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Selbst der Architekt nannte es «meine Sünde in der Altstadt»
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Entschuldigung, Sie haben da was an der Nase. Ein Haus Zentrum, um genau zu sein. (Bild: wia)

Zug: Sorgenreiche Ära des «Haus Zentrum» geht zu Ende Selbst der Architekt nannte es «meine Sünde in der Altstadt»

6 min Lesezeit 2 Kommentare 06.11.2019, 05:01 Uhr

Ach, was bereitete er den Stadtzugern in den letzten rund 50 Jahren Kummer: Der Bau des «Haus Zentrum» in den 60er-Jahren war für viele eine Hässlichkeit par excellence. Auch schürte er das Misstrauen gegenüber der damaligen Stadtregierung. Nun wird dem denkwürdigen Bau bald der Garaus gemacht.

Wurde auch Zeit, denken sich viele Zuger. Zeit, dass das sogenannte «Haus Zentrum» an der Zeughausgasse endlich einem Neubau weicht. Nun, da die Stadtverwaltung ausgezogen ist. Die Korporation als Liegenschaftsbesitzerin plant «im Rahmen einer Stadtbildkorrektur» mehrere Neubauten in der unmittelbaren Umgebung. Und eben auch dort, wo das «Haus Zentrum» steht.

«Der Schandfleck von Z.» titelte vor knapp 30 Jahren das «Hochparterre». Die Rede war vom «Haus Zentrum» an der Zeughausgasse in Zug, einem Haus, mit dessen Planung Ende der 1950er Jahre ein lautes Raunen durch die Stadt ging. Denn inmitten der Altstadt erwuchs plötzlich ein baulicher Klotz, an den sich bis heute viele Zuger nicht gewöhnt haben und der als Fremdkörper wahrgenommen wird.

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Pragmatisch? Durchaus. Hässlich? Vielleicht.

Nicht zu Unrecht. Denn ein Fremdkörper ist er durchwegs. Rundherum alles putzig, Riegelbauten, Gloriettli, Haus zur Münz, hübsch verzierte Brunnen, und dann eben dieser markante Würfel, deutlich grösser und höher als seine umliegenden Kollegen. Der Bau sei «Inbegriff des Geschäftshauses um 1960», hiess es damals seitens der Architekten. Einer, der an die Rationalität der Zwischenkriegsmoderne anknüpft und Ausdruck ist für das Interesse an neuen Baumaterialien und Bautechniken.

Glas und Leichtmetall dominieren, dazu Beton und waldiges Grün. Pragmatisch, durchwegs. Hässlich? Für viele ja. Selbst der Architekt Anton Brütsch nannte das Haus «meine Sünde in der Altstadt».

Es dürfte nicht geholfen haben, dass das «Haus Zentrum» das Hotel Hirschen ersetzte. Viele Zuger trauerten dem stattlichen Wirtshaus nach. Der Betrieb lief nicht mehr besonders, die Obligationen liefen 1957 ab und die Inhaber wollen sie nicht erneuern. Daraufhin wurde die Liegenschaft ans «Konsortium Zentrum» verkauft, bestehend aus einem Zürcher Finanzmann und einem einheimischen Architekten.

Der Stadtrat plant sich heimlich sein Stadthaus

Der Forderung eines älteren Konsortiums, dass im Neubau ebenfalls ein Wirtshaus untergebracht werden müsse, um das Vereinsleben beizubehalten, wurde schnell der Garaus gemacht. Zu diesem Zweck wurde neben dem «Haus Zentrum» stattdessen ein sehr liebloser einstöckiger Bau erstellt, der in den 90ern etwa das Nelson Pub beherbergen sollte.

