Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Seine Kanone zielt auf die Luzerner Regierung
  • Regionales Leben
Die Kanone auf dem Hämikerberg. (Bild: pze )

Serie «An der Grenze des Kantons Luzern», Teil 3 Seine Kanone zielt auf die Luzerner Regierung

6 min Lesezeit 25.03.2018, 12:03 Uhr

Im Luzerner Seetal gibt es eine Kanone, die direkt auf das Luzerner Regierungsgebäude gerichtet ist. Aufgestellt hat sie einer der grössten Streithähne der Kantonsgeschichte: Anton «Herrgöttli» Achermann. Seine Geschichte umfasst einen Kunstskandal, unzählige Prozesse bis vor Bundesgericht und die Erfindung eines kleinen Biers.

Fährt man bei der alten Siedlung im Hämikerberg auf den Parkplatz ein, fällt sie einem sofort ins Auge: die riesige 12-Zentimeter-Radgürtel-Kanone Baujahr 1882. Sie steht symbolisch für das Leben und die Taten eines Seetaler Originals. Die Rede ist von Anton «Herrgöttli» Achermann.

Doch der Reihe nach: Nahe der Kantonsgrenze oberhalb von Hitzkirch findet sich ein Stück Luzerner Geschichte. Die Häuser hier haben teilweise fast ein halbes Jahrtausend auf dem Buckel. Der Kunstliebhaber Achermann rettete alte, markante Häuser und Spycher vor dem Abbruch oder Export in fremde Länder.

Unterstütze Zentralplus

So musste beispielsweise eines wegen des Flughafens Emmen weichen. Achermann liess die altehrwürdigen Bauwerke abbauen und rekonstruierte sie hier. Früher diente die Enklave als Museum, heute sind die Unikate modern ausgebaute Wohnhäuser. Für die Öffentlichkeit gibt es hier das Gasthaus «Hämikerberg», ein Restaurant mit perfekter Aussicht auf die Alpenkulisse.

Räume voller alter Kunstgegenstände

Ines Thomi und Hans Schmutz sind die heutigen Besitzer des «Krienserhauses», eines der rekonstruierten Gebäude in Achermanns «Mini-Ballenberg». Sie verwaltet den Nachlass des Sammlers – oder was davon übrig ist. Sie sagt: «Achermann hat das Alte geliebt.» Und hat es regelrecht gehortet. «Mehrere Räume waren vollgestellt mit Sammelstücken, als wir hier angekommen sind.» 

Ines Thomi vor ihrem «Krienserhaus».

Ines Thomi vor ihrem «Krienserhaus».

(Bild: pze)

Gesammelt hat Achermann allerlei: alte Wagenräder, Kunstbüsten und vor allem Kunst. Die gesammelten Werke des Ermenseer Künstlers Franz Elmiger sind hier zu finden sowie das komplette Werk von Otto Weber. Doch die Werke haben keinen ausserordentlichen Wert.

Kunstskandal machte schweizweit Schlagzeilen 

Der 1996 im Alter von 82 Jahren verstorbene Achermann wurde durch eine Gemäldesammlung überkantonal berühmt. Schliesslich stellte er einst in der Leuchtenstadt die Grossen aus: Van Gogh, Klee, Cézanne, Manet, Toulouse-Lautrec und Matisse.

Das behauptete er jedenfalls während des grossen Kunststreits von 1967. Achermann betrieb eine Kunstgalerie in der Nähe der Hofkirche. Um deren zehnjähriges Jubiläum zu feiern, spannte er mit dem Holländer Jelle de Boer zusammen. Dieser machte Achermann glauben, er habe über 100 Gemälde weltberühmter Maler an Auktionen günstig erstanden und wolle diese in Luzern ausstellen. Achermann sah den Publikumserfolg garantiert und willigte ein.

Anton «Herrgöttli» Achermann.

Anton «Herrgöttli» Achermann.

(Bild: zvg)

Doch auf die Ankündigung folgte rasche Kritik: Der Berner Kunsthändler Eberhard W. Kornfeld kritisierte die Bilder als unecht und betitelte die Ausstellung als «Schlangenfängerei». Achermann nutzte diese Anschuldigungen sogleich aus und beklebte die Ausstellungsplakate mit der Aufschrift: «Expertenstreit – echt oder falsch?» Die Besucher kamen in Strömen.

Marc Chagall überführte Achermann

Doch auch die Behörden wurden auf Achermann aufmerksam. Die Polizei beschlagnahmte die Bilder, ohne Achermann vorher darüber zu informieren. Von den Behörden aufgebotene Experten bestätigten die Einschätzung des Berner Kunsthändlers Kornfeld: Kein Bild der Sammlung ist echt. Der Wert beläuft sich gerade einmal auf rund 20’000 Franken. Achermann hatte für einzelne Bilder über eine Million Franken verlangt, der Gesamtwert der Sammlung lag laut dem Luzerner bei rund acht Millionen.

«Er war ein Querkopf.»

Ines Thomi, lebt auf dem Hämikerberg

Definitiv überführt wurde Achermann schliesslich durch keinen Geringeren als Künstler Marc Chagall. Als dieser in Luzern weilte, wurden ihm Bilder gezeigt, die Achermann dem russisch-französischen Künstler zuschrieb. Chagall sagte aus, er habe die Bilder nicht gemalt.

