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Schulmüde Kinder? Ab ins Ferienheim!
  • Gesellschaft
Zuger Werbungen aus den 20er Jahren sagen viel aus über die damalige Zeit. Und noch viel mehr lässt sich dazu erfinden. Etwa zur Frage, warum es denn heute keine Kinderkurhäuser mehr gibt. (Collage: wia)

Die skurrilsten Zuger Werbungen aus den 1920ern Schulmüde Kinder? Ab ins Ferienheim!

5 min Lesezeit 15.09.2016, 18:11 Uhr

Früher, da war alles besser. Und am allerbesten waren die Werbungen, die im Zuger Telefonbuch von 1924 drinstehen. Wer kann schon widerstehen, wenn ausgestopfte Tiere zu «mässigen Preisen» angeboten werden, im Frisiersalon «English spocken» und die «hygienische Lebensweise» propagiert?

Früher, als die Telefonnummern noch zweistellig waren und die Itens, Brandenbergs und die Nussbaumers die Zuger Telefonbücher dominierten, damals warb man noch ganz anders um die Gunst der Konsumenten. Keine Handywerbung, keine nackten Frauen, kein Geiz ist geil. Nur Währschaftes, Bodenständiges und qualitativ Hochwertiges wird angepriesen und mit Attributen versetzt wie «prima», «reell» und «mässiger Preis!». zentralplus hat durchs Zuger Telefonbuch von 1924 geblättert und die aussergewöhnlichsten Werbungen herausgepickt.

Dass das Leben damals noch etwas anders lief, zeigt das folgende Werbebeispiel:

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Alles was ein Ehepaar so braucht: Ein Bett, ein Buffet und eine Steppdecke. Das alles gibts im Aussteuergeschäft.

Alles was ein Ehepaar so braucht: Ein Bett, ein Buffet und eine Steppdecke. Das alles gibts im Aussteuergeschäft.

Für diejenigen, die bezüglich des Themas etwas wacklig auf den Beinen sind: Die Aussteuer war das Vermögen in Form von Geld oder Gütern, welches eine heiratende Tochter von ihren Eltern mitbekam und mit in die Ehe brachte. Damals offenbar noch ein lukratives Geschäftsmodell. Die stolze Mutti, die ihre Tochter nun endlich mit 18 Jahren unter die Haube bringt, geht mit geschwollener Brust einkaufen und besorgt alles Essenzielle, womit eine ordentliche Ehe ausgestattet sein muss. Einen Divan etwa, damit sich der arbeitserschöpfte Mann abends von der Ehefrau mit Trauben füttern lassen kann. Und das Ganze ohne Kaufzwang!

Die eher religiös Angehauchten unter den Eheleuten dürften sich stattdessen dazu entschieden haben, sich ihr eigenes, künstlerisch ausgeführtes Kruzifix schnitzen zu lassen, das dann über dem knarzenden Ehebett sowohl für Hausfrieden als auch grossen Kindersegen sorgte. Die verkündete Devise «Schützet die einheimische Kunst!» ist wohl als Vorläufer von «Aus der Region, für die Region» zu verstehen. Einfach mit drohend erhobenem Zeigefinger.

Vielleicht hat die eine oder andere Ehefrau in spe sich was ganz Besonderes ausgedacht und anstatt des Aussteuergeschäfts den «Präparator» besucht. Sie brachte also anstatt gehäkelter Küchengardinen eher ein totes Tier mit in die Ehe. So ein Gämsenkopf macht sich bestimmt ganz toll über dem Cheminée – oder dem Ehebett. Die Preisliste, die es – Achtung – kostenlos dazu gab, dürfte interessant ausgesehen haben: Ausgestopfte Schwalbe, 2.50 Franken, ausgestopfter afrikanischer Elefant mit Stosszähnen, 167 Franken.

Im Zuger Telefonbuch aus den 20ern geht es aber bei Weitem nicht nur um Materialismus. Nein, auch Zucht und Ordnung wurden damals grossgeschrieben. Das beweisen die vielen Anzeigen der «Landerziehungsheime» und «Schulsanatorien». Letzteres wirbt damit, sich «für schwächliche, erholungsbedürftige und schulmüde Kinder» einzusetzen. Die durften da Sonnen-, Luft- und Seebäder geniessen, und auch für eine «hygienische Lebensweise» war gesorgt. Das klingt erfrischend, so, als hätten sich dort die doppelten Lottchen kennengelernt. Bleibt offen, warum dieses Schulsanatorium heute nicht mehr existiert. Denn schulmüde Kinder gibt es noch immer zuhauf. Womöglich, weil irgendjemand dann doch begriffen hat, dass das Entsenden der Kinder ins Kinderkurhaus vielmehr der Erholung kindermüder Eltern galt.

