroffenen Personen ermöglicht, mit einer Behandlung bei uns zu starten.»

Luzerner Psychiatrie

«Diese Strategie ist eine Erfolgsgeschichte und hat einigen suchtbetroffenen Personen ermöglicht, mit einer Behandlung bei uns zu starten», heisst es auf Anfrage bei der Luzerner Psychiatrie. «Ein Aufnahmestopp stand bei uns nie zur Diskussion.»

Aber auch im Drop-in dürfen derzeit nur vier von neun Plätzen im Injektionsraum gleichzeitig benutzt werden. Dafür hat die ambulante Behandlungs- und Abklärungsstelle für opioid- oder mehrfachabhängige Menschen länger offen und die Patienten für ihre Bezüge in Kleingruppen eingeteilt.

Das «Zuhause» fehlt den Randständigen

Die Gassenküche fehlt den Menschen trotzdem, wie sowohl Reist als auch Rogenmoser sagen. Einige hätten beklagt, dass der Bund ja schon sagen könne, man solle zu Hause bleiben. Gar nicht so einfach, wenn man kein Zuhause habe. Sie können morgens nicht mehr jassen, Zeitungen lesen oder gemeinsam in grossen Gruppen miteinander essen. Reist sagt: «Für viele ist die Gassenküche ihr Zuhause.»

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1 Kommentare
  1. Silvan Studer, 25.04.2020, 12:20 Uhr

    Ich finde den Begriff „Randständige“ nicht treffend.
    Hier wird doch ausschliesslich von Drogensüchtigen gesprochen, das ist ja wohl nicht ganz das gleiche.
    „Randständig“ kann man auch ohne harte Drogen sein.

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