14 Mal vor Bundesgericht gewonnen

Die Polizei verhaftete Achermann und steckte ihn in Untersuchungshaft. Rund vier Monate verbrachte er dort, später sprach er von «Rufmord, Isolations- und Vernichtungshaft». Das Luzerner Kriminalgericht verurteilte Achermann 1970 wegen Betrugs zu drei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 1’000 Franken. Die Bilder sollten teilweise vernichtet werden.

Der Hämikerberg aus den Zeiten Achermanns.

Der Hämikerberg aus den Zeiten Achermanns.

(Bild: zvg)

Er zog das Urteil weiter ans Obergericht. Er verteidigte sich dabei selber und wurde tatsächlich freigesprochen. Damit begann Achermanns Karriere als Laienjurist. Der Luzerner stritt regelmässig vor Gericht, stets ohne Anwalt, gegen allerlei Anschuldigungen. Er führte teilweise Juristen regelrecht vor. Am Ende seines Lebens konnte er sich damit rühmen, 14 Mal vor Bundesgericht gewonnen zu haben. «Er war ein Querkopf», beschreibt ihn Ines Thomi.

«Macht vor Recht – Justitia quo vadis?»

Und dann ist da diese Kanone. Woher Achermann diese hatte, könne sie nicht sagen, meint Thomi. «Das ist eines der vielen Mysterien um ‹Herrgöttli› Achermann», sagt sie. Die Kanone ist eine symbolische Drohgebärde: Sie ist – so die Legende – auf das Luzerner Regierungsgebäude gerichtet. Zwar stritt Achermann eine böse Absicht stets ab, doch unter dem Geschütz prangt vielsagend der Spruch: «Macht vor Recht – Justitia quo vadis?»

 «Wer mit ihm geschäftete, musste schauen, dass er rasch zu seinem Geld kam. Sonst hat man es vielleicht nie gesehen.»

Ines Thomi, verwaltet den Nachlass Achermanns

Zwei Mal pro Minute konnte die Kanone abgefeuert werden. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, war damals bereits über ein halbes Jahrhundert alt. Mehr als symbolisch ist die Kanone Achermanns jedoch nicht – obwohl auch der lange Holzstössel zum Nachladen auf dem Hämikerberg zu finden ist. Die Reichweite der Kanone ist mit 11 Kilometern zu gering, um bis in die Stadt zu feuern. 

Berühmt und berüchtigt im Seetal

Achermann war trotz seiner Streitsucht nicht überall unbeliebt. Thomi sagt: «Wir lernen ab und zu Leute kennen, die ihn noch gekannt haben. Ausnahmslos alle sagen von ihm, er sei ‹speziell› gewesen.» Schlecht spreche eigentlich niemand von ihm. Nur so viel: «Wer mit ihm geschäftete, musste schauen, dass er rasch zu seinem Geld kam. Sonst hat man es vielleicht nie gesehen.»

«Macht vor Recht» – die Botschaft Achermanns an die Behörden.

«Macht vor Recht» – die Botschaft Achermanns an die Behörden.

(Bild: pze)

Anton «Herrgöttli» Achermann verbrachte den Herbst seines Lebens im Seetal. «Er war berühmt und berüchtigt», sagt Thomi, «beispielsweise für seinen Fahrstil.» So fuhr Achermann stets in der Mitte der Strasse – und zu langsam. Als er dafür gebüsst wurde, klagte er, weil er «seinem Fahrstil angepasst» fahre. «Er bekam dafür sogar einmal Recht vor Gericht», erzählt Thomi lachend. «Das wäre heute wohl nicht mehr möglich.» 

So sah die Kanone original aus.

So sah die Kanone original aus.

(Bild: zvg)

Und auch sein Übername «Herrgöttli» hat seinen Weg in die Geschichtsbücher gefunden. Laut der Legende wurde das «Herrgöttli», das kleine Glas Bier, nach ihm benannt. «Achermann ging oft in die Beiz und bestellte eine halbe Stange – und wollte auch nur die Hälfte bezahlen. Schlussendlich trank er doch drei oder vier davon», sagt Thomi. So gab er dem Getränk seinen Namen. Heute gibt es das «Herrgöttli» in jeder Wirtschaft in der Zentralschweiz.

Hämikerberg heute Ausflugsziel

Der Hämikerberg ist inzwischen zu einem Ausflugsort geworden, betrieben von den heutigen Besitzern. Es gibt ein Gasthaus, in einem anderen Gebäude eine Bar. «Ganz im Stile Achermanns haben wir Theke, Tische, Höcker und sogar die Fenster vor einem Hausabbruch gerettet», sagt Thomi. Sie hätten das Inventar erwerben können, als ein Restaurant im Kanton Uri endgültig seine Türen schloss.

Ausserdem gibt es hier die erste Spielgolf-Anlage der Schweiz. Eine Art Minigolf auf Kunstrasen und mit echten Golf-Puttern. 18 Bahnen führen über das Gelände. «Es ist bei unseren Besuchern sehr beliebt», sagt Thomi.

So lebt Achermanns Erbe weiter und ist auch heute noch für die Öffentlichkeit zugänglich. Und auch die Antiquitäten des Seetaler Originals gibt es hier noch zu bestaunen. Nur von Achermanns Liebe zum Streit spürt man im Hämikerberg heute kaum noch etwas.

Mehr Impressionen vom Hämikerberg in der Bildstrecke:

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare