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Sie hat über 1000 Luzerner Jugendliche fürs Theater begeistert
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«Ich will wissen, was bei den Jugendlichen los ist»: Lisa Bachmann hat 40 Jahre Theater unterrichtet. (Bild: jwy)

Lisa Bachmann hört nach 40 Jahren auf Sie hat über 1000 Luzerner Jugendliche fürs Theater begeistert

6 min Lesezeit 23.03.2018, 15:21 Uhr

Mit ihrer Pension geht eine Ära zu Ende: Seit 1979 unterrichtet Lisa Bachmann an der Kantonsschule Musegg Theater. Vier Jahrzehnte hat sie mit Jugendlichen Basisarbeit geleistet und diese zu Persönlichkeiten ausgebildet. Nun schaut sie mit Wehmut auf die letzte Premiere.

Heerscharen von Jugendlichen schnupperten bei Lisa Bachmann erstmals Theaterluft. Und so manche Schauspielerlaufbahn nahm bei ihr den Anfang. Nachgerechnet hat sie nicht, aber über den Daumen gepeilt schätzt sie, dass rund 1300 Jugendliche bei ihr im Schulhaus Musegg oder im Hirschengraben in den letzten 40 Jahren den freiwilligen Theaterkurs besucht haben.

Rund 60 Theaterstücke hat die 65-jährige Regisseurin, Autorin und Theaterpädagogin in dieser Zeit realisiert. Nun hat sie das Pensionsalter erreicht, am Sonntag steht ihre letzte Premiere bevor (siehe Box). Für die neuste Produktion «Wette, es merkt’s niemer» hat Lisa Bachmann den Text selber geschrieben und führt Regie. Das Stück spielt in den 1920er-Jahren und ist inspiriert vom Musical «My Fair Lady».

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zentralplus: Es hat wohl in den letzten Jahrzehnten in Luzern niemand mehr Jugendliche für Theater begeistert als Sie.

Lisa Bachmann: Ich glaube, das ist so, ja. Fast 40 Jahre unterrichtete ich am Musegg-Schulhaus Theater, 20 Jahre am Hirschengraben, dazu kommen Theaterkurse an anderen Schulen. Wenn man das alles zusammenzählt, könnte es tatsächlich sein, dass ich am meisten junge Leute theatralisch animiert habe.

zentralplus: Kommen Jugendliche bei Ihnen das erste Mal mit Theater in Berührung?

Bachmann: Ja, und es ist schön, wenn die Initialzündung weiterführt. Einige Ehemalige haben mit Schauspiel oder Theaterpädagogik weitergemacht. Ueli Blum zum Beispiel, der heute als Schauspieler und Regisseur arbeitet. Manchmal würde man sie gern noch behalten, aber man muss sie dann ziehen lassen, wenn sie ein «richtiges Stück» machen wollen. Aber ich habe auch profitiert: Ich konnte Jugendliche herauspicken und mitnehmen für meine anderen Jugendtheaterprojekte neben der Schule, etwa für die Gruppe «EccoRondo».

zentralplus: 40 Jahre sind eine stolze Zeit. Ist Ihnen diese Basisarbeit nie verleidet?

Bachmann: Nein, das war für mich nie eine Frage. Das kreative Potenzial auf der Musegg war immer sehr hoch. Klar gab es Schwankungen, aber es sind einfach immer tolle Leute, die Theater machen. Ich stecke als Person zwar viel Energie hinein, bekomme aber auch ganz viel Energie zurück. Ich bin immer noch neugierig, manchmal ganz kindlich und will wissen, was bei denen los ist. Ich höre den Jugendlichen einfach gerne zu. So bin ich nie Gefahr gelaufen, in ausgelatschte Schuhe zu stehen.

Die letzte Produktion

Lisa Bachmann arbeitet als Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin in Luzern. Seit diesem Jahr ist sie pensioniert, aber weiter in verschiedenen Gruppen aktiv, zum Beispiel mit EccoRondo, Luki*Ju. Aktuell schreibt sie ein Stück für die Märlibühne Sarnen. Das Freifach Theater gibt es weiterhin, die Theaterschaffende Nicole Davi übernimmt am Musegg und Hirschengraben von Lisa Bachmann.

Ihre letzte Produktion an der Kantonsschule Musegg heisst «Wette, es merkt’s niemer?» – ein Theaterstück mit Musik und Chor. Premiere: Sonntag, 25. März, 15 Uhr, Theaterpavillon Luzern. Weitere Vorstellungen bis 28. März.

zentralplus: Sie erarbeiten die Stücke eng mit den Jugendlichen. Haben sich die Themen gewandelt?

Bachmann: Die Schwerpunkte blieben die gleichen: Liebe, Eltern oder Schule. Und dann gibt es Themen, die sich wandeln. Einmal war es etwas Spirituelles mit Engeln, einmal war das Mittelalter ein Thema und jetzt im neusten Stück die 20er-Jahre. Die fahren da voll drauf ab und haben Spass.

zentralplus: Wieso ist es Ihnen wichtig, dass die Jugendlichen die Figuren selber entwickeln?

