Schutzverbände reichen Petition gegen Abriss ein
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Das Gewerbegebäude von 1933 an der Tribschenstrasse. (Bild: fam)

Luzerner Gewerbegebäude der CSS soll erhalten bleiben Schutzverbände reichen Petition gegen Abriss ein

5 min Lesezeit 5 Kommentare 20.12.2019, 12:23 Uhr

Die CSS will an ihrem Hauptsitz im Luzerner Tribschenquartier mehr Platz schaffen – und zwar auf Kosten des Gewerbegebäudes. Dagegen wehren sich mehrere Verbände, die das Haus als architektonische Ikone bezeichnen. Sie haben am Freitag mit einer weiteren Petition Druck aufgesetzt.

Das Gewerbegebäude an der Luzerner Tribschenstrasse 51 spaltet die Gemüter. Die CSS möchte es abreissen und an seiner Stelle einen Neubau errichten. Mehrere Verbände fordern hingegen: Das Gebäude muss erhalten und saniert werden.

Diesem Anliegen haben sie am Freitag mit einer Petition Nachdruck verliehen. Sie übergaben den Behörden 2734 Unterschriften. Die Petition verlangt, dass sich die Stadt, der Kanton, die Gerichte und die CSS-Versicherung als Bauherrin für den Erhalt und die Sanierung des Gewerbegebäudes einsetzen. Das Haus sei in eine neue Arealüberbauung zu integrieren.

Denn den Schutzverbänden ist klar, dass es sich um einen wichtigen architektonischen Zeitzeugen handelt. Die Behörden sehen das allerdings anders: Die kantonale Dienststelle Hochschulbildung und Kultur lehnte es 2017 ab, das Gewerbegebäude unter Schutz zu stellen.

Der rechteckige Bau sorgt seit längerem für Diskussionsstoff. Doch worum geht es eigentlich und was bedeutet die Petition nun für die Pläne der Versicherung? zentralplus hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengestellt.

Wieso will die CSS das Gewerbegebäude abreissen?

Die CSS braucht an ihrem Hauptsitz mehr Platz. Sie plant deshalb einen Neubau für 500 Mitarbeiter, unter anderem auf dem Areal, wo das Gewerbegebäude steht. Die Versicherung will dafür gemäss früheren Angaben rund 50 bis 60 Millionen Franken investieren.

Die Möglichkeit, das Gewerbegebäude in den Neubau zu integrieren, hat die CSS geprüft – und verworfen. Denn damit würde das neue Gebäude laut der Versicherung deutlich kleiner und wäre nicht kompatibel mit dem Raumbedarf, den die CSS für sich beansprucht.

Wer ist gegen den Abriss?

Fachpersonen setzen sich seit Jahren für das Gebäude ein. Bereits 2002 wurde eine erste Petition eingereicht. Hinter der am Freitag eingereichten, zweiten Petition stehen die Zentralschweizer Sektionen des Bundes Schweizer Architekten (BSA), des Schweizer Ingenieur- und Architektenvereins (SIA), des Schweizer Werkbunds (SWB) sowie der Innerschweizer Heimatschutz (IHS).

«Damit würde ein verhängnisvolles Präjudiz mit Signalwirkung im Kanton, in der Region und in der Schweiz geschaffen.»

Die Schutzverbände in einer Mitteilung

Sie verweisen auf mehrere Gutachten von Fachleuten, die allesamt die Schutzwürdigkeit des Gewerbegebäudes begründen. Die Schutzverbände kritisieren auch die Behörden, die ihrer Meinung nach nie einen fachlich fundierten Bericht zur Klärung des Schutzstatus in Auftrag gegeben hätten. Bereits 2002 forderte der Luzerner Heimatschutz mit einer Petition die Unterschutzstellung des Gebäudes.

Das Gebäude ist doch hässlich – wieso soll man es erhalten?

Auch die Schutzverbände räumen ein: Das versprayte und vernachlässigte Gebäude sei in die Jahre gekommen und vom mangelnden Unterhalt gezeichnet. Gerade deshalb fordern sie eine fachgerechte Sanierung.

