Selbst Nobelpreisträger beteten diese Zuger Hohepriesterin an
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Die Schriftstellerin Isabelle Kaiser 1899 an ihrem Schreibtisch. (Bild: zvg)

Isabelle Kaiser, die berühmteste Schweizerin 1900 Selbst Nobelpreisträger beteten diese Zuger Hohepriesterin an

6 min Lesezeit 1 Kommentar 15.01.2018, 12:51 Uhr

In einer Zeit, in welcher Frauen kaum in die Öffentlichkeit traten, war Isabelle Kaiser eine Erscheinung. Die Zuger Schriftstellerin war zu Lebzeiten die wohl bekannteste Schweizerin. Sie galt als Naturtalent und war als dichtende Hohepriesterin vor allem eine exotische Erscheinung. Nun wird ihr Werk und Leben wiederentdeckt.

«Die ganze Isabelle ist ein Phänomen«, schwärmte der Luzerner Nobelpreisträger Carl Spitteler. Mit der Dichterin Isabelle Kaiser, die um 1900 die wohl bekannteste Schweizerin war, verband ihn vom ersten Treffen 1891 in Zug an eine herzliche Freundschaft.

Durch ihre Zweisprachigkeit war sie in Paris wie auch in Berlin eine Berühmtheit. Mit 15 Jahren vollendete sie ihren ersten Roman. Wenig später erhielt sie schon die ersten Preise. Ein erster Gedichtband erschien 1888, sie war damals erst 22 Jahre alt.

Der Star ihrer Zeit

Heute sind Isabelle Kaisers Werke in Vergessenheit geraten und muten eher fremd an. Auch ihr exzentrisches Auftreten als eine «Priesterin der Dichtkunst», mit welchem sie immer wieder Furore machte, erscheint heute seltsam. Doch zu ihrer Zeit, in der sich Frauen nur schwer in der Öffentlichkeit behaupten konnten, eroberte sie das Publikum im Sturm. Bei ihren Auftritten schlug sie die Menschen in ihren Bann, ihre Werke erreichten hohe Auflagen, sie wurde ausgezeichnet, sie gefiel.

«Wir hatten den vornehmsten Gast zu Besuch gehabt – die Gestalt gewordene Poesie.»
Jakob Christoph Heer, Journalist und Schriftsteller

«Faszinierende Persönlichkeit, welche die Frauen nicht minder bezaubert als die Männer, der Reichtum ihrer Talente, der ihr ermöglicht, alles, was sie angreift, spielend zu können, der heldenstarke Charakter, kraft dessen sie stündliche Bereitschaft zum Sterben mit frohem, fast keckem Lebensmut verbindet, ihr weit spannender, elastischer Geist, der ebenso gut zu plaudern und zu scherzen vermag, wie in die höchsten Regionen augenblicklich aufzufliegen, der bald durch dichterisch-kindliche Naivität, bald durch Weltklugheit und Witz überrascht, ihr grosses, gutes Herz, das ihr in allen Weltgegenden Freunde gewinnt und ihre Feinde entwaffnet, […] ihre siegreiche, stündlich überströmende, alle Sorgen des Alltags wegschwemmende Seele.» Carl Spitteler war hin und weg.

Isabelle Kaiser zu den Füssen Carl Spittelers.

Isabelle Kaiser zu den Füssen Carl Spittelers.

(Bild: zvg)

Die Gestalt gewordene Poesie

Doch nicht nur Spitteler schwärmte. Im Zuger Neujahrsblatt von 1926, ein Jahr nach ihrem Tod, wurde Isabelle Kaiser mit grosser Ehrerbietung gedacht.

Und auch der berühmte Schriftsteller Jakob Christoph Heer beschrieb seine Begegnung mit Isabelle Kaiser genauso beeindruckt: «Ich war ganz neu als Redaktor bei der NZZ, da trat in die düsteren Räume der Redaktion eine Erscheinung aus fremder Welt in tiefe Trauer gehüllt, eine jugendlich biegsame, hohe Gestalt. ‹Ich bin Isabelle Kaiser›, versetzte sie mit tiefer, metallreicher Stimme und schlug den Schleier zurück. Augen, gross und dunkel wie das Märchen schauten uns an, ein ins Oval geschnittenes Gesicht mit edelsten Lineamenten, und auf diesem Antlitz lag der Glanz einer höheren Welt: Genie! Vier Federn stockten, wir alle waren im Bann des Bildes. Sie blieb nicht lange, sie legte uns jene schmerzvollen Lieder hin, die über dem plötzlichen Tod ihrer Schwester Fatime entstanden waren, und ging wieder. Wir aber wussten, wir hatten den vornehmsten Gast zu Besuch gehabt, der auf einer Redaktion vorsprechen kann – die Gestalt gewordene Poesie.»

