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Sein einsamer Kampf gegen die Spendensammler
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Kevin Brutschin setzt seine gesamte Energie für eine Sache ein. (Bild: sib )

Einst Hilfswerk-Mitarbeiter, nun obdachlos Sein einsamer Kampf gegen die Spendensammler

6 min Lesezeit 27.05.2018, 11:59 Uhr

Kevin Brutschin war Primar- und Oberstufenlehrer, hatte dann einen gut bezahlten Job bei verschiedenen Hilfswerken. Doch nun ist er obdach- und arbeitslos. Der Grund: Er widmet seine Zeit dem Kampf gegen Sammelfirmen für Strassenspenden, auch in Luzern und Zug. «Wohltätigkeits-Strassenräuber», wie Brutschin sie nennt.

Kevin Brutschin ist ein Mann mit Prinzipien. Das wird im Gespräch schnell deutlich. Immer wieder fallen Begriffe wie «Moral», «Ethik» oder «Pervertierung des gemeinnützigen Gedankens». Der 43-Jährige ist gelernter Primarlehrer, hat später jedoch vermehrt Oberstufenschüler unterrichtet.

Dies ging auf Dauer allerdings nicht gut. Er habe Disziplinprobleme mit den Schülern gehabt, sagt Brutschin. Später habe er dann im «kommerziellen Bereich» gearbeitet, wie er es nennt. «Doch es ging mir gegen den Strich, dass immer wieder Leute ausgetrickst wurden», sagt er. So hat er sich denn nach einem «integren» Beruf umgesehen und wurde fündig bei Hilfswerken. Dachte er.

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«Bei ‹Terre des hommes› war ich als Fundraiser im Büro für Grossspenden zuständig. Dort ging es um Beträge, die auch mal im siebenstelligen Bereich lagen», sagt Brutschin.

«Ich habe zu viel verdient»

Es folgte eine Anstellung als sogenannter Dialoger bei «Ärzte ohne Grenzen». Einem Dialoger sind mit Sicherheit alle schon einmal begegnet. Es sind dies meist junge Leute, die im Namen eines Hilfswerks auf der Strasse auf spendenfreudige Passanten lauern. So beispielsweise auch in aller Regelmässigkeit am Bahnhof Zug. Doch dazu später mehr.

«Die Antwort war, dass ich den aus meiner Sicht ‹überschüssigen› Betrag ja wieder spenden könne.»

Kevin Brutschin

«Ärzte ohne Grenzen» habe zu Zeiten Brutschins die Spenden auf der Strasse selbst gesammelt. «Ich hatte einen Bruttolohn von rund 5’500 Franken. Auch netto waren es noch um die 5’000», erzählt er. Dies sei ihm viel zu hoch gewesen. «Das habe ich auch so kommuniziert. Doch die Antwort war, dass ich den aus meiner Sicht ‹überschüssigen› Betrag ja wieder spenden könne.»

«Bei Hilfswerken ist es Betrug»

Brutschin konnte sich mit seiner Arbeit nicht mehr identifizieren. Vor allem auch, weil er die Erfahrung gemacht habe, dass bei den Hilfswerken genauso viel getrickst werde wie im kommerziellen Bereich. Beispielsweise das Vortäuschen, die wohltätigen Organisationen würden die Sammelkampagnen selbst durchführen, auch wenn sie mit Spendenfirmen kooperieren.

«Mit dem Unterschied, dass bei Hilfswerken nicht mehr von Tricksereien, sondern von Betrug gesprochen werden muss, da der moralische Anspruch höher ist», ergänzt der damals noch in Biel wohnhafte Brutschin.

Der zweite Punkt, den Brutschin den Non-Profit-Organisationen ankreidet, ist der Filz. Und: «Die Stiftung für Konsumentenschutz müsste dieses System eigentlich anprangern, ist jedoch selbst Kunde bei der Corris AG.»

«Die lernen einfach ihr Blatt auswendig, wie man ein Gespräch auf der Strasse führen muss.»

Corris ist eine Firma, die im Namen von Hilfswerken wie Helvetas, WWF oder Pro Juventute Spenden sammelt. «Der Corris-Besitzer ist Multimillionär mit eigener Ladenkette», sagt Brutschin. «Profit mit Non-Profit», nennt er es. Das oberste Gebot des gemeinnützigen Sektors werde nicht eingehalten. «Nämlich der gemeinnützige und uneigennützige Gedanke.»

Zu viel Oberflächlichkeit auf Social Media

Brutschin reagierte auf diese Missstände, indem er vor rund dreieinhalb Jahren seinen eigenen Blog ins Leben rief, um dort auf die Probleme im gemeinnützigen Sektor aufmerksam zu machen. Eine Zeit lang habe er sich auch auf Twitter und Facebook versucht, doch: «Wenn man nicht schon von Anfang an viele Likes vorweisen kann, funktioniert das überhaupt nicht. Ich habe gemerkt, dass es ein Thema ist, für das man sich ein bisschen Zeit nehmen muss. Das machen aber viele Leute nicht, die in den schnelllebigen sozialen Medien unterwegs sind.» Dort herrsche zu viel Oberflächlichkeit, bedauert Brutschin.

«Es ist extrem schwierig zu sagen, wie lange es dauert, bis es wirklich zum grossen Knall kommt.»

Die Sammelfirmen stellen meist junge Leute an, um im Namen von Hilfswerken auf der Strasse Spenden zu sammeln. Doch Corris und Co. arbeiten gewinnorientiert und würden eine happige Provision vom gesammelten Geld einstreichen. Laut Brutschin ist die Rede von 850 Franken pro Tag und Sammler.

