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Schweiss, eine Stange und der unschwanige Schwan
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Rowena, unsere Pole-Dance-Trainerin macht’s vor, wir machen’s nach. Mehr oder weniger erfolgreich. (Bild: wia)

Pole Dance – ein schmerzhafter Selbstversuch Schweiss, eine Stange und der unschwanige Schwan

5 min Lesezeit 27.08.2016, 12:02 Uhr

Pole Dance liegt im Trend. Was steckt dahinter? Wollen die alle Stripperinnen werden? Kann so etwas Spass machen? Und muss man tatsächlich in den Unterhosen ran? zentralplus hat sich an die Stange gewagt.

Die glänzende Idee, einen Pole-Dance-Selbstversuch zu wagen, hatte ich an der Redaktionssitzung schnell ausgesprochen. Und noch schneller wieder bereut. Pole Dance. Das widerspricht jeder Faser meines Körpers. Schnell kommen einem die fiesen Youtube-Videos in den Sinn, in denen sich Damen im hilflosen Versuch, lasziv zu wirken, mit Armen und Beinen an der Stange verheddern und dann Kopf voran auf den Boden pflatschen.

Nach monatelangen Versuchen, meine mutige Ankündigung rückgängig zu machen, und nach entsprechendem täglichem Mobbing der Kollegen hab ich nachgegeben. Pole Dance Klasse 2, (eine niederere steht gerade nicht zur Verfügung), ich komme.

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Aber was zieht man an? Muss ich da in den Unterhosen rumturnen? Bei allem Körperselbstbewusstsein – das ist dann wohl doch etwas viel verlangt. Und muss ich etwa hohe Hacken anziehen? Himmel, worauf habe ich mich eingelassen?

Keine Stilettos, dafür Unterhosen

Pole Dance oder Pole-Fitness?

Die Lektion, die ich genossen habe, war eigentlich kein Pole Dance, sondern Pole-Fitness. Man ist dabei barfuss und trägt, im Gegensatz zum Pole Dance, keine hohen Absätze. Sehr kurze Hosen sind essenziell, da es sonst schwierig wird, die Figuren an der Stange auszuüben. Oder wie es Rowena ausdrückt: «Irgendwenn merksch eifach, dass die cheibe Huut bruchsch.»

Montagabend, es ist heiss draussen, gewitterhaft. Die viel zu kurzen Shorts sind in der Turntasche dabei. Um Viertel nach 7 beginnt die Lektion in der Loft1, direkt neben der Chollerhalle. Ob ich die Einzige sein werde, die nicht Stripperin werden will? Sind da nur verlebte, drahtige Ü40erinnen, wasserstoffblond und in Blingbling-Pumps? Immerhin, die Fenster sind mit Fotos sich akrobatisch verrenkender Tänzerinnen verziert, niemand kann also ein Video drehen und mich dann zum Youtube-Knüller machen. Ein erster Blick in die Umkleidekabine, ich atme auf. Da stehen keine Stilettos. Nein, da stehen Birkenstocks! So schlimm kann das gar nicht werden, beschliesse ich. Oder etwa doch?

Und ein Blick in die Runde zeigt: Die sehen ja alle ganz normal aus. Auch Rowena, die Trainerin, ist nicht wasserstoffblond. Zudem trägt sie keine Stilettos wie befürchtet. Jung, sympathisch, klein und lustig ist sie. Und steht in Unterhosen, Tanktop und barfuss vor uns. Gott sei Dank keine hohen Hacken.

Judihui, Stangenklettern!

Ein Dutzend Stangen stehen im relativ kleinen Raum, unter der Spiegelwand verläuft ein blaues Neonlicht. Leise Clubmusik begleitet die etwas sterile Atmosphäre. Wir beginnen. Die Aufwärmphase ist unspektakulär. Dehnen, kräftigen, sich damit anfreunden, dass die riesige Spiegelwand überhaupt nichts beschönigt. Und dann kommt die Stange zum Zug. Juhuii, ruft da eine laute, kindliche Stimme in meinem Kopf. Die kindliche Stimme ist nämlich noch auf dem Stand einer Fünftklässlerin, die prima an der Stange hochklettern konnte. Dieses tolle Gefühl damals, wenn man es bis oben schaffte, sich die Welt aus der Vogelperspektive angucken konnte, um sich dann, an der Stange festhaltend, mit leicht brennenden Handflächen von der Schwerkraft wieder herunterziehen zu lassen.

