Monatelang arbeitete er im arktischen Mondschein
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Martin Schneebeli während Monaten im arktischen Eis unterwegs. Nicht zum Spass. (Bild: zvg/ slf.ch)

Schneeforscher Schneebeli und sein Lieblingsschnee Monatelang arbeitete er im arktischen Mondschein

8 min Lesezeit 08.12.2020, 11:20 Uhr

Nomen est Omen: Martin Schneebeli arbeitet seit 1991 am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos als Schneeforscher. Vor genau einem Jahr brach er auf die grösste je unternommene Arktisexpedition auf. Wir trafen den 62-Jährigen zum Zoom-Interview, sprachen über Mikroplastik im arktischen Eis und seine Jugend in Kriens. Bereits damals hatte er schon als Jugendlicher seinen Entdeckergeist gezeigt.

Es gibt sie doch, die schönen Fügungen des Universums, die alles stimmig machen. Gerade nachdem es im Flachland zum ersten Mal geschneit hat, führen wir ein Interview mit dem Schneeforscher Martin Schneebeli.

Der 62-Jährige, der einen Teil seiner Jugend in Kriens verbrachte, hat ein aussergewöhnliches Jahr hinter sich. Nicht wegen Corona, sondern weil er mehrere Monate auf einem Forschungsschiff im arktischen Eis verbracht hat. Zwar ist es nicht möglich, Schneebeli live zu treffen. Der Forscher lebt seit mehreren Jahrzehnten in Davos, wo er als Leiter der Forschungseinheit Schnee und Permafrost beim SLF arbeitet. Doch Schneebeli versichert, dass er – nach den Monaten in der Arktis – ein geübter Videocaller sei.

zentralplus: Herr Schneebeli, bei uns Unterländern hat es gerade zum ersten Mal geschneit. Ist für Sie der erste Schnee jeweils ein freudiges Ereignis oder nehmen sie es mit wissenschaftlicher Sachlichkeit auf und analysieren automatisch die Form der Schneeflocken?

Martin Schneebeli: (Lacht) Nein, nein, es ist immer schön, wenn es zum ersten Mal schneit. Dann weiss man auch in Davos, dass der Winter kommt. Auch wenn er dieses Jahr bereits im Oktober kurzzeitig Einzug gehalten hat.

zentralplus: Seit fast 30 Jahren befassen Sie sich mit der Erforschung von Eis und Schnee. War das für Sie schon damals klar, als Sie in Luzern die Kantonsschule Alpenquai absolvierten?

Schneebeli: Nein, damals hatte ich keine Ahnung, wohin es mich verschlagen würde. Dass ich in die Forschung gehen würde, war meinen Eltern damals wohl eher klar als mir.

Martin Schneebeli bei der Forschungsarbeit in der Arktis.

zentralplus: Wie das?

Schneebeli: Ich habe immer schon Dinge erforscht. So habe ich mich mit 14 Jahren bereits im Kohlenbergwerk in Kriens herumgetrieben. Auch initiierte ich mit einem Kollegen ein Projekt zur Renaturierung der Luzerner Ufschötti. Damals war das ja noch keine Badi, sondern die Deponie des Sonnenbergtunnels. Es gab an der Kantonsschule eine aktive Vogelbeobachtungsgruppe. Da uns auffiel, dass in dieser Gegend Zugvögel brüteten, kamen wir auf die Idee der Renaturierung. Ich war damals schon mehr der Ingenieur.

Mehrere Monate arbeitete Martin Schneebeli bei der gigantischen Expedition Mosaic mit. Während Monaten im Dunkeln.

zentralplus: Vor genau einem Jahr brachen Sie auf, um an der grössten Arktisexpedition aller Zeiten mitzuarbeiten. An dieser waren insgesamt 400 Forscher beteiligt. Der deutsche Eisbrecher Polarstern driftete während eines Jahres im arktischen Eis, Forscher aus insgesamt 20 Ländern erforschten etappenweise Strömung und Biologie des Ozeans, das Eis, den Schnee und die Atmosphäre. Nun werden die Daten ausgewertet, die während des Jahres gesammelt wurden. Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie bereits jetzt gewonnen haben?

