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Shutdown bei den Kulturschaffenden
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Statt Rechnungen und Zahlungen zu tätigen, pflanzt Michelle Grob, Leiterin Finanzen und Personal im Neubad, die Beete vor dem Kulturhaus. (Bild: zvg)

Auf einen Schlag arbeitslos geworden Shutdown bei den Kulturschaffenden

4 min Lesezeit 23.03.2020, 05:03 Uhr

Seit dem kompletten Veranstaltungsverbot vom 16. März steht die Kultur still. Ein Schauspieler, ein Musiker sowie die Leiterin für Personal und Finanzen vom Neubad berichten, wie das Coronavirus das Leben von Kulturschaffenden schlagartig verändert hat.

Mit der Aufführung am 7. März konnte Manuel Kühne (41) das Pokerstück «All in» gerade noch ordentlich abschliessen. Seither überschlagen sich die bundesrätlichen Weisungen. Nun sitzt der Schauspieler und Regisseur zu Hause in Emmen und sagt: «Ob es mit dem Pokerstück eine Tournee im Herbst gibt – wie sonst üblich für solche Produktionen – ist fraglich.»

Der zweifache Familienvater meint lakonisch: «Ich bin auf einen Schlag arbeitslos geworden.»

Kultur ist manchmal Sand im Getriebe, aber …

«Durch die Coronakrise ist bei mir veranstaltungsmässig fast alles ins Wasser gefallen», meint Kühne, «und das bis in den Sommer hinein. Einzig ein Auftrag der Zürcher Kantonalbank wurde bis jetzt nicht abgesagt.»

Der Erwerbsausfall ist bitter, doch als Präsident vom Verband der Zentralschweizer Theaterschaffenden weiss er, wie wichtig es ist, dass sich Schauspieler bezüglich Arbeitsrecht und Sozialversicherungen absichern: «Die beste Möglichkeit bietet eine Anstellung bei einem Verein, denn damit ist das Recht auf Arbeitslosengeld gesichert.»

Nur noch ein Auftrag ist Schauspieler Michael Kühne bis Sommer geblieben. (Bild: zvg)

Doch Kühne gibt zu bedenken, dass die meisten Bühnenkünstler neben einer Anstellung zusätzlich als Selbstständigerwerbende ihren Lebensunterhalt bestreiten. Er selber gibt beispielsweise Lesungen oder Schulungen in Firmen.

Zum Schluss wird er nachdenklich und meint: «Diese Krise zeigt, wie wichtig Musik, Theater, Kunst und Literatur, aber auch die vielen Restaurants und Bars sind. Fällt das kulturelle und in einem erweiterten Sinne das gemeinschaftliche Leben weg, so wie jetzt, sieht man, wie karg und trostlos das Leben wird.» Kultur soll zuweilen Sand im Getriebe sein, doch sie ist eben auch Kitt für eine lebendige Gemeinschaft.

Das Neubad ist ein Geisterhaus

Michelle Grob (39) ist zuständig für die Finanzen und das Personal in der Zwischennutzung Neubad. Der Verein Netzwerk Neubad bietet 24 Vollzeitstellen, der grösste Teil davon im Gastrobereich. Fast alle der 60 Mitarbeitenden sind in Teilzeit oder im Stundenlohn angestellt.

Grob hat für sie bereits ein Gesuch für Kurzarbeit bei der Ausgleichskasse eingereicht. «Eine Antwort von der Ausgleichskasse kam schnell», sagt sie. «Dort stapeln sich zurzeit die Gesuche und für die konkrete Umsetzung fehlen die Weisungen der Politik noch.» Doch abgesehen von den finanziellen Unsicherheiten, die auch einzelne Mitarbeitende beschäftigt, sei es jetzt auch sonst wichtig, dass sie miteinander über einen WhatsApp-Chat in Verbindung blieben.

«Immerhin sind die vermieteten Ateliers noch in Betrieb.»

Michelle Grob, zuständig für Finanzen und Personal im Neubad

 «Geisterhaft sei es in den leeren Räumen», sagt sie, «doch immerhin sind die vermieteten Ateliers noch in Betrieb. Es ist schön, wenigstens einige Menschen bei der Arbeit anzutreffen.»

Denn vor Ort war Grob die vergangene Woche täglich. Doch anstatt sich mit Zahlungen und Rechnungen herumzuschlagen, pflanzt die Finanzchefin zurzeit Kräuter und Blumen in die Beete vor dem Neubad. Gartenarbeit ist wohl etwas vom Besten in diesen aufgebrachten Zeiten: beruhigend, nützlich und in epidemiologischer Hinsicht gänzlich unbedenklich.

In finanzieller Hinsicht nichts zu lachen

Der Musiker Thomas Tavano (43) tingelt in unterschiedlichen Formationen in halb Europa herum. Eben kam er mit seinen Mitmusikern vom Authentic Light Orchestra aus Moskau zurück, wo die World Music Band zwei Konzerte gab.

Tavano ist ein Vollblutmusiker, für den die künstlerische Freiheit an oberster Stelle steht. Für den umtriebigen und vielbeschäftigten Bassisten hat sich auch deswegen der Traum, ausschliesslich von der Musik zu leben, in all den Jahren relativiert. Wie so viele Musiker unterrichtet auch er an einer Musikschule, ein weiterer Brotjob kommt hinzu.

Bassist Thomas Tavano: «Es ist verrückt.» (Bild zvg)

Sein musikalischer Terminkalender wurde wegen des Coronavirus schlagartig leer. Alle zehn bis im Juli geplanten Konzerte wurden im Laufe der letzten Tage abgesagt. Der durch die Pandemie abrupt eingetretene Stillstand im öffentlichen Leben verunsichere die Veranstalter enorm, sagt Tavano weiter. «Da die Kulturbetriebe und Veranstalter ihre Konzerte jeweils ein halbes Jahr im Voraus terminieren und viele an ein Ende der Ausgangssperre am 19. April nicht recht glauben mögen, wird wohl bis August und darüber hinaus nicht viel Neues gebucht. Es ist verrückt.»

Soforthilfe für Kulturschaffende in Aussicht

Zu guter Letzt immerhin eine gute Nachricht. Der Bundesrat stellt in der aktuellen Verlautbarung vom Freitag für Kulturschaffende eine Soforthilfe und Entschädigungen von 280 Millionen Franken zur Verfügung. Auch für selbständigerwerbende Schauspieler und Musiker.  

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