«Sie sagen, der Frühling komm‘ über Land
Und schliesse die alten Wunden.
Da bin ich bebend heut aufgewacht
Das Heil hab‘ ich nicht empfunden.
Sie sagen, er schreite lachend durchs Land,
Verschwende Veilchen und Lieder.
Da zog ich hinaus, und mit leerer Hand
Kehrt‘ müd ich am Abend wieder.
Sie sagen, er flieg‘ in die Kammer hinein,
Dass heiss die Wangen sich färben. 
Ich öffnete sehnend mein Fensterlein,
Ein Windstoß schlug es in Scherben.»

Isabelle Kaiser

Die Familie Kaiser in «Betlehem».

Die Familie Kaiser in «Betlehem».

(Bild: zvg)

Beckenried, Genf, Betlehem und wieder Beckenried

Isabelle Kaiser wurde 1866 in Beckenried geboren und wuchs die ersten Jahre ihres Lebens in Genf auf. Sie war die Tocher des Grossrats und Gründers der Zeitung «La Suisse», Fernando Kaiser. 1879 kehrte die Familie zurück ins Haus ihres Grossvaters – nach Zug an die Artherstrasse. Das neue Zuhause taufte die Familie «Betlehem». «Weil es uns ein Stück gelobten Landes wurde, das Paradies unserer Kindheit und unserer Jugend», schrieb die junge Schriftstellerin in eines ihrer zahlreichen Tagebücher. «Da ging ich nur bei der Natur in die Schule: Wind und Wellen waren meine Lehrmeister, Sterne und Blumen meine Beraterinnen.»

In Zug erst lernte die Dichterin Deutsch. Ihre Werke schrieb sie zeitlebens meist zuerst französisch und erst später übertrug sie diese ins Deutsche.

Isabelle Kaiser in der Hängematte auf dem Anwesen der Familie in Zug.

Isabelle Kaiser in der Hängematte auf dem Anwesen der Familie in Zug.

(Bild: zvg)

«Ich gab mein Herz in deine Hände

Wie einen Strauss von wilder Blust.

Hast du’s zerpflückt am Weggelände,

Dass ich verloren Freud und Lust?




Ich wandle still am Berggelände,

Mit blassem Mund und weher Brust.

Ich gab mein Herz in deine Hände

Wie einen Strauss von wilder Blust!»

Isabelle Kaiser

Isabelle Kaiser live

Dank Ueli Blum erhielt zentralplus Einblick in das Leben der Isabelle Kaiser. Der Luzerner Regisseur hat 2017 gemeinsam mit Caroline Vitale, Franziska Senn, Maja Schelldorfer und Peter Baur eine musikalisch-literarische Soirée über die Dichterin geschaffen, welche in Beckenried, in Kaisers Haus, aufgeführt wurde. Der grosse Erfolg führte erst zu einer Wiederaufnahme der Soirée in Beckenried, und nun sieht es danach aus, als könnte diese auch bald in Zug aufgeführt werden.

Blum hat für seine Recherchen die Ermitage durchstöbert. Neben alten Fotografien finden sich dort auch Alben, in denen Isabelle Kaiser Zeitungsartikel wie Kritiken und Ankündigungen fein säuberlich eingeklebt und aufbewahrt hat. Er las ihre Tagebücher, ihre autobiographischen Romane und fand in Antiquariaten zahlreiche Ausgaben ihrer Werke aus dem 19. Jahrhundert.


 Der Tod kam nach Betlehem

In Zug verbrachte Isabelle Kaiser nicht nur ihre Jugend, sie verlor sie auch, wie sie in ihrem Tagebuch schrieb: «Mittlerweile hatte das Leid unaufhörlich an der Pforte von Bethlehem geklopft. Wir hatten im Garten einen kleinen Vogelfriedhof angelegt. Starb ein Kanarienvögelchen, so trugen wir es feierlich zur Begräbnisstätte und sangen den Chopin’schen Trauermarsch.»