Dass der «Hirschen» verkauft worden war, stellte der Stadtrat offenbar erst nachträglich fest und beschloss, dass dies der einzige Standort für ein neues Stadthaus sei. – Die Bevölkerung wusste noch nichts von alledem. Das Konsortium Zentrum reichte ein Baugesuch für ein Bürogebäude ein – nur die Gesuchsteller, ihr Architekt und der Stadtrat wussten bis dato offenbar, dass es sich dabei um ein Wunsch-Stadthaus handelte.

So sah der «Cerf» früher aus.

Die Baukommission war positiv gestimmt, sprach von einem «sehr bedeutungsvollen Vorhaben, dessen moderne Architektur durchaus vertretbar sei». Und doppelte nach, dass es falsch wäre, am Hirschenplatz auf «moderne, aber gute Architektur» zu verzichten.

«Kistenarchitektur»

Nun, Ende der 50er, begann sich Widerstand zu regen. Von einer Verschandelung des Hirschenplatzes war die Rede, von «Kistenarchitektur».

Der Stadtrat informierte die Öffentlichkeit erst, als 1959 der Kaufvertrag – vorbehaltlich der Zustimmung durchs Stimmvolk – abgeschlossen war. Der alte «Hirschen» wurde sang- und klanglos gebodigt.

In den Abstimmungsunterlagen betreffend dem «Ankauf der Liegenschaft Hotel Hirschen zwecks Errichtung eines Stadthauses» schrieb der Stadtrat, dass man den Architekten Anton Brütsch mit der Weiterbearbeitung beauftragen müsse. «Dieser Bedingung konnte um so eher beigepflichtet werden, als Herr Brütsch ein ausgezeichneter Architekt ist.»

Die Empörung ist gross, der Neubau chancenlos

Die ganze Angelegenheit passte den Bürgern so gar nicht. Es hagelte Kritik in den Leserbriefspalten. Viele Fragen tauchten auf. Warum es nun so plötzlich gehen müsse, wo man doch schon lange vom Abbruch des «Hirschen» gewusst habe. Warum man denn keinen Planwettbewerb durchgeführt habe. Und auch der Bedarf an einem neuen «Verwaltungspalast» wurde angezweifelt.

Das aussagekräftige Resultat der Abstimmung, die während den Sommerferien stattfand: 1355 Nein- zu 565 Ja-Stimmen.

Statt der Stadt kaufte daraufhin eine Immobiliengesellschaft die Liegenschaft. Ein Generalunternehmer wurde beauftragt, Brütschs Projekt – er erhielt zwischenzeitlich den unrühmlichen Übernamen «Zwangsarchitekt» – umzusetzen.

Plötzlich ein ganz anderes Projekt

Brütschs ursprüngliches Projekt wurde stark verändert. «Zahlreiche Details seines Projekts wurden vulgarisiert», schreibt das «Hochparterre» retrospektiv. Die gewünschte Fassade wurde angepasst. Statt der sichtbaren Betonstützenkonstruktion, die den Fokus auf Stein gelegt hätte, wurde eine Leichtmetallglasfassade vorgehängt.

Zwar überlegte sich der Architekt, vom Vertrag zurückzutreten. Er tat es dennoch nicht.

Das «Haus Zentrum» hätte nicht das einzige moderne Gebäude in den Ausläufern der Zuger Altstadt bleiben sollen. Die Stadt plante wenige Jahre davor noch mehrere Neubauten. Die Haltung gegenüber moderner Architektur hatte sich bis 1962 jedoch stark verändert. Für die «Geissweid», wie das Gebiet um den Hirschenplatz genannt wird, galt nun wieder die Prämisse der Behandlung als Altstadt, was wiederum praktisch jede Art von modernen Neubauten ausschloss.

Schaut man sich Visualisierungen aus den 60ern an, kann man froh sein, dass es nur ein «Haus Zentrum» gibt.

Entsprechend fällt das «Haus Zentrum» bis heute als quasi einziges modernes Haus in der Umgebung auf. Ob als netter Kontrast oder als «architektonische Scheusslichkeit», ist Geschmackssache.