Schneebeli: Vieles ist heute noch schwierig zu beurteilen. Eine Erkenntnis war jedoch, dass sich die Schneedecke, wo wir waren, stark von jener unterscheidet, die südlicher zu finden ist. Wir hielten uns an einem sehr nördlichen Punkt auf, nur gerade ein Grad südlich des Nordpols. Weil es dort praktisch nicht schneite, war die Schneedecke viel dünner als weiter südlich. Die deutlich dickere Schneedecke im Süden bringt das Eis dazu, sich zu senken, weshalb es dann vom Meer überflutet wird. Solche nicht-klimatischen Erkenntnisse sind jedoch relativ.

«Wenn ein solcher Eishügel 50 Zentimeter über der Oberfläche ist, bedeutet das, dass die Eisdecke darunter fünf Meter dick ist.»

Martin Schneebeli, Schneeforscher

zentralplus: Will heissen?

Schneebeli: Wir haben sie lokal und nur während eines einzigen Winters gesammelt. Sie sind daher nicht repräsentativ. Trotzdem ist zu sagen, dass man die arktische Schneedecke seit 30 Jahren nicht mehr so detailliert beobachtet hat, wie das die Expedition «Mosaic» gemacht hat. Schon gar nicht so weit nördlich.

zentralplus: Wie muss man sich die «Landschaft» im höchsten Norden vorstellen?

Schneebeli: Viele glauben, es sei dort sehr flach, da es sich ja um Meereseis handelt. Doch gibt es sogenannte Eispressungen, aus denen Schneehügel entstehen. Sie müssen sich vorstellen: Wenn ein solcher Eishügel 50 Zentimeter über der Oberfläche ist, bedeutet das, dass die Eisdecke darunter fünf Meter dick ist. Man sieht ja nur einen Zehntel des Eises.

zentralplus: War es für Sie die erste Expedition in die Arktis?

Schneebeli: Wir haben zwar bereits mehrmals Schneeuntersuchungen in Finnland gemacht, doch das Meereis habe ich bei dieser Expedition das erste Mal erforscht.

zentralplus: Eigentlich war geplant, dass Sie nach drei Monaten zurückkehren. Die Reise dauerte dann jedoch etwas länger. Wie kam das?

Schneebeli: Anfangs März hätten wir nach Tromsö in Norwegen zurückkehren sollen. Der Eisbrecher, der die nachfolgende Equipe zum Forschungsschiff brachte, brauchte jedoch deutlich mehr Treibstoff als geplant, weshalb er beinahe ein paar hundert Kilometer vor uns umgekehrt wäre. Er erreichte uns etwa zweieinhalb Wochen später als vorgesehen. Bei der dritten Forschungsequipe verzögerte sich die Forschungsdauer deutlich stärker. Statt bis Ende April blieb sie bis Mitte Juni auf dem Schiff.

zentralplus: Das klingt etwas ungemütlich. Man sitzt während mehrerer Monate auf einem Schiff in der arktischen Dunkelheit und kann dann nicht wie geplant heimreisen.

Schneebeli: Nicht zu wissen, wann wir heimkommen, war für niemanden von uns wirklich ein Thema. Wenn man auf eine solche Expedition geht, geht man davon aus, dass nicht alles läuft wie geplant. Viel wichtiger war für uns die Frage, ob die Leute überhaupt kommen und wir die Forschung wie vorgesehen weiterführen können.

«Als es das erste Mal etwas rötlich wurde am Himmel, war das sehr speziell.»

zentralplus: Wie war es denn, in dieser immerwährenden arktischen Dunkelheit zu arbeiten?

Schneebeli: Das war schon speziell. Dass man jeden Tag in die Nacht hinausgeht für die Arbeit. Im Dezember, Januar und Februar war es immer dunkel. Dafür stand der Mond 24 Stunden am Himmel, immer nahe dem Horizont, und warf seinen Schatten. Dann wurde es plötzlich hell. Als es das erste Mal etwas rötlich wurde am Himmel, das erste natürliche Licht, abgesehen vom Mond, das war sehr speziell.

zentralplus: Als Sie im April in die Schweiz zurückkehrten, war diese eine etwas andere als jene, die Sie Monate zuvor verlassen hatten. Das dürfte eine seltsame Ankunft gewesen sein.

Schneebeli: Es war tatsächlich merkwürdig. Wir waren auf Expedition, lebten sehr eng mit allen zusammen und kamen dann quasi direkt ins Homeoffice, sodass wir unseren Kollegen nicht einmal erzählen konnten, was wir alles erlebt hatten. Es war wirklich nicht die schönste Rückkehr.

zentralplus: Eine vielleicht ketzerische Frage: Was nützt der Bevölkerung dieses sehr aufwendige Forschungsprojekt?

