Selfie-Schwemme im Kunstmuseum
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(Bild: zvg)

Luzerner Selbstdarstellung Selfie-Schwemme im Kunstmuseum

4 min Lesezeit 17.03.2015, 12:03 Uhr

Soziale Netzwerke werden überschwemmt von Selfies. Doch was steckt hinter diesem Trend? Studenten der Universität Luzern versuchen dies in einem Projekt herauszufinden und bringen rund 1’600 Handy-Selbstporträts ins Museum.

Selfies sind schwer im Trend. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Instagram sind überschwemmt mit diesen fotografischen Selbstdarstellungen. Längst sind es nicht mehr nur Personen des öffentlichen Lebens, die das Bedürfnis haben, sich zu präsentieren. Die banalste Alltagssituation genügt, um das Handy zu zücken und loszuknipsen — und die Welt daran teilhaben zu lassen. Grund genug für die Universität Luzern, sich auch auf wissenschaftlicher Ebene mit dem Phänomen «Selfies» auseinanderzusetzen.

Im Rahmen des Projekts «Selfies und Selbstporträts in Kunst, Philosophie und im Alltag», welches dieses Semester vom philosophischen Seminar der Universität Luzern in Zusammenarbeit mit dem Kunstforum Zentralschweiz und dem Kunstmuseum Luzern durchgeführt wird, setzen sich 18 Studierende unter anderem damit auseinander, woher dieses Bedürfnis der Selbstdarstellung kommt. Ist es ein Ausdruck einer immer narzisstischer werdenden Gesellschaft? «Das Verlangen, sich selbst zu inszenieren, ist an und für sich nichts Neues», erklärt Lisa Schmalzried vom philosophischen Seminar der Universität Luzern. «Neu ist hingegen, dass es sich dabei um ein Massenphänomen, quasi um eine Demokratisierung der Selbstdarstellung, handelt», so die Leiterin des Projekts weiter.

«Grundsätzlich ist das Selfie ein spontan fotografiertes, improvisiertes Selbstporträt.»
Jacqueline Falk, Kunsthistorikerin und Kulturbeauftragte der Stadt Zug

Installation im Kunstmuseum

«Selfies und Selbstporträts» im Kunstmuseum

Das philosophische Seminar der Universität Luzern, das Kunstforum Zentralschweiz und das Kunstmuseum Luzern spannten für das Studierenden-Projekt «Selfies und Selbstporträts in Kunst, Philosophie und im Alltag» zusammen. Am 18. März um 18:00 Uhr findet im Kunstmuseum Luzern die öffentliche Abschlussveranstaltung des Projekts statt. Dabei werden die Projekte der Studierenden präsentiert, welche die aktuelle Ausstellung des Kunstmuseums «Von Angesicht zu Angesicht» ergänzen. Neben der Selfie-Installation wird eine Gegenüberstellung von Selfies und (Selbst-)Porträts, die in der aktuellen Ausstellung gezeigt werden, gezeigt. Des Weiteren wird an einer Podiumsdiskussion mit dem Künstlerduo Haus am Gern, Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta, dem «Facebook»-Künstler Jonas Samuel Bauman, dem Künstler Gregory Hari und der Kuratorin und Kunstvermittlerin Susanne König über die Bedeutung von Selbstporträts und Selfies in der Kunst und im Alltag diskutiert.

Selbstporträts finden sich seit den Anfängen der Kunstgeschichte. Und die Möglichkeiten, sich selbst zu inszenieren, sind im Laufe der Zeit durch neue Medien vielfältiger geworden. Dies wird auch in der aktuellen Ausstellung «Von Angesicht zu Angesicht» im Kunstmuseum Luzern deutlich. Als Erweiterung dieser Ausstellung wird am kommenden Mittwoch (siehe Box) im Atelierraum des Kunstmuseums eine Selfie-Installation präsentiert.

Auf 25 Quadratmeter werden sich insgesamt 1’675 Selfies aus aller Welt wiederfinden. Neben Selfies aus Bangkok, Berlin, Moskau, New York und São Paulo, die vom Portal Selfiecity zur Verfügung gestellt wurden, sammelte die Projektgruppe auch 150 Selfies von Studierenden der Universität Luzern. Was steckt hinter der Idee, Selfies als Kunstobjekte darzustellen? «Es sind nicht die Bilder an sich», erklärt Jocelyne Iten, Mitglied der Projektgruppe. «Es ist die Vielfalt der ausgestellten Selfies, welche die Installation ausmacht», sagt die Kulturwissenschafts-Studentin weiter.

Die Installation zeigt Bilder von Menschen verschiedenster Herkunft in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Die 150 Selfies von Studierenden der Universität Luzern fallen dabei unter den restlichen 1’525 Selbstporträts nicht speziell auf. «Obwohl Selfies aus den verschiedensten Kulturkreisen gezeigt werden, wird deutlich, dass alle Personen ähnliche Formen der Selbstinszenierung brauchen», sagt Quendrim Januzi. Dem Student der Gesellschaft- und Kommunikationswissenschaft ist dieser Aspekt der Installation besonders wichtig. «Es zeigt, dass alle Menschen trotz ihrer Unterschiede letztlich gleich sind.»    

Selfies als Kunstobjekt

Doch ist ein Selfie ein Kunstobjekt? Nein, meint Kunsthistorikerin Jacqueline Falk. «Grundsätzlich ist das Selfie ein spontan fotografiertes, improvisiertes Selbstporträt.» Es handle sich um eine visuelle Mitteilung, die meist ohne künstlerischen Anspruch für private Zwecke entstehe. «Das Selfie dient meist der Selbstdarstellung und liegt als fotografisches Subgenre zwischen dem Erinnerungsfoto und einem Passautomatenfoto», erklärt die Kulturbeauftragte der Stadt Zug weiter. «Sie werden meist ohne grossen Aufwand oder künstlerischen Anspruch gemacht, um anschliessend an Bekannte versendet oder in soziale Netze eingespeist zu werden.»

«Bei künstlerischen Selbstporträts geht es um mehr als Selbstdarstellung.»
Lisa Schmalzried, Philosophisches Seminar der Universität Luzern

Dieser Meinung ist auch Schmalzried: «Selfies werden im Gegensatz zu den klassischen Selbstporträts mit ganz anderen Ansprüchen gemacht.» Bei künstlerischen Selbstporträts gehe es um mehr als Selbstdarstellung. Vielmehr wolle der Künstler damit sein Können und sich selbst als Meister seines Faches präsentieren. «Auf den ersten Blick unterscheiden sich Selfies hier stark von Selbstporträts, aber wenn man genauer hinsieht, verschwimmen die Unterschiede», meint Schmalzried.

«Auch bei Selfies gibt es unterschiedliche ‹Techniken› und bewusst oder unbewusst gibt man eine Auskunft darüber, wie man sich selbst sieht oder wie man selbst gesehen werden möchte», so Schmalzried. Was Kunst letztlich zu Kunst mache, sei stets mit den dahinter stehenden Überlegungen verbunden. «Sicher spielt es auch eine Rolle, ob Selfies in ein Kunstumfeld gebracht werden. Facebook oder Instagram sind keine Kunstgalerien.»

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