Schochenmüli in Zug: Kann das historische Haus verschoben werden?
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Erbaut 1799, als die Schweiz in Flammen stand. Das Bauernhaus Schochenmühle, das 2018 teilweise abbrannte. (Bild: mam)

Früher waren dort die billigsten Wohnungen Schochenmüli in Zug: Kann das historische Haus verschoben werden?

5 min Lesezeit 18.10.2020, 17:00 Uhr

Einst wollte die Stadt Zug günstige Wohnungen im Bauernhaus Schochenmühle erhalten. Nun wird die Verwendung als Quartiertreffpunkt angeregt. Doch erst gilt es zu klären, wo das brandgeschädigte Haus wieder aufgebaut wird.

Als es noch ein schmuckes Bauernhaus war, wurde es von seiner Besitzerin jahrelang vernachlässigt. Die Rede ist vom 1799 erbauten Dreifamilienhaus Schochenmüli, das der Stadt Zug gehört. Es liegt bei der Steinhauserbrücke und wurde im Frühling 2018 ein Raub der Flammen.

Seit es eine Brandruine ist, erhält das Haus Aufmerksamkeit: Der Stadtrat prüft einen Wiederaufbau, nachdem Abrisspläne vom Grossen Gemeinderat abgelehnt worden sind (zentralplus berichtete). Und mehr noch: Die Regierung denkt sogar über eine Verschiebung nach, wie bei der letzten Sitzung des Stadtparlaments bekannt wurde.

Seit 70 Jahren Landreserve

«Wir sind mit dem Kanton in Gesprächen», sagt der Finanzvorsteher André Wicki (SVP). «Es ist in Abklärung, ob wir das Haus verschieben können.» Die Stadt besitzt an der Ecke Steinhauserstrasse/Schochenmühlestrasse seit 1949 eine Menge Land. Neben dem Bauernhaus gehören die ganzen Felder der Fröschenmatt dazu.

Laut Bauvorsteherin Eliane Birchmeier (FDP) hatte die Stadt beim Kanton Zug darum gebeten, die Brandruine instand stellen zu dürfen – und das Gebäude, wenn nötig, später auf eigene Kosten wieder abzureissen. Davon will der Kanton aber erst mal nichts wissen.

Strasse wird wohl nie gebaut

Bekanntlich steht das historische Gebäude in der Landwirtschaftszone. Und zwar an einer Stelle, die im kantonalen Richtplan für die Verlängerung der General-Guisan-Strasse vorgesehen ist. Grund: In Steinhausen soll ein neuer Autobahnhalbanschluss realisiert werden.

Dieser Strassenbau stösst insbesondere in der Stadt Zug auf Widerstand. Der Kantonsrat hat es im Mai aber dennoch abgelehnt, den Autobahnanschluss als Möglichkeit für die Zukunft aus dem Richtplan zu streichen (zentralplus berichtete).

Fast ein Neubau

Nun ist guter Rat teuer. Und die Überlegungen, was man mit dem Bauernhaus an der Schochenmühlestrasse 2 anfangen könnte, gehen wieder los. An ein Museum hatte man früher gedacht. Oder an einen Quartiertreffpunkt. Den bringt nun SVP-Gemeinderat Philip C. Brunner wieder ins Spiel. Man könnte die Schochenmüli mit einem Säli-Anbau aufwerten, meinte er im Stadtparlament.

Die Eignung als Quartiertreffpunkt hatte die Stadt vor dem Brand schon mal untersucht. Und die Idee verworfen – wegen der hohen Sanierungskosten. Nun aber muss man das historische Haus ohnehin fast neu aufbauen. Über 50 Prozent der Bausubstanz sind futsch. Auf den Denkmalschutz braucht man keine grosse Rücksicht zu nehmen. Bekanntlich wurde das Gebäude nach der Feuersbrunst aus dem Inventar der schützenswerten Baudenkmäler entlassen.