Aber die Särge wurden grösser, die über die Schwelle des Hauses zogen. «Ich sang keinen Trauermarsch mehr, ich erlebte ihn. Zuerst war mein zwanzigjähriger Bruder Iwan der Schwindsucht erlegen. Ihm folgte mein Vater als Opfer einer Epidemie. Dann schied der Grossvater, der bekannte Augenarzt, Ständerat Dr. Ferdinand Kaiser, von uns, und endlich verunglückte meine Schwester Fatime, ein engelgleiches Geschöpf, als dreiundzwanzigjährige Braut. Da siechte ich hin, ins Herz getroffen.»

Die drei Töchter der Familie Kaiser: Fatime, Isabelle und Alexandra.

Die drei Töchter der Familie Kaiser: Fatime, Isabelle und Alexandra.

(Bild: zvg)

Krankheit und Glaube

Die Dichterin selbst war in ihrem Leben immer wieder kränklich. Das eine Mal war es derart schlimm, dass nach ihrem Kuraufenthalt bereits hunderte Kondolenzschreiben auf sie warteten.

Verheiratet war Isabelle Kaiser nie. Sie schwor nach einer unglücklichen Beziehung der irdischen Liebe ab und lebte von 1902 an zurückgezogen in ihrer Dichterklause «Ermitage» in Beckenried. Sie wurde gläubig und veröffentlichte in ihren letzten 25 Jahren über 100 Gedichte, Lieder und Aphorismen, darunter auch solche, die Isabelle Kaiser ganz besonders ihrem Andenken an die einstige Heimat Zug gewidmet hatte.

Am 17. Februar 1925 starb Isabelle Kaiser in Beckenried.

Nach ihrem Tod am 17. Februar 1925 verschwand Isabelle Kaisers Werk schon bald aus der Öffentlichkeit.

Nach ihrem Tod am 17. Februar 1925 verschwand Isabelle Kaisers Werk schon bald aus der Öffentlichkeit.

(Bild: zvg)

«Und als ich jüngst dem Tod entgegen

Durch sturmgepeitschte Felder ritt,
Da hielt auf allen dunkeln Wegen


Die Sehnsucht mit dem Pferde Schritt.

Es sank vor uns das Talgelände,

Vor uns verweht der Städte Qualm,

Dort oben ist die Welt zu Ende,

Dort oben ragt die Todesalm.


Ich jauchzte, und mein treuer Schimmel

Nahm wiehernd Abschied von der Welt,

Ein Schloß wird unser sein im Himmel,

Sobald das Leben bricht und fällt.

Und ich erklomm den letzten Hügel,


Da kam ein Wanderer daher,


Er griff so fest mir in die Zügel


Und ich – nicht weiter konnt‘ ich mehr.

Er war so frisch wie Waldesquellen,

So schön wie Regenbogenlicht.


Ich grüßte ihn als Trautgesellen

Und  sah dem Tod ins Angesicht.

Mir bangte nicht mehr vor der Reise,

Er sah so klug, so mächtig aus,


Ich warb um ihn und flehte leise:


‹O! führ mich heim ins Vaterhaus!› 
Doch sieh, er sprach: Nichts frommt dein Bitten,

Du hast im Kampf noch nicht gesiegt,
Es hat dein Herz nicht ausgelitten,

Der Träne Zorn ist nicht versiegt.

Dein Wunsch ist eitel und vermessen,

Du hast dein Werk nur halb getan,

Was du erduldet, ist vergessen,


Geh hin und fange wieder an!

Es gibt noch Felder zu bebauen,


Was eilst du schon zum Erntefest?


Die Adler kreisen noch im Blauen,


Und du stiegst schon zurück ins Nest?

Nein, nein! wend um dein Pferd und warte,

Auch dir blüht einst erkämpfte Ruh. – – –  
Da hob der Tod die Hand, die harte,


Und peitschte mich dem Leben zu.»

Isabelle Kaiser

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1 Kommentare
  1. Renata Iten-Stöckli, 02.12.2018, 15:24 Uhr

    Herzlichen Dank für diesen Artikel. Isabelle Kaiser „begleitet“ mich seit der frühen Kindheit. Meine Mutter wuchs vis-à-vis der Ermitage auf. Zu ihrer Geburt verfasste die Dichterin ein kleines Gedicht. Mein Grossvater war der Arzt von Isabelle Kaiser.

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