Seelsorger Franz Zemp: «Das ganze Leben besteht aus Loslassen»
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Franz Zemp, Luzerner Gassen-Seelsorger und Pfarreileiter im MaiHof. (Bild: mam)

Letzte Weihnachten in der Gassenküche Luzern Seelsorger Franz Zemp: «Das ganze Leben besteht aus Loslassen»

5 min Lesezeit 25.12.2020, 05:02 Uhr

Der stadtbekannte Luzerner Theologe Franz Zemp zieht nach fast 30 Jahren Seelsorge weiter. Fehlen werden ihm die Begegnungen mit Drögelern, die er auf der Gasse trifft. Zentralplus erzählte er, wie er mit Pech, Leid und Tod umgeht – und was Rosamunde Pilcher damit zu tun hat.

«Leute mit Suchtproblematik sind nicht einfach abgestürzte Drögeler», sagt Franz Zemp, der Seelsorger der kirchlichen Gassenarbeit in Luzern. «Ihr Denken ist eigenständig und hat grossen Charme.» Sie würden Dinge hinterfragen und unerwartete Denkanstösse vermitteln. «Sie werden mir fehlen», räumt Zemp ein.

Nach 17 Jahren gibt er die Leitung der Pfarrei St. Josef im Maihof ab. An Ostern tritt er eine neue Vollzeitstelle in Sempach und Eich an. Weil sich die Seelsorge für den Verein kirchliche Gassenarbeit in Luzern mit dem neuen Engagement nicht kombinieren lässt, gibt er auch diese Aufgabe ab (zentralplus berichtete).

«Nochmals etwas Neues aufbauen»

«Es gibt keinen speziellen Grund für den Wechsel», sagt Franz Zemp. Es sei nicht so, dass er als Städter aufs Land flüchte. Er habe bis zum Ruhestand rund zehn Berufsjahre vor sich und wolle nochmals etwas Neues aufbauen. «Schliesslich arbeite ja ich ja nun schon seit 1993 für die Kirchgemeinde der Stadt Luzern.» Seinen neuen Wirkungsort habe er in den letzten vier Jahren als «gelegentlicher Aushilfsprediger» kennengelernt, so der gebürtige Escholzmatter.

Franz Zemp im Film «Es geschah am hellichten Tag – bis dass der Tod euch scheidet» . Im SRF-Film über das Schiffsunglück vor St. Niklausen spielte der Escholzmatter den Priester.

Im Maihof hat Zemp die Pfarrei als offene Quartierkirche positioniert. Namentlich durch die Umgestaltung der Kirche zur Begegnungsstätte – eben zum Maihof mit seinem multifunktionalem Kirchensaal. Als progressiver Theologe und guter Prediger ist Zemp weit über die Stadt Luzern hinaus bekannt.

Wie Zemp auf die Gasse kam

«Im alten Pfarrhaus Maihof befindet sich mit dem Paradiesgässli eine Anlaufstelle des Vereins kirchliche Gassenarbeit Gassenarbeit für Kinder und deren Eltern mit einem Suchtproblem», erzählt Zemp. Da lag es nahe, dass der Verein nach der Pensionierung von Sepp Riedener vor knapp sechs Jahren Franz Zemp zum neuen Gassenseelsorger berief.

Seither macht er Öffentlichkeitsarbeit für die Gassenarbeit. Er sammelt Geld für den Verein – etwa wenn er in anderen Pfarreien predigt und dafür die Kollekte einsetzen darf. Ausserdem besucht er Süchtige in Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten und isst regelmässig in der Gassenküche.

Mehr als zehn Drogentote jährlich

«Es ist wahnsinnig, wie viel Pech diese Leute in ihrem Leben oft hatten», sagt Zemp. Beeindruckend sei aber, dass viele Drogenabhängige unglaublich zäh seien und nach vielen Abstürzen wieder auf die Beine kämen. Dennoch ist der Tod präsent. «In Luzern gibt es jährlich zwischen 10 bis 15 Drogentote», sagt Zemp. Er gestaltet die Abdankungsfeiern, spricht mit Freunden und Familienangehörigen.