Ungeliebtes Kleinschulhaus

Der Quartiertreffpunkt soll nun im sanierungsbedürftigen Kleinschulhaus Riedmatt entstehen. Das Zuger Stadtparlament hat vor zwei Wochen für die Ertüchtigung des Schulhauses einen Kredit von 2,25 Millionen Franken bewilligt. Gegen den Widerstand der SVP, welche die Baute aus dem Jahr 1974 für ein «lieblos erstelltes Zweckgebäude, ohne Unterkellerung, von geringer architektonischer Qualität» hält – wie es Brunner ausdrückte. Und die schon vor mehreren Jahren dagegen war, hier einen Quartiertreffpunkt einzurichten.

Auch die anderen Fraktionen im Parlament sind vom Bau alles andere als begeistert. Aber die Sanierung des Kleinschulhauses ist günstig und Schulraum wird in Zug dringend benötigt. Ausserdem könnte man bei einem Neubau nicht mehr die gleiche Fläche nutzen. Denn 1974 hatte sich die Stadt mit den Nachbarn auf ein Näherbaurecht verständigt, das aber für einen Nachfolgebau nicht mehr gilt.

Die Zukunft ist ungewiss

Was die künftige Nutzung von Schulhäusern betrifft, so scheint in Zukunft vieles in der Schwebe. Die Metron Raumplanung AG aus Brugg rechnet in ihrem Bericht zur Schulraumplanung in der Stadt Zug mit 60 Prozent mehr Schülerinnen und Schülern bis im Jahr 2040. Ein Wachstumsschwerpunkt ist das Quartier Riedmatt/Lorzen, wo das Ingenieurbüro den Bau einer neuen Schule empfiehlt.

Also kann man auch weiter über einen Quartiertreffpunkt nachdenken und die künftige Nutzung des Bauernhauses Schochenmüli. Zu dem gehört übrigens auch ein Ökonomiegebäude, das vom Brand nicht betroffen war und nach wie vor genutzt wird.

Drei Zimmer für 500 Franken

Zuletzt stand das Dreifamilienhaus leer, davor befanden sich hier einige der günstigsten Wohnungen in der Stadt Zug. Noch 2009 wurden hier zwei Dreieinhalbzimmerwohnungen für 500 Franken und eine Viereinhalbzimmerwohnung für 780 Franken vermietet.

Da das Haus damals schon in einem schlechten Zustand war, wollte es die Stadt Zug für 1,3 Millionen sanft sanieren, – neue sanitäre Anlagen einbauen und die Wärmedämmung verbessern. Dies steht in einem entsprechenden Antrag des Stadtrats ans Parlament.

Einfach versandet

Offensichtlich ist das Projekt im Strudel der Ereignisse einfach untergegangen. Die Stadt war mit grossen Projekten befasst wie dem Neubau des Eishockeystadions. Es gab einen politischen Skandal um den damaligen Finanzchef Ivo Romer (FDP), dem die städtischen Immobilien unterstellt waren. Nicht zuletzt rutschte Zug vorübergehend in die roten Zahlen.

Und weil der Stadtrat nicht glaubte, genügend Geld für die Erneuerung des historischen Gebäudes zu haben, kam er 2015 vorübergehend auf die Idee, die Sanierung zu «privatisieren». Er wollte das Haus zu einem Spottpreis von 50’000 Franken im Baurecht verkaufen – unter der Bedingung, dass es bald renoviert würde.

Als das Land in Flammen stand

Von dem ist die Stadtregierung wieder abgekommen. Sie hat den emotionalen Wert von richtig alten Häusern für viele Zugerinnen und Zuger wohl auch unterschätzt. Den betont etwa Philip C. Brunner bei jeder Gelegenheit. Nicht nur, weil das Haus mit seinen 220 Jahren eines der ältesten Bauernhäuser in der Stadt Zug ist. Sondern weil es in einer geschichtsträchtigen Zeit erbaut wurde.

1799 war die Zeit der Helvetischen Revolution. Teile des Landes standen in Flammen und französische Truppen zogen durchs Land. Zug hatte damals allerdings schon kapituliert. Der letzte Angriff der Zuger, welcher sich gegen Aarau, die Hauptstadt der Helvetischen Republik richtete, war 1798 bei Bremgarten stecken geblieben. Und der Anführer der Freiämter und Zuger Truppen, Joseph Leonz Andermatt, wandelte sich darauf vom Bewahrer der alten Ordnung zum Freund der Revolution.

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