Sennhütte Zug: In der Idylle werden Leben neu entworfen
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Daniel Kilchmann ist seit 2018 der Geschäftsführer der Sennhütte Zug. (Bild: wia)

Besuch in der neuen Auffangstätte für Suchtkranke Sennhütte Zug: In der Idylle werden Leben neu entworfen

7 min Lesezeit 4 Kommentare 18.09.2021, 20:40 Uhr

Beim Unteren Horbach auf dem Zugerberg wohnen 15 Drogenabhängige, die endlich den Ausstieg schaffen möchten. Wir haben den lauschigen neuen Standort der Institution Sennhütte besucht, denn wir wollten wissen, was sich hinter der Idylle verbirgt.

Eine grosse Lichtung auf dem Zugerberg, abseits der Kinderwagenausflügler. Hühner gackern, Alpakas gucken beleidigt, es gibt einen Teich, ein altes Bauernhaus, einen Stall und einen Gemüsegarten, der jeden Urban Gardener vor Neid erblassen lässt.

So pittoresk der Untere Horbach auch liegen mag: Die Idylle ist nur eine Seite dieses abgelegenen Stückchens Welt. Denn hier, wo die «Sennhütte» seit rund einem Jahr liegt, geht’s ans Eingemachte. Es handelt sich um eine Fachinstitution für Suchttherapie. Ein Ort, der zwar als Auffangstätte dient, an dem die Klientinnen jedoch auch gnadenlos mit sich selber konfrontiert werden.

Aus Turnhalle wurde Werkstatt

Auf dem Gelände der ehemaligen Schule Horbach gibt es ein grosses Wohnhaus, in dem 15 Personen in Einzelzimmern leben. Daneben ein oranger Anbau aus den 70er-Jahren, in dem sich Küche, Ess- und Aufenthaltsraum befinden. An diesem Freitagmorgen tummeln sich drei Menschen darin. Sie erholen sich auf dem Sofa von den Aufgaben, die sie an diesem Morgen zu erledigen hatten.

Draussen vor dem Raum steht ein kleiner Pool, im Gebäude steht eine Sauna zur Verfügung. In der ehemaligen Turnhalle, einen Steinwurf entfernt, ist die Holzwerkstatt untergebracht, in der die Bewohner vier Tage die Woche arbeiten. Wer hierher kommt, muss funktionieren und Verantwortung übernehmen. Fordern, ohne zu überfordern, so das Motto.

Der Gemüsegarten in voller Pracht.

«Zu uns kommen Menschen, die abhängig sind von illegalen Substanzen, meist schon mehrere Entzüge hinter sich haben und immer wieder rückfällig geworden sind», sagt Daniel Kilchmann, Geschäftsführer der Sennhütte. «Viele von ihnen glauben nicht mehr recht daran, dass sie aus ihrer Situation herauskommen können.»

Ungefähr jeder dritte Bewohner kommt aus dem Kanton Zug. «Den körperlichen Entzug haben die Klienten schon hinter sich, wenn sie zu uns kommen. Dennoch ist klar, dass es für sie noch zu früh für eine Reintegration ist. Bei uns sollen sie herausfinden, wo der Grund für die Sucht liegt.»

Hier gibt’s kein Methadonprogramm

Besonders an der Sennhütte: Anders als in den meisten anderen Institutionen macht man hier keine substitutionsgestützte Behandlungen. Ein ehemaliger Heroinabhängiger erhält also beispielsweise kein Methadon als Ersatz. «Wir fordern von allen Klienten dasselbe: Dass sie sich an eine Tagesstruktur halten, arbeiten und ihre Ämter erledigen», so Kilchmann. «Das ist schwieriger, wenn jemand Methadon nimmt, da dies häufig sedierend wirkt.»

Ausserdem, so beteuert der Sozialarbeiter, sei es wichtig, dass sich die Menschen erleben, ohne unter dem Einfluss von Suchtmitteln zu stehen. «Nur so erleben sie, was oder wo es ihnen weh tut und können es in der Therapie zum Thema machen.»

«Konflikte werden bewusst thematisiert und ausgetragen.»

Ziel des Aufenthalts in der Sennhütte ist, dass die Klienten merken, wie sie überhaupt leben wollen. «Letztlich geht es darum, dass sie lernen, eigene Lebensentwürfe zu entwickeln und diese zu verfolgen.»

Idyllisch liegt die Institution Sennhütte am Unteren Horbach auf dem Zugerberg.

Konfrontationen kommen während dieses Prozesses häufig vor. Nicht schlimm, findet der Geschäftsführer. Im Gegenteil. «Gute Beziehungen sind belastbar und wenn ein Klient beispielsweise wütend wird auf ein Teammitglied, zeigen sich persönliche Themen. Offene Konflikte machen diese Themen bearbeitbar.»

