Schweizer Fernsehen dreht Doku-Drama über das Zuger Attentat von 2001
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Beim Dreh für den Film über das Zuger Attentat: Anja Martina Schaerer und Ladislaus Löliger in Aktion am verrauchten Set. (Bild: Beat Holdener)

Aufnahmen an Schauplätzen in Zug Schweizer Fernsehen dreht Doku-Drama über das Zuger Attentat von 2001

4 min Lesezeit 4 Kommentare 06.02.2021, 05:00 Uhr

Das Attentat im Zuger Kantonsrat liegt bald 20 Jahre zurück. Das Schweizer Fernsehen (SRF) stellt die damaligen Ereignisse jetzt in Form einer Dokufiktion dar. Im Moment laufen in Zug die Dreharbeiten. Für den verantwortlichen Produzenten Rolf Elsener eine heikle Aufgabe.

Ein Polizist übergibt einer Journalistin ihren Mantel mit Schusslöchern. Gefilmt wird mit einer Drohnenkamera in der abgesperrten St. Oswaldsgasse in der Zuger Altstadt. Riesige Scheinwerfer leuchten von aussen durch die Fenster des ehemaligen Bauamtes. Im Innern simulieren Nebelmaschinen den Rauch von Petarden. Der Regisseur gibt letzte Anweisungen. Kamera läuft. Zwei Menschen verkriechen sich verängstigt unter Fensterbrüstungen. Schnitt.

Auf den ersten Blick wähnt man sich dieser Tage in Zug bei einem «Tatort»-Dreh. Doch die gespielten Szenen stammen nicht aus einem Krimi-Drehbuch. Sie haben sich so oder ähnlich während und nach dem Attentat vom 27. September 2001 im Zuger Regierungsgebäude abgespielt. 14 Menschen wurden damals getötet, zahlreiche weitere verletzt. Der Attentäter nahm sich danach das Leben. Für den Kanton Zug ein Trauma, das heute noch nachwirkt.

Das Schweizer Fernsehen (SRF) greift die damaligen Ereignisse jetzt als Grundlage für eine Dokufiktion auf. Ausgestrahlt wird sie im Rahmen der Samstagabend-Reihe «Es geschah am …» im April. In diesem Sendeformat wird jeweils ein historisches Ereignis mit Zeitzeugen und nachgespielten Szenen dargestellt.

Subtile und verantwortungsvolle Umsetzung

Je zehn Tage dauern die Dreharbeiten für die dokumentarischen und die fiktionalen Teile – gedreht wird teilweise in der Stadt Zug. Produziert wird die Sendung über das Attentat von Rolf Elsener, bekannt als ehemaliger Kommunikationsverantwortlicher der Stadt Zug. Im Gespräch versichert er, dass der Film verantwortungsvoll und mit Fingerspitzengefühl umgesetzt wird.

zentralplus: Aus Zuger Sicht ist die Nachverfilmung des Zuger Attentats ein heikles Ansinnen. Was hat das Schweizer Fernsehen bewogen, das emotional aufgeladene Thema in dieser Form jetzt aufzugreifen?

Rolf Elsener: Wir haben uns die Sache wirklich lange überlegt. Zwei Gründe waren am Schluss ausschlaggebend: Im September steht der zwanzigste Jahrestag bevor. Viele jüngere Leute wissen nur wenig über dieses schreckliche Attentat. Die Erinnerung an die Ereignisse scheint uns wichtig, weil sie auch konkrete politische Auswirkungen hatten. Beispielsweise müssen die Parlamente seither besser geschützt werden. Zum anderen wollten wir aufzeigen, was für langfristige Folgen ein solches Trauma für die Betroffenen haben kann.  

zentralplus: Welche Personen erzählen in der Sendung ihre Erlebnisse beim Attentat?

Elsener: Von den damaligen Kantonsratsmitgliedern machen Moritz Schmid, Josef Lang und Manuela Weichelt-Picard mit. Auch die Familie des getöteten Karl Gretener erzählt ihre Leidensgeschichte. Weiter haben wir den damaligen Standesweibel Paul Langenegger interviewt, den Polizeikommandanten Hugo Halter, der den Einsatz geleitet hat, ein Mitglied der Sondereinheit «Luchs», das als einer der Ersten beim Tatort angekommen ist, die Radio-Journalistin Lucia Theiler und Pfarrer Alfredo Sacchi, der die Trauerfeier für die Opfer mitgestaltet hat.

zentralplus: War es schwierig, die damals Betroffenen und Involvierten zum Mitmachen zu bewegen?

Elsener: Die Mitwirkenden haben bewusst und ohne überredet zu werden in die Aufnahmen eingewilligt. Es gab allerdings auch Leute, die sich nicht mehr zu den Ereignissen äussern wollten. Alle Angehörigen von Opfern haben wir über die bevorstehende Sendung informiert.

zentralplus: Sie haben auch das Drehbuch für die mit Darstellern nachgespielten Szenen geschrieben. Was zeigen diese?