Ob schön oder nicht ist zudem eine subjektive Frage. Und laut den Architekten und Fachpersonen gar nicht relevant. Es gehe nicht um die Schönheit, sondern um die architektonische Bedeutung des Gebäudes. Für die Schutzverbände handelt es sich um eines der bedeutendsten Pionierbauwerke der frühen Moderne in der Zentralschweiz und eine Ikone dieser Epoche.

Die Schutzverbände werfen den Behörden vor, dass sie der CSS, die das Gebäude 2015 kaufte, bereits vor dem Schutz-Entscheid einen Abriss versprochen habe. Pionierbauwerke der frühen Moderne würden in der politischen Praxis noch immer als «Stiefkinder der Baukultur» behandelt. Dabei ist für die Schutzverbände klar: Analog zu Bauwerken älterer Epochen seien auch die wichtigen Bauten der Moderne besonders schützenswerte Kulturobjekte. «Sie dürfen deshalb nicht Gegenstand für Abbruchentscheide aus politischen Gefälligkeiten werden», warnen sie in einer Medienmitteilung. «Damit würde ein verhängnisvolles Präjudiz mit Signalwirkung im Kanton, in der Region und in der Schweiz geschaffen.»

Von wem stammt das Haus?

Das Gewerbegebäude ist 1933 vom damals jungen Luzerner Architekten Carl Mossdorf entworfen worden. Der Bau wurde nach einem Brand am Mühlenplatz geplant, bei dem zahlreiche Kleinunternehmer ihre Werkstätte verloren. Mossdorf plante es für die damals neugegründete Genossenschaft «Gewerbegebäude der Stadt Luzern».

Carl Mossdorf entstammt einer Architektenfamilie: Sein Vater war der erste Stadtbaumeister von Luzern, sein Grossvater erbaute im 19. Jahrhundert das Verwaltungsgebäude der Gotthardbahn am Schweizerhofquai in Luzern.

Was nützt die Petition?

Rechtlich gesehen hat die Petition keine bindenden Folgen. Die Behörden müssen davon lediglich Kenntnis nehmen. Es wäre denn auch mehr als überraschend, wenn die zuständigen Stellen von sich aus auf den Schutzstatus zurückkommen würden. Insofern hält die Petition lediglich den politischen Druck aufrecht.

Wie geht es weiter?

Die Fronten scheinen inzwischen verhärtet. Diesen Frühling rauften sich die Kritiker und die CSS zwar für Gespräche zusammen. Doch eine Einigung kam nicht zustande, die Versicherung hält an den Abrissplänen fest (zentralplus berichtete).

Die Schutzverbände bekämpfen die Pläne der CSS zudem auf juristischem Weg. Gegen die von der Stadt erteilte Abrissbewilligung haben sie Beschwerde eingelegt, die Sache ist derzeit beim Kantonsgericht hängig. Sollte dieses die Beschwerde abweisen, könnten die Gegner den Entscheid ans Bundesgericht weiterziehen. Gut möglich, dass sie diesen Schritt gehen werden, wie sie in der Vergangenheit bereits ankündigten (zentralplus berichtete).

Es drohen der CSS also weitere Jahre der Verzögerung. Ursprünglich wollte sie bereits 2016 das Baugesuch einreichen. Ohnehin braucht es vor dem Abriss ein rechtskräftig bewilligtes Neubauprojekt. Der angekündigte Architekturwettbewerb ist bisher nicht gestartet worden. Sowieso hat der BSA seine Mitglieder dazu aufgerufen, das Neubauprojekt zu boykottieren, wenn das Gewerbegebäude nicht darin integriert sein soll.

Die CSS äussert sich derzeit nicht näher zu den nächsten Schritten. Auf Anfrage heisst es lediglich: «Die Petition ist uns bekannt. Die CSS wartet den Ausgang des Verfahrens ab, das derzeit am Kantonsgericht hängig ist. Die CSS ist zuversichtlich und rechnet mit einem positiven Entscheid.»

