Gesellschaft

So wirkt sich Corona auf den Kinderwunsch aus
«Sex nach Plan war einfacher im Homeoffice»

  • Lesezeit: 6 min
Wie beeinflusst die Corona-Pandemie, wie wir über Kinderwunsch und Familienplanung denken?
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Wie beeinflusst die Corona-Pandemie, wie wir über Kinderwunsch und Familienplanung denken? (Bild: Kelly Sikkema/Unsplash)

Ärztinnen in Luzerner Kinderwunschkliniken haben alle Hände voll zu tun. Mehr als vor Corona. Ein Luzerner Kinderwunschcoach erklärt, weshalb die globale Gesundheitskrise gewisse Paare belastet – und andere erleichtert.

Ein Kind zu bekommen, ist eine zeitaufwändige Behandlung – wenn es nicht von alleine klappt. Zum Beispiel bei einer In-vitro-Fertilisation, wo die Befruchtung nicht im Körper der Frau, sondern im Glas, künstlich im Labor stattfindet.

Jeden Tag müssen Hormone gespritzt werden. Mehrmals in der Woche kontrolliert eine Ärztin per Ultraschall, wie sich die Eizellen entwickeln. 36 Stunden nach dem Eisprung werden Eizellen entnommen. An demselben Tag muss der Partner sein Sperma in die Klinik bringen. War die Befruchtung erfolgreich, kommt die befruchtete Eizelle in einen Brutschrank. Wenige Tage darauf wird die Eizelle in die Gebärmutter der Frau eingesetzt.

Die Kurzfassung von In-vitro-Fertilisation: zahlreiche, kleine, aber komplexe Schritte. Viele Termine in Kinderwunschkliniken – und viel Geld.

Die Situation rund um Corona hat die Sache erleichtert. Denn viele Paare sind im Homeoffice. Sie müssen nicht ständig nach Ausreden und Entschuldigungen suchen, warum sie einen Termin ausser Haus haben. Und das in einer Kinderwunschklinik.

Andere Paare waren verunsichert

Seit Anfang Jahr coacht Anita Mäder in ihrer Praxis im Luzerner Tribschen Paare mit Kinderwunsch (zentralplus berichtete). «Gerade Frauen, die aufgrund ihres unerfüllten Kinderwunsches regelmässig eine Kinderwunschklinik aufsuchen müssen, hat die Homeoffice-Zeit extrem entlastet», sagt Mäder. «Denn den Chef frühzeitig über die Familienplanung zu informieren, kann für Frauen heikel werden. Schliesslich könnte dies nächste Karriereschritte beeinflussen.»

Auch Paaren, die es auf natürlichem Wege versuchen, brachte die Pandemie Vorteile. «Sex nach Plan war einfacher, wenn beide im Homeoffice waren.» Sex nach Plan, das heisst: Zyklusmonitoring, Temperaturmessen, die Zweisamkeit in den Terminkalender eintragen, wenn die Frau ihre fruchtbaren Tage hat.

«Frauen, die aufgrund ihres unerfüllten Kinderwunsches regelmässig eine Kinderwunschklinik aufsuchen müssen, hat die Homeoffice-Zeit extrem entlastet.»

Anita Mäder, Kinderwunschcoach

Die Pandemie brachte aber auch Probleme. Zeitweise wurden wegen Corona die Termine und Behandlungen in den Kinderwunschkliniken sistiert. Etwa während des ersten Lockdowns im Frühling 2020. Auch durch das erschwerte Reisen waren auch Behandlungen in ausländischen Kliniken schwierig, erklärt Mäder.

Manche Paare sind zudem wegen der Corona-Impfung verunsichert. Nicht nur, weil der Mythos umherspukte, die Impfung mache unfruchtbar. Sondern weil Fachleute empfahlen, nach dem Piks ein bis zwei Monate bis zur nächsten Kinderwunsch-Behandlung zu warten. Das bedeutet wiederum: Kalkulieren, wann die Impfung und wann die nächste Behandlung ansteht.

Früher Lebensmittelwissenschaftlerin, coacht sie heute Frauen und Paare mit unerfülltem Kinderwunsch oder nach Fehlgeburten.

Kinderwunschklinik St. Anna: Beratungsaufwand ist gestiegen

Seit der Pandemie suchen schweizweit mehr Paare eine Kinderwunschklinik auf. Auch das Kinderwunschzentrum der Klinik St. Anna spürt seit Corona Veränderungen: «Was in den letzten zwei Jahren tendenziell zugenommen hat, ist der Beratungsaufwand für unsere Paare», sagt Sabine Steimann. Sie ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Leiterin des Kinderwunschzentrums der Klinik St. Anna.

«Zunächst einmal fragen sich viele, wie sinnvoll es überhaupt ist, während dieser Gesundheitskrise schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen.»