Was gäben wir nur darum, eine Reportage aus einem damaligen Schulsanatorium und Kinderkurhaus zu schreiben.

Was gäben wir nur darum, eine Reportage aus einem damaligen Schulsanatorium und Kinderkurhaus zu schreiben.

Doch nicht überall geht’s so larifari zu und her wie in Unterägeri. Unflätige Kinder, die auf dem Schreibtisch ihrer Väter die Broschüre des «Voralpinen Landerziehungsheim Zugerberg» entdeckten, dürften sich urplötzlich wie Lämmer benommen haben. Obwohl, nebelfreie, sonnenreiche Höhenlage, das klingt gar nicht so übel. Und wenn die Anlage zudem mit Spielplätzen, Pärken und Tennisanlagen bestückt ist, dürfte der Aufenthalt sogar ganz nett gewesen sein. Aus dem Landerziehungsheim Zugerberg wurde übrigens das Institut Montana, jenes aus Oberägeri liess der Institut-Erbe und Nationalrat Gerhard Pfister letzthin abreissen.

Werbung für das «voralpine Landerziehungsheim Zugerberg»: Wenn hier nicht Zucht und Ordnung gelehrt wird, wo dann?

Werbung für das «voralpine Landerziehungsheim Zugerberg»: Wenn hier nicht Zucht und Ordnung gelehrt wird, wo dann?

Damals verfügte der Kanton Zug noch über ein eigenes katholisches Kinderheim mit 160 Plätzen. «Ein Direktor. 17 Schwestern», so die knappe Information zur Betreuung. In den Gebäuden, die heute noch stehen, ist nun die «International School of Zug and Lucerne» zuhause.

Unterrichtet wird hier noch immer. Doch wo früher das katholische Kinderheim war, steht heute die «International School».

Unterrichtet wird hier noch immer. Doch wo früher das katholische Kinderheim war, steht heute die «International School».

Während die Kinder also in Zugs sonnigen Höhen erzogen wurden, konnten die Eltern ihrem Alltag nachgehen. Und dazu gehörte es selbstverständlich, um das eigene Erscheinungsbild besorgt zu sein. Hätte es damals schon Expats gegeben, sie wären nicht zu kurz gekommen, wie die folgende Werbung beweist. So konnten die mondänen Zuger bereits in den 20ern Englisch und Französisch. Der Damen- und Herren-Frisiersalon jedenfalls brüstet sich mit der Aussage: «On parle français» und «english spocken». Wir sind nicht ganz so überzeugt und hoffen darauf, dass better gespocken wird als gewritten wurde.

Dass früher alles etwas unkomplizierter war als heute, sieht man auch an der folgenden Werbung. Heute muss man sich in die Büsche schlagen, um sein LSD und Koks zu vertreiben, damals musste man bloss kundtun: «Ich geh schnell zum Luthiger Viktor», und alles war klar. Damit wir uns hier nicht als unwissende Banausen outen: Das Wort Drogen kommt vom niederländischen «droog», was so viel wie trocken bedeutet. In früheren Zeiten, als vor allem getrocknete Kräuter und Tinkturen im Angebot standen, passte der Name «Droge» also noch prima.

Für Kaffee und Tee des «Altesten Spezialgeschäfts am Platze» halten im folgenden Beispiel ein stereotypischer Inder mit Turban und ein Chinese mit langem Bart als Eyecatcher her. Damals noch normal, würden solche Werbungen heute wohl für Rassismus-Vorwürfe sorgen.

Kaffee und Tee aus dem «Altesten Spezialgeschäft». Mit leicht rassistischem Beigeschmack.

Kaffee und Tee aus dem «Altesten Spezialgeschäft». Mit leicht rassistischem Beigeschmack.

Und auch die Zigarrenwerbung bedient sich des Klischees. Die Zigarren der Rauchwarenhandlung Jos Weber in Zug werden vom fröhlichen, dunkelhäutigen, dicklippigen Krauskopf serviert. Immerhin fehlt wenigstens der sonst obligate Knochen im Haar.

Der Preis für den inhaltslosesten Satz innerhalb einer Werbung geht indes an den Schuhmacher Franz Rampa:

Der Schuhmacher empfiehlt sich bestens für sämtliche in sein Fach einschlagenden Arbeiten bei billigster Berechnung. Aha. Tatsächlich gibt es in der Zeughausgasse in Zug noch heute einen Schuhmacher. Offenbar haben sich die Werbestrategien des Unternehmens in den letzten 90 Jahren gebessert.

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