Dasselbe gilt für Auseinandersetzungen unter den Klienten. «Diese werden bewusst thematisiert und ausgetragen.» Und wenn ein Teammitglied einen schlechten Tag und eine dünnere Haut hat? «Dann darf er oder sie das auch zeigen. Handkehrum arbeiten hier ausgebildete Menschen, die wissen, wie sie professionell mit beispielsweise abwertenden Aussagen umgehen können, ohne dass sie diese auf sich beziehen.» Wenn man bedenke, wie oft es in normalen WGs zu Konflikten komme, würden die Bewohner das Zusammenleben hier sehr gut auf die Reihe bringen.

Die Abschiede sind schwierig

Was den Geschäftsführer der Sennhütte viel eher betroffen macht, sind die Abschiede. Ein bis eineinhalb Jahre verbringen die Klienten in der Institution. Wenn sie gehen, haben sie laut Kilchmann alle einen Job in der Tasche oder eine sonstige längerfristige Anschlusslösung. «Den Weg, den die Menschen in der Zeit bei uns machen, ist gewaltig. Wenn jemand zudem beim Abschied sagt, dass die Sennhütte das erste richtige Daheim war, das man hatte, ist das sehr berührend», sagt der 38-Jährige.

«Jede einzelne Person, auch die Mühsamsten, schliesst man ins Herz.»

Als er von diesen Szenen erzählt, verändert sich seine Stimmlage merklich. «Jede einzelne Person, auch die Mühsamsten» – er lacht und ergänzt, dass die Betroffenen genau wissen, falls sie gemeint seien – «schliesst man ins Herz.» Tatsächlich sei der Abschied bei den zähen Fällen oft besonders schwierig. «Dadurch, dass Team und Klienten sehr nahe miteinander arbeiten, entsteht oft eine enge Beziehung. Das ist zwar erfreulich, doch das Ziel ist, dass uns die Klienten letzten Endes loswerden.»

Viele Einzel- und Gruppentherapien absolvieren die Bewohner während ihrer Zeit in der Sennhütte.

Man sagt, je länger jemand in einer Psychiatrie oder einer Institution lebe, desto schwieriger sei die Rückkehr in den Alltag. Läuft die Sennhütte – zwischen Wald, Wiese und Alpaka – nicht Gefahr, dass sich hier eine Parallelwelt bildet, welche fernab der Realität ist?

«Nein. Zum einen ist die Sennhütte im regen Austausch mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug, zu der wir gehören. Zum anderen ist uns sehr wichtig, dass die Klienten den Kontakt nach aussen halten», sagt Kilchmann. Zwar verhänge die «Sennhütte» anfangs bei neuen Klienten eine zweiwöchige Kontaktsperre. «Während dieser müssen sie – sofern sie beispielsweise keine Kinder haben – etwa ihre Handys abgeben. Danach jedoch müssen sie regelmässig raus.»

Zur Sennhütte Zug

Die Sennhütte Zug wurde 1985 gegründet und steht seit 2012 unter der alleinigen Trägerschaft der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug. 2018 sah sich die Institution mit grossen Unsicherheiten konfrontiert, da der Kanton Zug im Rahmen eines Sparprogramms den Sockelbeitrag über 280’000 Franken an die Sennhütte strich. Durch mehr Therapieplätze und Synergieeffekte innerhalb der Organisation finanziert sich die Sennhütte nun ohne den Sockelbeitrag des Kantons. Dies ist möglich, da die Finanzierung subjektorientiert passiert, die Heimatkantone und Gemeinden also Beiträge pro Klient/Aufenthaltstag zahlen und die GGZ das finanzielle Risiko mitträgt.

Der Auftrag: In der Bar eine Cola bestellen

Um überhaupt vom Berg herunterzukommen, stehen E-Bikes zur Verfügung, an den Wochenenden verkehrt ausserdem zweimal ein Shuttle. Zu Fuss erreichen die Klienten die Bergstation in 30 Minuten.

Anfangs sei jedoch eher die Tendenz, dass sich Klienten zurückziehen würden. «Die Angst vor einem Rückfall ist bei vielen gross. Doch ist uns wichtig, dass sie lernen, allein in der Stadt unterwegs zu sein, und sich zutrauen, an einer Bar vorbeizulaufen, ohne gleich wieder zu konsumieren», sagt der Geschäftsführer. In einigen Fällen forciere man bewusst potenziell heikle Situationen.