Sabine Steimann, Leiterin Kinderwunschzentrum Klinik St. Anna

Die Pandemie werfe viele Fragen auf. «Zunächst einmal fragen sich viele, wie sinnvoll es überhaupt ist, während dieser Gesundheitskrise schwanger zu werden und ein Kind zu bekommen», so Steimann. «Dann kommen medizinische Fragen hinzu, etwa, was eine Covid-Infektion für die Mutter und das ungeborene Kind bedeuten würde. Und nicht zuletzt haben wir in den letzten Jahren auch die finanzielle Unsicherheit vieler Paare gespürt.» Das wirkt sich jedoch nicht auf die Anzahl der Konsultationen aus. Diese sind in etwa auf dem Niveau von 2019, also ein Jahr vor Corona. 

Sabine Steimann, Leiterin des Kinderwunschzentrums der Klinik St. Anna.

Kinderwunschzentrum des Luzerner Kantonsspital verzeichnet einen Anstieg

Das Kinderwunschzentrum des Luzerner Kantonsspitals beobachtet «tatsächlich einen Anstieg an Konsultationen», wie Alexandra Kohl Schwartz, Leiterin der Abteilung für Reproduktionsmedizin auf Anfrage sagt. Inwiefern die Corona-Pandemie damit zusammenhängt, kann sie nicht sagen.

Andreas Tandler-Schneider, Reproduktionsmediziner im Kinderwunschzentrum Fertility Center Berlin, erklärt es in einem Bericht von «Die Welt» so: Paare finden nun mehr Zeit und Musse, gerade in Zeiten von Homeoffice. «Gerade die Paare, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, tragen den Kinderwunsch schon länger in sich. Jetzt haben sie die Zeit, ihn zu realisieren.» Und weil man nicht in die Ferien konnte, wird das Ersparte in die Behandlung investiert. Zudem habe das Nestbuilding einen höheren Stellenwert als vor Corona. Und dazu gehöre auch die Familienplanung.

«Ein Paar empfand es im Nachhinein als sehr schön und entlastend, mal eine Pause in der Behandlung zu haben.»

Anita Mäder

Auch Anita Mäder vermutet, dass die Pandemie zu Beginn teilweise Paare in ihrem Kinderwunsch verunsichert hat. «Aber ich glaube, dass sich das mittlerweile eingependelt hat und Paare ihrem Kinderwunsch wieder gleich nachgehen wie vor Corona. Zudem suchen Paare ja nicht von heute auf morgen eine Kinderwunschklinik auf. Die meisten versuchen es ein, wenn nicht sogar zwei Jahre auf natürlichem Wege, bis sie sich dafür entscheiden, medizinische Hilfe in einer Klinik in Anspruch zu nehmen.»

Der Babyboom blieb aus

Zu Beginn von Corona haben wir spekuliert, ob es zu einem Babyboom oder mehr Trennungen kommen wird. Einen Babyboom können wir jedenfalls ausschliessen: Schweizweit haben Paare im Corona-Jahr 2020 sogar leicht weniger Kinder bekommen als noch im Jahr zuvor. In Luzern ist die Anzahl Geburten in etwa gleich. 2019 kamen 852 Babys auf die Welt, letztes Jahr 851. Das Luzerner Kantonsspital sagt denn auch, dass die Anzahl der Geburten im üblichen Bereich der Schwankungen liege.

«Wir stellen nicht explizit fest, dass Eltern nun in der Corona-Zeit bewusst ihren Kinderwunsch aufgeschoben hätten», so Kohl Schwartz. Das mag auf den ersten Blick überraschen. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass Paare in unsicheren Zeiten oder Wirtschaftskrisen eher mit der Familienplanung zuwarten.

Auch eine Studie der Wiener Soziologin Barbara Rothmüller aus dem Jahr 2020 untermauert das. Sie hat untersucht, wie sich Intimität, Sexualität und das Beziehungsleben während Corona verändert haben. In ihrer Studie hält sie fest: «In Wirtschaftskrisen oder prekären Arbeitsverhältnissen neigen Menschen tendenziell dazu, einen Kinderwunsch aufzuschieben.»

So gaben bei der Studie lediglich 5 Prozent der Befragten an, dass sie einen neuen Kinderwunsch haben. Ein Fünftel gab an, dass sie ihren Kinderwunsch nicht umsetzen können oder wollen. Und das pandemiebedingt. Am häufigsten aus finanziellen Gründen. Aber auch, weil sie es nicht vertretbar finden, «in dieser Situation ein Kind in die Welt zu setzen».

Anita Mäder kennt kein Paar, das den Wunsch ganz aufgegeben hat. «Ein Paar empfand es im Nachhinein als sehr schön und entlastend, mal eine Pause in der Behandlung zu haben.» Aber auch sie haben nach ein paar Zykluspausen weitergemacht.

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