Isa, garantiert kompliziert Kolumne

Isa, garantiert kompliziert
Erwachsenenkram adieu: Wie ich wieder zum Diskomädchen mutierte

  • Lesezeit: 4 min
  • Kommentar: 1
Was wohl Isa jetzt wieder umtreibt? (Illustration: Mike Bislin)
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Was wohl Isa jetzt wieder umtreibt? (Illustration: Mike Bislin)

Während Corona tat unsere Gesellschafts-Redaktorin viele Dinge, die sie schrecklich erwachsen fühlen liessen. Wie sich um ihre Altersvorsorge zu kümmern beispielsweise. Neulich ging sie mal wieder feiern. Warum sie das Feiern vermisste, liest du in der neuesten Kolumne.

Es war einmal ein kleines Mädchen, das knappe 18 war. Sein Name war Isa. Ein Kind, das mit Billig-Makeup ihr pubertäres Gesicht überschminkte, in viel zu kurzem Kleid und in viel zu hohen High Heels übers Wiesland stöckelte. Vorbei an den spuckenden Lamas vor dem grossen Walde in einem 1’000-Seelendorf.

Schneeflocken tanzten durch die Luft und fielen auf die Wimpern des Mädchens, die es sich zuvor länger und dicker und dunkler gemalt hatte. Das Mädchen trippelte also dahin, der Duft von Lebkuchen stieg ihm in die Nase. Und Wein. Das Mädchen musste rülpsen. Es fiel auf die Fresse.

Die Strumpfhose war futsch. Das Mädchen aber liess sich nicht unterkriegen, stand auf, zog das Kleid wieder über sein Gesäss, huschte weiter und stieg in die wartende motorisierte Kutsche. Das Gefährt brachte es über die sieben Berge in die grosse Stadt. Dort stolzierte das Mädchen Isa an den mächtigen Wachmännern vorbei, Öttinger-Dosenbier in der Jackentasche versteckt, und huschte rasch die schwarzen Treppen in den dunklen Partykeller hinunter.

Technomucke dröhnte aus den Boxen, die Tanzmeute drängte sich dicht aneinander. Schweiss auf Schweiss, tanzte das Mädchen durch die Nacht, zwischen Parfümgeruch und Tequila. Das Mädchen tanzte, bis seine Füsse wund waren, es draussen hell wurde und die Stadtspatzen ihr Morgenlied pfiffen.

Solche Nächte gab es viele. Zu viele, sagt meine Mutter. Zu wenige, sage ich. Zu Unizeiten war ich in Bestform, quasi in der Blüte meines Lebens. Donnerstags, freitags, samstags: Keine einzige Nacht wurde zu wenig gebührend gefeiert. Oft waren viel zu betrunken, taten so, als ob wir das nicht wären. Immerhin wurden die Kleider, die ich im im Club trug, mit den Jahren länger und die High Heels wurden gegen Sneaker ausgetauscht.

Dann kam Corona. Ich begann damit, viel zu teuren Wein aus viel zu schicken Gläsern zu trinken und blickte von meinem Balkon über die Dächer dieser Stadt. In Jogginganzügen sass ich mit meinen Freundinnen zusammen und wir sprachen über Alain Berset und andere vernünftige Menschen. Wir begannen, Socken zu häkeln, die nie fertig wurden, standen vier Stunden in der Küche für fünf Gänge, die wir niemals alle essen konnten. Mit verquollenen Augen las ich die voluminöse Autobiografie Barack Obamas, die viel zu schwer in der Hand lag. Und ich machte mir ernsthaft darüber Gedanken, mal meine Altersvorsorge anzupacken. Kurz: Ich tat all das, was mich schrecklich erwachsen fühlen liess.

Aber mit der Vernunft ist es ja so eine Sache. In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich, sagte schon der französische Philosoph Voltaire. Und so kam es, dass wir neulich an einem Samstagnachmittag die Wassermelone mit Wodka abfüllten (und uns gleich dazu). Um dann wieder vor dem Spiegel zu stehen, wo wir unsere Wimpern länger, die Lippen dicker, die Haut ebenmässiger und so weiter und so fort schminkten. Stunden später stiegen wir in den Keller eines Nachtclubs, zurück ins Getümmel, zwischen Schweiss und Tequila.

Körper an Körper: Das war Überforderung pur. Schliesslich fühlte es sich nach all den Monaten völlig falsch an, mit viel zu vielen Menschen viel zu eng aneinander zu sein. Ich realisierte, wie schnell Gewohntes fremd werden kann. Meine Kollegin brüllte an der Bartheke nach Shots. Ich, ich performte. Spielte – ganz im Sinne Goffmans – Theater. Ich spielte das Diskomädchen – bis ich mich wieder als Diskomädchen fühlte.

Denn, je länger ich da im Keller war und tanzte und meine Gedanken wieder klarer fassen konnte, wurde mir bewusst: Ich hab das Feiern echt vermisst. Der Druck auf mir löste sich. Dieses zähe, schwere Gefühl in der Brust. Das Gefühl des Vermissens, das während Corona immer stärker am Brustkorb gezogen hat und ich viel zu oft verdrängt hatte.

Schnelle Techno-Beats pulsierten durch meinen Körper und liessen mich all das vergessen, was mich die Tage zuvor beschäftigt hat. Altersvorsorge und To-Do-Listen habe ich unerledigt in meinen Gedanken als erledigt abgehakt. Und die böse Stimme in meinem Kopf, dass ich ja so schrecklich erwachsen wurde in letzter Zeit, habe ich innerlich begraben. Wo sind denn hier die Grossmüttern mit ihren Rollatoren? Den Tanzen und Feiern ist keine Altersfrage, keine Frage der Vernunft. Es bedeutet, frei zu sein. Zwischen Schweiss und Ekstase tanzten wir bis fünf Uhr am Morgen. Und ja, die Füsse taten weh, aber der Kopf, der war frei.

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1 Kommentare
  1. Margrit Stocker, 14.11.2021, 07:25 Uhr

    Super Isa!!
    Danke

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