Schneebeli: Die aktuellen Klimamodelle für die Arktis sind recht ungenau. Schlichtweg, weil es wenige Daten gibt, insbesondere aus der Wintersaison. Die Prognosen, wie schnell das Meereis schmilzt oder wie schnell sich die Arktis erwärmt, sind, je nach Modell, sehr unterschiedlich. Je mehr Daten man hat, desto besser kann man die Modelle parametrisieren. Für die Gesellschaft ist das sehr relevant.

Nehmen wir das Beispiel Covid-19. Wenn wir ein Modell und eine Massnahme hätten, mit der man die Infektionsrate um 50 Prozent senken könnte, wären alle glücklich. Wenn wir sagen können: Bis 2030 ist die Hälfte der Arktis eisfrei, dann hat man eine solide Diskussionsgrundlage. Diese fehlt im Moment.

Wie verändert sich das arktische Eis? Eine der Fragen, mit der sich die Forscher beschäftigten.

zentralplus: Von der Arktis zurück in die Schweiz. Es scheint, dass der Schnee etwas sehr Emotionales ist. Entweder man liebt oder hasst ihn. Eine Frage, welche insbesondere die Schweizer sehr interessiert: Gibt es diesen Winter genug Schnee zum Skifahren? Das Interesse an den schmelzenden Eiskappen scheint geringer zu sein. Wie nehmen Sie das wahr?

Schneebeli: Es stimmt, das Interesse am Schnee in den Bergen ist sehr gross. Dass einem das wichtiger ist, was man selber erleben kann, ist nachvollziehbar. Meine Vorstellung von der arktischen Meereisdecke ist nun viel konkreter als noch vor einem Jahr. Klar wusste ich in der Theorie, dass das arktische Meer nicht flach, sondern rau und ungleichmässig ist. Das ist sehr schwer zu vermitteln, ohne dass man es selber erlebt hat. Es ist sehr schön, dass ich diese Erfahrung machen konnte.

zentralplus: Langsam wird es auch bei uns im Flachland schön frisch an den Wintertagen. Sie haben im arktischen Winter monatelang draussen gearbeitet. Haben Sie einen Tipp, wie man die Kälte besser ertragen kann?

Schneebeli: (Lacht). Sehr wichtig ist, dass der Kopf immer warm eingepackt ist, denn dort verliert man am meisten Wärme. Dazu kommt gute Unterwäsche, die möglichst nicht aus Baumwolle ist. Merinowolle ist eine Möglichkeit, die geht jedoch relativ schnell kaputt. Bei Wäsche aus Polypropylen ist der Mikroplastik dafür ein Problem. Dieser gelangt durch das Waschen ins Wasser. Deshalb stinkt man lieber etwas länger als die Kleider häufig zu waschen.

«Man hat Mikroplastik bereits im arktischen Eis nachweisen können.»

zentralplus: Dieses Umweltbewusstsein: Ist es durch Ihre jahrzehntelange Forschung über Schnee gewachsen?

Schneebeli: Nun, ich hatte mich ja bereits 1978 für die Renaturierung eingesetzt. Das Thema Mikroplastik ist in den letzten Jahren vermehrt aufgekommen. Man hat Mikroplastik bereits im arktischen Eis nachweisen können, also Tausende Kilometer entfernt. Das zeigt eindrücklich, wie stark der Mensch die ganze Umwelt beeinflusst.

zentralplus: Sie sind heute 62 Jahre alt. Das gesetzliche Pensionsalter kommt näher. Haben Sie bereits Ideen, was Sie danach machen?

Schneebeli: In der Funktion, in der ich bin, kann ich auch nach 65 noch arbeiten. Ich verdiene dann zwar nicht mehr, doch kann ich weiterhin Auswertungen machen und Papers schreiben. Das ist schon mein Plan.

zentralplus: Zu guter Letzt: Schnee ist nicht gleich Schnee. Welches ist denn ihr Lieblingsschnee?

Schneebeli: (Überlegt) Für Skitouren ist der Pulverschnee mein Lieblingsschnee. Von der Forschung her ist jeder interessant. Eine meiner Kolleginnen hat diesen Frühling ein Computertomografiebild von der Expedition gebracht mit Schnee aus Becherkristallen. Auf diesen einzelnen waren kleinere Kristalle. Das ist ein neues Phänomen, das man sehr selten sieht.  

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