Bachmann: Etwas durchzuboxen, ist nicht meine Art. Es ist mir wichtig zu sehen, wie das wächst – ich sage immer: Wie ich aus einer Tulpenzwiebel eine Rose gezüchtet habe. Aus etwas Verstecktem wächst etwas Unerwartetes. Das höre ich auch immer von Eltern und Lehrpersonen: Sie erkennen ihn oder sie nicht wieder. Vorher waren sie zurückhaltend und scheu, und jetzt kommt so ein Röslein. Das ist es doch!

«Theater ist Teil der Persönlichkeitsbildung.»

zentralplus: Hat sich das Interesse der Jugendlichen für Theater verändert? Hat zum Beispiel die Konzentrationsfähigkeit durch Handys gelitten?

Bachmann: Wenn du probst und es ist einer nicht gerade dran, hat er zack das Smartphone vor den Augen. Das ist schon eine Seuche, ich merke es bei mir selber. Man kann ihnen nicht mal einen Vorwurf machen. Aber wenn es drauf an kommt, sind sie immer noch voll konzentriert und liefern. Das ist immer noch gleich.

zentralplus: Und waren auch die Situation an der Schule und die Rahmenbedingungen immer gut?

Bachmann: Von der Schule und den Leitungen kam immer sehr viel Wohlwollen und Unterstützung. Dass das Schultheater nie weggespart wurde, hat auch damit zu tun, dass die Rektoren sich wirklich für das Fach eingesetzt haben. Aber die Rahmenbedingungen wurden nicht einfacher, Theater ist zwar ein Freifach, aber ich brauche immer auch Unterrichtszeit dafür. Da braucht es viel gegenseitige Toleranz.

Szene aus einer aktuellen Probe:

 

zentralplus: Aber die Schule profitiert auch vom Theater?

Bachmann: Das prozesshafte Theater, wie ich es an der Schule machte, ist für mich auf dieser Stufe unabdingbar. Darum sind auch die Schulleitungen so interessiert daran: Theater ist Teil der Persönlichkeitsbildung. Die Jugendlichen wählen ein Thema, hinter dem alle stehen können. Sie wählen ihre Rolle und ihre Figur selber aus, manchmal entspricht sie ganz fest ihnen selber oder einem Wunschbild. Sie sind dann innerlich so dabei, dass es authentisch und glaubhaft wird. Dann kann auch mancher, der nicht so begabt ist, die Inhalte mit seiner Persönlichkeit füllen.

zentralplus: Macht Sie die Leistung stolz?

Bachmann: Manche machen grosse Theaterkunst, manche kleine. Meine Kunst besteht darin, dass ich die Sachen so zusammenführen kann, dass es eine Geschichte gibt, die «verhebt». Das ist es, was den Jugendlichen bleibt, sie nehmen ein Erlebnis mit und erzählen noch lange davon, dass sie Theater gespielt haben.

«Ich werde sicher wehmütig sein, weil die jungen Leute mich gefüttert haben.»

zentralplus: Was sind die schönsten Rückmeldungen?

Bachmann: Wenn Eltern, Lehrpersonen oder Kollegen staunen, was wir in der kurzen Zeit hinbekommen. Und eine Rückmeldung, die nicht verbal ist: Wenn ich sehe, was das in dieser Zeit für Gruppen ergibt. Wie die zueinander schauen, wie sie gemeinsam Verantwortung übernehmen und jeder mit anpackt. Das macht mich wirklich glücklich, wenn ich sehe, dass sie zu einer Einheit zusammengewachsen sind. Sie kommen nicht alle aus der gleichen Klasse, aber es ergeben sich Freundschaften, die weit über die Produktion hinaus halten.

zentralplus: Rund 60 Stücke haben Sie geschrieben. Gibt es solche, die besonders haften bleiben?

Bachmann: Ich habe viele präsent, aber nicht mehr alle. Eine Geschichte wurde später noch von weiteren Gruppen gespielt: Junge Leute kommen nach einem Wochenende, an dem sie tödlich verunglückt sind, in den Himmel respektive in den Vorhimmel. «Zum Schein heilig», hiess das Stück. Es war eine spannende Frage: Was würde ich anders machen, wenn ich nochmals eine Chance erhalte? Wenn ich nochmals auf die Welt hinunter kann? Nur um zu merken, dass ich es nochmals genau gleich machen würde, weil ich in dieser Situation gar nicht anders konnte.

zentralplus: Nun steht Ihre letzte Premiere im Musegg bevor. Kommt Wehmut auf?

Bachmann: Jetzt ist es wie immer, und weil es meine letzte Produktion ist, habe ich mehr Zeit investiert und noch mehr Gas gegeben. Ich freue mich wahnsinnig. Wenn ich aber an Ostermontag denke, wenn alles vorbei sein wird, ist es komisch. Ich werde sicher wehmütig sein, weil die jungen Leute mich gefüttert haben.

zentralplus: Und worauf freuen Sie sich?

Bachmann: Ich habe mehr Zeit fürs Schreiben und für andere Projekte. Und wenn ich daran denke, dass ich nun nicht mehr zum 41. Mal ganz von vorne anfangen muss, hat das auch was Schönes (lacht).

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