«Eine heile Welt gibt es nicht. Aber von ihr zu träumen ist legitim.»

Franz Zemp, Seelsorger

«Ich höre viele traurige Geschichten», sagt Zemp, «aber ich habe auch gelernt, dass es nicht meine Geschichten sind.» Er habe bisher immer Wege gefunden, sich von ihnen zu lösen. Nach einer Abdankungsfeier oder einem schwierigen Gespräch hält er ein persönliches Ritual ab, zündet dazu eine Kerze an.

Das Ende muss glücklich sein

Den Ausgleich sucht Zemp, dessen Job ja die Begegnung mit Leuten ist, in eher einsamen Beschäftigungen. «Natürlich sind funktionierende Beziehungen und ein intakter Freundeskreis wichtig». Doch gehe er überaus gerne in die Natur, lese Krimis aus Skandinavien oder kitschige Liebesgeschichten. «Gern schau ich mir auch Verfilmungen von Rosamunde-Pilcher-Büchern an.»

Einzige Bedingung, die Franz Zemp an Bücher und die Filme stellt: Sie müssen ein Happy-End haben. Im Krimi müssen also die Guten die Bösen bestrafen, die Liebesgeschichten glücklich enden. Eine heile Welt als Medikament, um die Schlechtigkeit der Zeit zu ertragen? «Eine heile Welt gibt es nicht», sagt Zemp. «Aber im Kopf von ihr zu träumen und darin zu schwelgen finde ich absolut legitim.»

Spiritualität als Überlebenshilfe

«Als Gassenseelsorger habe ich kaum Ablehnung erlebt», erzählt der römisch-katholische Theologe. Im Gegenteil sei er erstaunt über das grosse Vertrauen, dass ihm Randständige immer wieder entgegenbringen.

Franz Zemp sagt im Video, wie die Weihnachtsgeschichte in der Gassenküche erzählt.

Doch ohnehin sei es nicht seine Aufgabe, zu missionieren. «Meine Auftrag ist ökumenisch», sagt Zemp. Der Verein kirchliche Gassenarbeit wird von allen drei Landeskirchen getragen. In spiritueller Hinsicht versuche er die religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen der Menschen am Rand der Gesellschaft zu stärken – und ihnen damit zusätzlichen Halt geben. «Ressourcenorientierung» heisst der Fachausdruck für die Strategie.

Der Sinn des Lebens

Konkret sind das oft Gespräche über den Sinn des Lebens, über die Gesellschaft oder über die Angst vor dem Tod. «Ich mache das wirklich gerne», sagt Zemp. Er freut sich, dass es in allen Schichten der Luzerner Gesellschaft Sympathie und Solidarität für die Leute auf der Gasse gibt. «Da kommt es immer wieder zu Überraschungen.»

Bei unserem Besuch ist Franz Zemp gerade dabei, Weihnachten vorzubereiten. Neben den Feierlichkeiten in der Pfarrei MaiHof–St. Josef nimmt er auch an der Weihnachtsfeier der Gassenküche teil. «Normalerweise ist das mit einem ziemlich grossen Essen verbunden», sagt Zemp. Coronabedingt werde der Anlass in einer andern Form stattfinden.

Gott liebt die Elenden

Zemp tut dabei, was er jedes Jahr tut: Er erzählt in der Gassenküche die Weihnachtsgeschichte. «Gewisse Geschichten haben für spezielle Gruppen eine grosse Kraft», meint er. Die Weihnachtsgeschichte sei so eine. Weil sie offenbare, wie sich Gott im Elend zeigt. «Da muss ich gar nicht mehr viel dazu sagen», so Zemp.

Anschliessend steht für den Luzerner Gassenseelsorger im Februar noch eine Gedenkfeier für die Drogentoten des vergangenen Jahres an. «Dabei denken wir an alle, die uns verlassen haben und wir zünden Lichter an», sagt Franz Zemp. Anschliessend heisse es loszulassen, meint er leicht wehmütig. «Doch besteht nicht das ganze Leben aus Loslassen?»

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