Die Angst vor moderner Architektur setzte sich durch

Die Gebäude, die seither in diesem Teil der Stadt entstanden waren, nannte das Architekturmagazin «Hochparterre» «kulissenhafte Kompromisse, die unsere Wahrnehmung schädigen, weil nur noch geschulte Augen zwischen echter mittelalterlicher Bausubstanz und diesen altertümelnden zeitgenössischen Bauten zu unterscheiden vermögen».

Ende der Nullerjahre war davon die Rede, das in die Jahre gekommene «Haus Zentrum» aufwändig umzubauen. Der Bau war mittlerweile im Besitz der Stadt. Erneut erhoben sich kritische Stimmen. Viele hatten den Abriss des «Hirschen» 50 Jahre davor noch immer nicht verkraftet, sprachen noch immer von einer «Schandtat», noch immer wurde das Gebäude als Fremdkörper wahrgenommen.

«Wir waren eigentlich ziemlich dankbar, dass uns die Korporation dieses heisse Eisen aus den Händen genommen hat.»

Dolfi Müller, alt Stadtpräsident

Insbesondere die Sanierungskosten von 13 Millionen Franken stiessen den Zugern sauer auf. Sie begruben das Vorhaben 2009 an der Urne deutlich.

Die Korporation als dankbare Abnehmerin

Einige Jahre später der «Befreiungsschlag», wie es der damalige Stapi Dolfi Müller heute formuliert. Die Korporation übernahm das Grundstück, auf dem das Haus Zentrum steht und noch weitere in der Umgebung, die Stadt erhielt im Gegenzug das Gebiet Göbli. «Wir waren eigentlich ziemlich dankbar, dass uns die Korporation dieses heisse Eisen aus den Händen genommen hat», blickt Müller zurück.

Das Modell des Ersatzbaus am Hirschenplatz.

Ausserdem begann sich in diesen Jahren die Idee einer zentralen Verwaltung in den Köpfen einzunisten. Dadurch, dass diese nun an der Gubelstrasse 22 realisiert werden konnte – auch dies ein nervenaufreibendes Stück Stadtgeschichte –, steht einem Neubau am Hirschenplatz nichts mehr im Weg.

Bald soll gebaut werden in der Geissweid

Drei Teilprojekte von insgesamt sechs zusammengehörigen liegen derzeit an besagter Gubelstrasse auf, nachdem Anfang Juni das Siegerprojekt der Boltshauser Architekten AG der Öffentlichkeit präsentiert worden war.

Es handelt sich zwar noch nicht um die Pläne für den Ersatzbau des «Haus Zentrum», sondern um drei Neubauten und drei Sanierungen im Geissweid-Quartier, also in unmittelbarer Nähe dazu. Geplant sind vorwiegend Wohnungen und eine Autogarage. Das alles dürfte rund 23 Millionen Franken kosten. Geplanter Baubeginn ist Sommer 2020.

Visualisierung des Neubaus.

Die Pläne für den Haus-Zentrum-Ersatz und zwei weitere Bauten sollen folgen. Wann, ist jedoch noch nicht klar, erklärt Korporationsschreiber Daniel Schwerzmann gegenüber zentralplus.

Noch bleibt also etwas Zeit, um sich über das Haus Zentrum aufzuregen. Oder sich ob der überdimensionierten Nase zu freuen, die seit Jahren an der Seite des Gebäudes hängt. Denn überdimensioniert und überdimensioniert gesellt sich gern.

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2 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 07.11.2019, 15:26 Uhr

    Der verschwundene Hirschen zeigt uns, dass wir ein starkes Denkmalschutzgesetz brauchen, nicht wie das neue von Regierungsrat und Immobilienhaien gewünschte Abbruchbirnengesetz, das jetzt zur Abstimmung steht.

  2. Heinz Schwinghammer, 06.11.2019, 10:49 Uhr

    Meiner Meinung nach, sieht der geplante Neubau auch nicht viel schöner aus.