«Selbst solide Mittelstandsfamilien können sich die Zuger Mietpreise nicht mehr leisten»
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Tiefverdiener und ältere Menschen werden durch die hohen Mietpreise aus der Stadt Zug vertrieben. (Bild: Christian H. Hildebrand)

Mieterverband zu den Wohnkosten «Selbst solide Mittelstandsfamilien können sich die Zuger Mietpreise nicht mehr leisten»

5 min Lesezeit 4 Kommentare 20.02.2021, 05:00 Uhr

Wenigverdienende werden wegen der hohen Mietpreise zunehmend aus der Stadt Zug verdrängt. Viele dieser «Rendidteopfer» sind ältere Leute. Die politisch Verantwortlichen unternehmen wenig dagegen, findet Urs Bertschi, Geschäftsleiter des Mieterverbandes.

Das Verschwinden von günstigem Wohnraum in Zug wie aktuell in der Letzi (zentralplus berichtete) wirkt sich auf die Bevölkerungsstruktur aus. Urs Bertschi, SP-Gemeinderat, Mitglied der Bau- und Planungskommission, Co-Präsident und Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbandes Kanton Zug (MV Zug) nimmt Stellung zu dem Bauvorgaben.

zentralplus: Die neuen Wohnungen an der Chamerstrasse sollen zu «ortsüblichen» Preisen vermieten werden. Was muss man sich darunter vorstellen?

Urs Bertschi: Praktisch bedeutet die Ankündigung von ortsüblichen Mietzinsen, dass die neuen Wohnung zu Marktpreisen angeboten werden. Dies bedeutet für Mietende, dass die Anfangsmieten nicht nach dem Prinzip der Kostenmiete festgelegt werden, sondern zu Preisen, die der Markt zulässt. Damit werden die Neuwohnungen sicherlich teuer auf den Markt kommen, es sei denn, der Investor auferlegt sich selber Beschränkungen in seinen Renditeerwartungen. Bei Neubauten ist die Anfechtung von Anfangsmieten meist sehr schwierig. Erfolgreich wären solche Anfangsmieten bloss dann anzufechten, wenn die Mieter dem Vermieter eine übermässige, sprich missbräuchliche Rendite nachweisen könnten. Dies aber ist für Erstmieter von Neuwohnungen fast unmöglich,  weil ihnen die Zahlen zum Nachweis einer übermässigen Rendite fehlen. Entsprechend hoch wäre hier das Prozessrisiko.

zentralplus: In welcher Preisklasse werden die neuen Mieten liegen?

Urs Bertschi: Betreffend Chamerstrasse prognostiziere ich mindestens eine Verdoppelung der heutigen Mietpreise. Dass durch solche Preisentwicklungen in Neubauten ganze Mieterschaften «ausgewechselt» werden, da sich die bisherigen Mieter diese massiv höheren Mietzinsen nicht mehr leisten können, erstaunt dann nicht. Was aber mit diesem oft älteren Leuten als eigentliche «Renditeopfer» dann effektiv passiert (Entwurzelung im Alter, Verdrängung aus ihrer Stadt und so weiter), sollte uns als Gemeinwesen schon kümmern und auch betreffen. 

zentralplus: In Zug verschwindet – wie das aktuelle Beispiel zeigt – laufend günstiger Wohnraum, Wenig- bis Normalverdienende werden dadurch aus der Stadt Zug verdrängt. Wie beruteilen Sie diese Entwicklung?

Urs Bertschi: Diese Entwicklung ist leider nicht neu. Zug ist für Investoren lukrativ und wenig riskant. Sie suchen weiterhin die gute Rendite im boomenden Zug. Dazu gehören mittlerweile leider auch die Pensionskassen, die den Markt mangels sicherer anderer Anlagen immer stärker und auch aggressiver in Beschlag nehmen. So scheuen diese beispielsweise auch nicht davor zurück, bei Mieterwechseln die Anfangsmietzinsen massiv zu erhöhen. Dies meist ohne hinreichende Gründe. Die Mieterinnen und Mieter müssen in solchen Fällen den Anfangsmietzins unbedingt überprüfen lassen. Denn der Anfangsmietzins kann oft erfolgreich angefochten werden.  

«Zug riskiert, den gesunden sozialen Mix zu verlieren.»

Urs Bertschi, SP-Gemeinderat

zentralplus: Ist diese Umschichtung der Bevölkerungsstruktur durch steigende Wohnungspreise von der bürgerlichen Mehrheit sogar politisch gewollt? 

Urs Bertschi: Nicht gewollt, aber man scheint sich oft damit zu arrangieren. Auch fehlt es am Willen, die Zusammenhänge solcher Entwicklungen für die Qualitäten einer Stadt zu erkennen. Zug riskiert, den gesunden sozialen Mix zu verlieren. Dies jedoch könnte sich in Zukunft durchaus ändern, denn für die Klientel der bürgerlichen Parteien wird diese Entwicklung hautnah spürbar, indem selbst solide Mittelstandsfamilien sich die Zuger Mietpreise nicht mehr leisten können. Dann kommt vielleicht auch hier verstärkt Bewegung in die Politik.