Elsener: Wir erzählen als Rahmenhandlung die Ereignisse aus Sicht einer Radiojournalistin, die damals im Regierungsgebäude anwesend war. Sie hat im Büro über dem Ratssaal gearbeitet und dort das Attentat zusammen mit einem Kollegen indirekt miterlebt. Das gibt uns die Möglichkeit die Dramatik der Ereignisse zu zeigen, aber gleichzeitig Distanz zu wahren. Wir stellen auch bewusst keine Szenen an den Originalschauplätzen nach. Auch die Tat an sich wird nicht gezeigt.

zentralplus: Die Gefahr besteht, dass eine solche Verfilmung den Attentäter heroisiert. Wie wird er dargestellt?

Elsener: Wir machen keinen Film über den Täter. Wir geben ihm weder Gesicht noch Namen. In einzelnen Einstellungen zeigen wir ihn lediglich von hinten oder im Gegenlicht im Profil. Er kommt nur so weit vor, wie es zum Verstehen des Ablaufs notwendig ist.

zentralplus: Im Moment werden mancherorts Politiker bedroht und terrorisiert. Kann ein solcher Film nicht zu einer Eskalation beitragen und zum Nachahmen animieren?

Elsener: Wir zeigen die Tat nicht, sondern die sichtbaren Folgen davon. Die Thematik der Nachahmung und die Möglichkeiten der Prävention werden in der Sendung einen wichtigen Platz einnehmen.

Ich habe lange gezögert für dieses Projekt zuzusagen, weil es mir sehr nahegeht.

Rolf Elsener, SRF-Produzent

zentralplus: Sie sind nach dem Attentat als Journalist einer Luzerner Zeitung nach Zug gekommen, um zu berichten. Sie kennen als Zuger viele der Betroffenen. Wie ist es für Sie, diese Ereignisse jetzt wieder aufzuarbeiten?

Elsener: Für mich ist es eine extreme Erfahrung. Ich habe lange gezögert für dieses Projekt zuzusagen, weil es mir sehr nahegeht. Aber ich habe gemerkt, dass das Bedürfnis nach einer Aufarbeitung gross ist. Darum habe ich mich entschieden hinzuhören, den Opfern eine Stimme zu geben und aufzuzeigen, was eine solche Tat auslöst. Ich hoffe, dass es hilft, wenn sich jemand der Geschichte annimmt, der die Verhältnisse kennt.

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4 Kommentare
  1. Betschart, 07.02.2021, 12:49 Uhr

    Ich finde es als Betroffener äusserst pietätlos gegenüber uns Gott sei Dank Überlebenden dieses Attentat durch diese Dokufiktion wieder aufzuwärmen. Es genügt schon wenn jährlich die Glocken in alle Gemeinden des Kantons Zug am 27.9. läuten. Aber eben Rücksicht auf die Betroffenen zu nehmen ist nicht gefragt und total unverantwortlich.

    1. mebinger, 07.02.2021, 18:17 Uhr

      Danke für deine Worte, bin deiner Meinung

  2. mebinger, 07.02.2021, 10:49 Uhr

    Schweizer Fernsehen dreht Doku-Drama über das Zuger Attentat von 2001

    (Gedanken eines Beteiligten)

    Ist das jetzt wirklich auch noch notwendig, genügt es nicht, dass das Fernsehen mit ihrer Hysterie rund um Corona Angst und Schrecken verbreitet, muss jetzt auch noch das Attentat aufgewärmt werden? Ich wieder hole mich gerne als Betroffener. Leihbacher hat meinen Glauben an die Gesellschaft nicht tangiert! Er hat mich stark gemacht. Meinen Glauben zerstört haben mich diese Corona-Massnahmen und wie die Medien zusammen mit der Politik die Gesellschaft im Moment demontieren und unsere Jugend traumatisieren und ihr die Zukunft zerstören, von den tausenden von Toten, welche die Corona-Politik zu verantworten hat, rede ich nicht einmal! Was momentan abläuft beeinträchtigt massiv! Alles an was ich glaubte wurde mit Füssen getreten. Ich habe mich von der Gesellschaft zurückgezogen. Die Politik wird mich nie mehr sehen und an Anlässen werde ich erst wieder teilnehmen, wenn diese Masken verschwunden sind, dass die Politik Werte und Verantwortung vertritt, daran glaube ich definitiv nicht mehr!

    Gut ich muss gestehen, dass ich von SRF weniger als nichts halte und ihr nicht zutraue diese Dokufiktion verantwortungsvoll zu machen. Aber was klar und deutlich gesagt werden muss ist, dass das Aggressionspotential in breiten Bevölkerungskreisen im Moment enorm ist, weil sie die Nase voll haben von diesen meiner Ansicht nach völlig übertriebenen (Und ich bin mit dieser Meinung schon lange nicht mehr alleine) unnötigen Massnahmen. In dieser Zeit über ein Attentat einen Film zu machen ist verantwortungslos. Wir haben sehr viele völlig Verzweifelte, die dank der Politik (nicht wegen Corona) ihre Existenz verloren haben! Ich bete zu Gott, dass keiner auf dumme Gedanken kommt!

  3. Daniela Übersax, 06.02.2021, 08:34 Uhr

    Finde gut, dass der Täter keinen Namen erhält. Dennoch wird der Film die Ereignisse kaum so darstellen können, wie sie waren und was sie für Zug bedeuteten

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