Wie das Seilziehen letztlich ausgeht, wird sich also zeigen. Doch auch die CSS hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie die politische Klaviatur beherrscht. Sie spielte laut mit dem Gedanken, die Arbeitsplätze ausserhalb von Luzern anzusiedeln, sollte es mit dem Neubau nicht vorwärtsgehen. Das rief prompt bürgerliche Politiker auf den Plan (zentralplus berichtete). Später distanzierte sich die Versicherung indes von solchen Plänen.

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5 Kommentare
  1. Nick Meyer, 20.12.2019, 22:09 Uhr

    Es ist eine Frechheit, was die Schutzverbände da anrichten. Das Gewerbegebäude hätte vor 25 oder 30 Jahren in der Wettbewerbs- und Bebauungsplanphase in das Konzept Trischenstadt eingebunden werden sollen. Es steht heute schon deplatziert da und wenn ein Neubau um das Gebäude gebaut wird verkommt vollends zu Disneyland-Charakter.
    Wenn die Schutzverbände das Haus erhalten wollen, sollten sie es kaufen und sanieren, wenn sie das Geld die dafür unverhältnismässig hohen Sanierungskosten aufbringen wollen oder können.
    Als ehemaliger Architekt bei der CSS kenne ich die Studie die das Haus Umbaut und kann dazu nur sagen, dass das für den Neubau unmöglich und ist und für den bestehenden Bau noch unmöglicher.
    Zudem hat die Stadt und übergeordnete Stellen vor dem Liegenschaftskauf der CSS zugesichert, dass das Gebäude abgerissen darf. Was da alle Behördenstellen nun mit der CSS betreiben ist Schindluderei.
    Alle Stellen, die die CSS weiterhin schädigen und behindern, sollten zu Schadenersatzzahlungen verpflichtet werden, was das die CSS bis anhin gekostet hat, davon redet (leider) niemand. Eine direkte Folge dieser bisherigen Bauverhinderungststaktik ist auch, dass die CSS ca. 500 Arbeitsplätze ins D4 in Root verlager muss, die der Stadt nun an der Tribschenstrasse vorerst verloren gehen. Für die Stadtbein Verlust und für die sozial ausgerichtete Krankenversicherung- notabene ein Nonprofitunternehmen – ein ökonomischer Unsinn.
    Für weitere Auskünfte stehe ich zur Verfügung.
    Nick Meyer, Dipl. Arch. FH / SIA / SWB
    Luzern

    1. Peter Amgalgen, 21.12.2019, 10:53 Uhr

      Ich kann Nick Meyer in seinen Aussagen nur unterstützen.
      Wenn wir so denken wie die sog. Schutzverbände, so wird bald jeglicher baulicher und architektonischer Vortschritt verhindert.
      Peter Amgalgen, dipl. Bauing. HTL/SIA

    2. Peter Amgalgen, 21.12.2019, 10:57 Uhr

      PS: Bevor jemand gegen das Argument „Non-Profit“ motzt: Das kann man im Krankenversicherungsgesetz nachlesen.

  2. kari, 20.12.2019, 14:39 Uhr

    Was ist eigentlich in Luzern los, bald einmal ist alles sehenswürdig und denkmalgeschützt, wie der Klotz der Zentralbibliothek, nun auch noch dieses marode Gemäuer. Es geht hier auch um Arbeitsplätze, oder wollt ihr dass die CSS sagt, wir ziehen aus der Stadt weg. Besser abreissen und Platz für Neues schaffen. Tun wir es nicht, macht es irgendwann jemand anders.

  3. CScherrer, 20.12.2019, 12:45 Uhr

    Ziemlich eigenartige Bestrebungen. Jahrelang wurde abgerissen und alte Gebäude durch hässliche Bauten ersetzt. Und plötzlich sind da irgendwelche Bestrebungen, welche bei jedem Gebäude irgendwelche Gründe finden, welche das Gebäude schützenswert machen. Langsam aber sicher reicht es. Es kann nicht sein, dass gewisse Leute das Gefühl haben, auf Kosten von Hausbesitzer aus der Stadt ein Freilichtmuseum zu machen.

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