Urs Bertschi, SP-Gemeinderat und Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbandes Kanton Zug (MV Zug) (Bild: zvg)

zentralplus: Was für Möglichkeiten sehen Sie, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Urs Bertschi: Politisch ist dies wohl recht schwierig und auch nur begrenzt machbar. Immerhin könnten zum Beispiel im Rahmen von Bebauungsplänen (die bekanntlich zu hohen Mehrwerten bei den Investoren führen) bei den Grundeigentümern konsequent Quoten zur Realisierung von preisgünstigen Wohnungen eingefordert werden. Dazu aber braucht es die nötigen Mehrheiten.

Im Weiteren müssten die Wohnbaugenossenschaften zu zahlbarem Bauland kommen. Mit anderen Worten müsste auch aufseiten der Eigentümer ein Umdenken stattfinden, indem sie Bauland nicht bloss dem Meistbietenden verkaufen, sondern zugunsten des Erhalts einer gesunden Durchmischung eben auch einer Wohnbaugenossenschaft oder jungen Familien. 

zentralplus: Was für Vorstösse und Initiativen wurden in der Stadt Zug für günstigen Wohnraum ergriffen oder sind diesbezüglich geplant?

Urs Bertschi: Das Ausscheiden von Zonen für preisgünstigen Wohnungsbau bei der letzten Ortsplanungsrevision oder die Volksinitiative der SP «Wohnen in Zug für alle», deren Umsetzung allerdings aus obengenannten Gründen eher schwierig ist. Diesem Volksauftrag wird leider auch von der städtischen Exekutive nicht mit der gebührenden Entschlossenheit nachgelebt.

«Wohnen ist existenziell und hat Grundrechtscharakter.»

Urs Bertschi, SP-Gemeinderat

Immerhin bestünde nach wie vor auf vereinzelten städtischen Liegenschaften die Möglichkeit, den günstigen städtischen Wohnungsbau voranzutreiben, wie uns dies in der Stadt Zürich oder auch in Wien immer wieder mit erstaunlichen Ergebnissen vorexerziert wird. 

Städtischer Wohnungsbau ist in Zug noch immer ein Tabu, das jedoch schnellstmöglich enttabuisiert gehört. Vielleicht ist der Leidensdruck bei den Bürgerlichen noch nicht hoch genug. Der viel zitierte Wohnungsmarkt ist zum reinen Anbietermarkt verkommen. Wohnen ist existenziell und hat Grundrechtscharakter. Angesichts dieser immer stossender sich abzeichnenden Marktverzerrungen sind politische Interventionen angebracht und geboten.

zentralplus: Welche Möglichkeiten gibt es in Zug, zu einer günstigen Wohnung zu kommen?

Urs Bertschi: Kaum welche, es gibt kein Patentrezept! Dies insbesondere deshalb, weil die zahlbaren Wohnungen sukzessive verschwinden beziehungsweise durch Neubauten ersetzt werden. Für Mieterinnen und Mieter braucht es vor allem Glück, zum Beispiel via Nachmiete zu einer zahlbaren Wohnung zu kommen. 

Anstelle dieser beiden Häuser an der Chamerstrasse will die Zurich Versicherung mehr, aber teurere Wohnungen erstellen. (Bild Beat Holdener)

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4 Kommentare
  1. richard scholl, 23.02.2021, 19:16 Uhr

    Warum hat ein Zuger, sprich in Zug aufgewachsen, Schwierigkeiten in Zug eine Wohnung zu erben, kaufen, mieten? Es sind die Neuzuzüger, die nachfragen und den Markt überlaufen. Ich kenne keinen Zuger, der sich über die Wohnkosten ärgert.

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    1. Daniel Huber, 23.02.2021, 19:41 Uhr

      Dann stelle ich mich vor. In Zug geboren, aufgewachsen, bis auf ein Jahr immer hier wohnhaft. Zu erben gab es nichts und schon gar keine Immobilie, und das 1 Mio. teure Einfamilienhaus, das ich mir als 20-Jähriger nicht leisten konnte, kostet heute 3,5 Millionen und ist immer noch viel zu teuer für mich. So wohne ich in einer eigentlich zu grossen Wohnung, weil ich nichts günstigeres finde. Ich freue mich auf Ihre Angebote!

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  2. Hans Peter Roth, 20.02.2021, 11:03 Uhr

    Um das Grundrecht auf Wohnen aufrecht zu erhalten, braucht es dringend eine radikale Landreform, die darauf aufbaut, dass Wasser, Luft und Land Gemeinschaftseigentum sind und nicht privatisiert werden dürfen.

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    1. Mueller-Knecht Irma Maria, 21.02.2021, 03:25 Uhr

      Bravo und ein grosses Dankeschön an Herr Hans Peter Roth. Endlich jemand wo Klartext spricht bzw. schreibt!

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