«So hat jemand einmal den Auftrag erhalten, in einer Bar eine Cola zu bestellen, da er Angst vor einem Alkoholrückfall hatte», erzählt Kilchmann. Ein anderer Klient sei immer wieder rückfällig geworden, weil er ohne Suchtmittel nicht mit Frauen in Kontakt treten konnte. «Als Konsequenz gaben wir ihm den Auftrag, dass er von seinem Geld 20 Rosen kaufen und diese in Zug an Frauen verteilen musste.» Dadurch habe er gemerkt, dass die grosse Hemmschwelle gar nicht nötig sei. Negative Gefühle, die dabei ausgelöst wurden, boten Themen für die nachfolgenden Therapiestunden.

Eine der Werkstätten, in der die Klientinnen vier Tage die Woche arbeiten.

Etwa ein Drittel bleibt abstinent

Klare Regeln zu haben, sei wichtig, ob man nun zu spät zum Frühstück komme oder rückfällig werde. «Hält sich jemand nicht an die Regeln, hat dies Auswirkungen auf die Gruppe, wie unnötige Wartezeiten. Bei Rückfällen kommt zudem die Sorge dazu, wie es mit dem Betroffenen weitergeht.» Häufig werden für Regelverstösse Ämtli verteilt – die Kontrolle, wer wann welche Ämtli abarbeitet, übernimmt die Gruppe selbst.

Es wird niemand gezwungen, den Aufenthalt in der Sennhütte bis zum Schluss durchzustehen. Die Klientinnen sind überwiegend freiwillig in der Therapie und könnten auch einfach wieder gehen. Die meisten schliessen trotzdem ab. Und was passiert nachher? «Etwa ein Drittel der Klienten bleibt abstinent. Ein weiterer Drittel schafft es, nur zwischendurch zu konsumieren, quasi gesellschaftlich normal. Und ein Drittel stürzt wieder ab», sagt Kilchmann pragmatisch. Es ist eine gute Bilanz, gerade in Anbetracht des steinigen Weges, welche die Klienten der Sennhütte bereits hinter sich haben.

«Unsere Belegung ist mit rund 94 Prozent auch dieses Jahr überdurchschnittlich hoch.»

Das hat sich herumgesprochen. «Die Anfragen für Plätze in der Sennhütte wurden in den letzten zehn Jahren immer mehr», sagt Kilchmann. «Unsere Belegung ist mit rund 94 Prozent auch dieses Jahr überdurchschnittlich hoch.» Der Schweizer Durchschnitt liegt bei einer 84-prozentiger Belegung. Umso besser, dass man am neuen Standort, den die Sennhütte im Mai letzten Jahres bezogen hat, nun fünf Personen mehr aufnehmen kann.

Obwohl der Umzug nicht nur freiwillig geschah, ist das Team heute glücklich am neuen Ort (zentralplus berichtete). Blickt man sich um, ist man darüber nicht erstaunt. Auch wenn die Alpakas noch immer empört gucken.

Auch dieses Ensemble gehört zur Sennhütte. Daneben zu sehen: Hässige Alpakas.

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4 Kommentare
  1. Passionist, 18.09.2021, 21:40 Uhr

    Ich bin seit ca. 9 Monaten in der Sennhütte und bereue keinen einzelnen Tag davon, auch wenn es reichlich solche gab, die ich auf emotionaler Ebene als sehr schlimm empfunden habe.
    Die abgelegene Lage ist nicht jedermanns Sache, für mich aber optimal. Idyllisch in der Natur gelegen gibt mir die Sennhütte das Gefühl von einem sicheren Rückzugsort, um zumindest temporär frei von gefährlichen Einflüssen zu sein.
    Der erwähnte Abschied wird auch mir schwer fallen, sehr sogar. Vor diesem Tag habe ich grosse Angst.

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    1. Heimwehberner, 19.09.2021, 16:21 Uhr

      Wünsche dir viel Kraft und den nötigen Willen. Du packst das!

      1 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter
    2. MikeLeon, 19.09.2021, 20:02 Uhr

      Respekt und Glückwunsch, Sie haben schon sehr viel erreicht und können stolz auf sich sein. Ihre Angst vor dem Abschied zurück in den Alltag kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich wünsche Ihnen für den Austritt viel Zuversicht und die Kraft, das mitgegebene Rüstzeug jederzeit abrufen zu können. Viel Erfolg und alles Gute für Sie.

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    3. Redaktion Valeria Wieser, 21.09.2021, 14:12 Uhr

      Lieber Passionist
      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar, der mich gefreut hat. Ich wünsche dir viel Kraft für die kommende Zeit und gutes Arbeiten. Ob in den Werkstätten, im Garten oder an den eigenen Lebensentwürfen. Beste Grüsse, Valeria Wieser

      0 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter

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