Choreo-was?

Die Tagträume werden jäh unterbrochen. Hat die Trainerin tatsächlich «Choreo» gesagt? Sie dreht die basslastige Musik hoch, «so, wir wiederholen nun einmal den Ablauf aus der Klasse 1», sagt Rowena zu mir. Zu Hülf. Es gibt einen Grund, warum meine Jazztanz-Karriere nach fünf läppischen Lektionen geendet hat. Ich hab’s nicht so mit rechts und links. Ausserdem bin ich mir trotz ausgeprägter Salsa-Phase in jungen Jahren ziemlich sicher, dass mein Hüftschwung nicht ganz so shakiramässig daherkommt. Los geht’s, ähm. Jawohl, Schritt links, Schritt rechts, an die Stange, «und jetzt den Schwan rückwärts» ruft Rowena, alle machen’s, ich auch, und in der Tat sieht das bei mir alles andere als rückwärts-schwanig aus, vielmehr würd ich’s gehetzter Papageientaucher nennen. Irgendwie ulkig, aber mitnichten elegant.

Beim zweiten Schwanenversuch muss ich mir eingestehen: macht ja eigentlich noch Spass. Der dritte Schwan gelingt gar nicht mal so schlecht, doch sind wir noch lange nicht am Ende der Choreo angelangt. Weitere Drehungen werden angekündigt, und zum Abschluss zwei «Body Waves» gen Stange, bei denen ich mir das Lachen schlicht nicht verkneifen kann. Um als Stripperin zu taugen, müsste ich noch den einen oder anderen Intensivkurs belegen. Aber deshalb bin ich ja gar nicht hier. Denn alleine diese kräftigen Bewegungen, dieses verspielte Hochkraxeln an der Stange und dieses Herumwirbeln in der Luft machen – ziemlich überraschend – Freude.

Wo kommt denn dieses Bein nun hin?

Und tun schaurig weh. Damit man sich nämlich einen Meter über Boden und mit überschlagenen Beinen an der Stange halten kann, braucht es Haftung. Und die wird umso grösser, je mehr man seine Oberschenkel ans Metall presst. In Kombination mit der Schwerkraft ist das, für eine Anfängerin wie mich, ziemlich fies. Wenigstens bin ich nicht kopfüber, denke ich, während mir wieder die Pole-Dance-Fail-Videos durch den Kopf schiessen. Und was mache ich nur mit meinen Händen? Das Rechts-Links-Problem taucht wieder auf, welches Bein kommt jetzt wohin?

Nach einigen Sekunden ist jeweils Ende Feuer, ich muss zurück auf den Boden. Wir lernen weitere Figuren, diesmal, oho, im rotierenden Modus. Die Verankerung der Stange wird aufgeschraubt, sie kann sich somit frei drehen, was lustig und beunruhigend zugleich ist. Und der Schwan kommt wieder zum Zug. Vorwärts und rückwärts im Kreis herum. Ja, doch, das fühlt sich doch immer schwaniger an.

Erste Erfolgserlebnisse nach der ersten Lektion. Ein wenig stolz bin ich schon. (Bild: wia)

Erste Erfolgserlebnisse nach der ersten Lektion. Ein wenig stolz bin ich schon. (Bild: wia)

Ich warte die blauen Flecken ab

Was habe ich mir da eigentlich gedacht, als ich glaubte, ich würde nicht ins Schwitzen geraten während dieser einen Lektion? Am Ende der Stunde bin ich erledigt. Und ganz zufrieden mit mir. Trotz all der Spiegel im Raum und null Ahnung, wie ich diese Choreografien je auf die Reihe kriegen könnt: Die eine oder andere Figur hab ich doch einigermassen gemeistert und Spass gemacht hat’s erst noch. Bevor ich mich gleich zum Kurs anmelde, warte ich die blauen Flecken ab. Denn die kommen zweifellos.

 

Wie Pole-Fitness aussehen könnte, wenn man’s eben könnte:

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