«Sammler haben keine Ahnung von Hilfswerken»

«Ein Spendensammler bleibt im Schnitt nur drei Wochen bei Corris», sagt Brutschin. «Man kann also davon ausgehen, dass der Sammler gar keine Ahnung vom Hilfswerk hat. Die lernen einfach ihr Blatt auswendig, wie man ein Gespräch auf der Strasse führen muss.»

STRG_F-Reporter Tobias Zwior untersuchte, was es bedeutet, als Dialoger zu arbeiten.

STRG_F-Reporter Tobias Zwior untersuchte, was es bedeutet, als Dialoger zu arbeiten.

(Bild: Screenshot Youtube/STRG_F)

Glaubt man dem 43-Jährigen, laufe das Geschäft für die Hilfswerke immer schlechter. «Sie kommen vermehrt unter Druck, genügend Spendengelder zu finden. Es gibt heute viel mehr Hilfswerke als vor 30, 40 Jahren – doch der Spendenkuchen lässt sich nicht beliebig vergrössern.» Speziell beim «System Corris» habe der Anteil an den Spendeneinnahmen, die eben stetig sinken, sehr stark zugenommen. «Es machen ja konstant weniger Leute mit, während der Preis von Corris pro Sammler und Tag immer gleich hoch bleibt.»

Steht Sammelsystem vor dem Kollaps?

«Das ganze Sammelsystem steht vor dem Kollaps», prophezeit Brutschin. «Es ist aber extrem schwierig zu sagen, wie lange es dauert, bis es wirklich zum grossen Knall kommt.»

Er bekomme durchaus positives Feedback für seine «Aufklärungsarbeit». Wenig überraschend seien hingegen die Hilfswerke und Spendensammelfirmen überhaupt nicht begeistert. Das geht so weit, dass Brutschin längst im Gefängnis sitzen müsste, wenn man ihn fragt. «Corris hat bei der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat Strafanzeige gegen mich eingereicht, welche auch gutgeheissen worden ist.»

«Ich möchte mich voll und ganz auf dieses Projekt konzentrieren und hätte entsprechend ein schlechtes Gewissen, bezöge ich Sozialhilfe.»

Die habe dann einen Strafbefehl gegen ihn ausgestellt. «Ich habe zwei Bussen bekommen. Eine davon auf Bewährung, wenn ich nichts mehr darüber schreibe. Aber ich schreibe natürlich weiter.» Die zweite sei quasi eine obligatorische Busse, weil er beleidigende und verleumderische Ausdrücke wie «Strassenräuber» benutzt habe.

Angst und Geld hat er keine

«Es stimmt», sagt Brutschin, «ich habe von ‹Wohltätigkeits-Strassenräubern› geschrieben. Aber so heissen sie auch im Englischen: Chuggers. Das ist ein Wortspiel aus Charity und Muggers, was nichts anderes als Wohltätigkeits-Strassenräuber heisst.» Dieser Vorwurf sei wie der ganze Strafbefehl ein Witz. «Ich habe null Angst, dass mir etwas passiert.» So weigere er sich auch, die Busse zu bezahlen.

Was Corris über Kevin Brutschin denkt

Bernhard Bircher-Suits, Marketingleiter bei Corris, betont, dass man von ihrer Seite mehrmals das Gespräch mit Brutschin gesucht habe. «Er hat auf unsere Kontaktversuche per Telefon, Mail und eingeschriebenen Brief jedoch nie reagiert.»

Brutschin habe das rechtlich erlaubte Mass an Kritik deutlich überschritten, weswegen Corris Strafanzeige eingereicht hat (siehe Text). «Herr Brutschin hat die Corris AG vorsätzlich durch unrichtige, irreführende und unnötig verletzende Äusserungen herabgesetzt und geschädigt», so Bircher-Suits. Dass Kevin Brutschin für sie gefährlich werden kann, glaubt man bei Corris jedoch nicht.

Auch könnten es sich die Sammelfirmen gar nicht mehr leisten, gegen ihn noch weiter vorzugehen, da sie sich damit noch weiter ins schiefe Licht rücken könnten. «Eine Zeit lang musste ich aber tatsächlich aufpassen. Gerade als ich begonnen und den ersten Artikel veröffentlicht hatte, bin ich für einen Monat komplett untergetaucht.»

Was kommt danach?

«Letztes Jahr war ich unter anderem eineinhalb Monate in Luzern und Zug.» In Zug habe es auch eine gute Taktik gegeben, um beim Biomarkt einfach zu einem Taschengeld zu kommen.

«Es gibt dort ein Mehrwegsystem, bei dem man einen Teller bekommt, auf dem ein Depot drauf ist. Ich habe die Teller zurückgegeben, die liegen geblieben sind. So habe ich wieder 30, 40 Franken gehabt.» Damit sei er locker wieder eine Weile durchgekommen in Luzern.

Kevin Brutschin pendelt regelmässig. Die Konsequenz sind zahlreiche Bussen der SBB.

Kevin Brutschin pendelt regelmässig. Die Konsequenz sind zahlreiche Bussen der SBB.

(Bild: sib)

Denn Kevin Brutschin ist obdach- und arbeitslos. Das Ersparte sei längst aufgebraucht. Doch Betteln oder Sozialhilfe beziehen möchte er nicht, da er arbeiten könnte. «Ich möchte mich jedoch voll und ganz auf dieses Projekt konzentrieren und hätte ein schlechtes Gewissen, bezöge ich Sozialhilfe.»

Brutschin schliesst nicht aus, dass er irgendwann wieder in den Lehrerberuf zurückkehren möchte. «Ich setze meine ganze Energie in dieses Projekt, das vielleicht länger dauert, als anfänglich gedacht.» Ruhe werde er jedoch erst geben, wenn das kommerzielle Spendensammelsystem nicht mehr existiert. «Was danach auf mich zukommt, weiss ich noch nicht.»

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