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Schluss mit Mais – er steckt Künstler ins Silo
  • Kultur
Mann mit Maschine. Michael Werder hat endlich Platz für die wichtigen Dinge. Und träumt weiterhin von grossem. (Bild: fam )

Ein Hünenberger Regisseur und sein Kultursilo Schluss mit Mais – er steckt Künstler ins Silo

4 min Lesezeit 14.06.2015, 05:00 Uhr

Er hat den Film gemacht, über eine schwerkranke Familie aus Unterägeri. Vier Jahre lang draufgehalten, als es immer schlimmer wurde. Wird er jemals wieder so einen Film drehen können? Michael Werder weiss es nicht. Aber er hat schon neue Pläne.

Eine Mutter steht im Sihltal, auf dem Heimweg von der Hiobsbotschaft. Und entscheidet, ob sie jetzt ihre Familie auslöschen soll. Oder das ganze an die Öffentlichkeit bringen. Sie entscheidet sich für Zweiteres. Und fragt den Hünenberger Regissuer Michael Werder: «Machst du einen Dokumentarfilm darüber?»

«Ich habe damals sofort zugesagt», sagt Werder, er sitzt gerade in seiner Sofa-Ecke im frisch gebauten Kultursilo, auf dem Böschhof in Hünenberg. Das ist jetzt schon fünf Jahre her, und auf dem Regal steht die DVD mit dem DOK-Film über die Familie aus Unterägeri, deren drei Kinder an der seltenen und unheilbaren Krankheit «Niemann Pick C» leiden. Der älteste Sohn ist vor wenigen Wochen gestorben. Werder hat die Familie vier Jahre lang begleitet, hat alle wichtigen Momente gefilmt.

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«Es hat mich am Anfang stark mitgenommen»

«Es war der Familie sehr wichtig, dass die Öffentlichkeit etwas von dieser Krankheit erfährt», sagt Werder. Das hat sie, der SRF Dok ist schon zweimal über die Bildschirme der Schweiz geflimmert, diesen Frühling zum zweiten Mal. Ein Erfolg für Werder, der vor fünf Jahren die Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen hat. Einer, der hart erarbeitet werden musste. «Es hat mich am Anfang stark mitgenommen. Wie distanziert man sich emotional von so einem Schicksal? Wie kann ich da immer mit der Kamera draufhalten? Aber mit der Zeit konnte ich Arbeit und Emotionen trennen.»

Die Familie habe sich sehr gefreut über die vielen Briefe, die sie nach der Dok-Ausstrahlung bekommen hat. «Wir stehen immer noch in regem Kontakt, und filmen auch noch ab und zu. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung.» Ob er jemals wieder so einen Film drehen wird, wie den Dok mit der verzweifelten Familie? «Ich weiss es nicht. So einschneidende Themen, an die gerät man wahrscheinlich nicht sehr oft in einem Filmerleben. Im Moment schwebt mir ein Spielfilm zu dieser Thematik vor.»

Künstler statt Mais

Es ist das erste grosse Werk Werders ausserhalb der Filmschule, aber nicht das einzige: Gleichzeitig mit der Fertigstellung des Dokfilms hat Werder noch ein ganz anderes Stück Arbeit geleistet. Der Hünenberger Filmemacher hat auf dem Hof, welcher er 2012 von seinen Eltern übernommen hat, einen Traum verwirklicht, den Traum vom riesigen Atelier, von Platz ohne Grenzen, vom Kultur-Bauernhof.

Kultursilo heisst das Ding, eine grosse Scheune, darin die beiden Silos. Wo früher Mais und Gras gesammelt wurden, stecken heute Künstler drin. Elso Schiavo hat sich eingemietet, mitsamt seines Atelierbodens, den er seit Urzeiten mitzügelt. Der wirkt selber wie ein Gemälde, ist voller farbiger Tupfen, alles von der Schiavo-Farbpalette getropft. Würde man einen der gemalten Fische oder Vögel auf dem Boden verlieren, man würde ihn niemals wiederfinden.

Der Traum aller Kinder

Seit einem halben Jahr ist das Kultursilo fertig gebaut, und steht auch der Öffentlichkeit zur Verfügung. «Wir haben schon früher Feste veranstaltet, in der alten Scheune», sagt Werder. Statt den Bauernbetrieb weiterzuführen, wollten die Werders ganz auf die Kultur-Karte setzen – sie konnten ein Stück Land verkaufen, und damit den Umbau teilfinanzieren. Nun ist das ganze Gebäude auf Kultur ausgelegt, es gibt das Café Traktor, das gemietet werden kann, mitsamt Küche, eine Schnapsbrennerei und einen Festraum mit Bühne, Backstage und Beleuchtung.

Das Herz des Kultursilos sind aber die beiden knallroten Silotürme. Oben auf den Silos, knapp unter dem Scheunendach, hat Werder sein Atelier eingerichtet, eine Art Adlerhorst, der Traum aller Kinder. Ein Baumhaus in Beton, unter den dicken Holzträgern, die schon immer das Dach der Scheune gehalten haben.

«So einschneidende Themen, an die gerät man wahrscheinlich nicht sehr oft»

Michael Werder, Regisseur und Kultursilo-Betreiber

Wer zu Werder will, muss Treppen steigen. Und keine Angst vor Hunden haben, draussen üben verschiedene Hundeschulen mit den Hundehaltern in Spe, die hier ihre obligatorischen Kurse abhalten müssen. «Kein Problem(hund) zu gross für uns», steht auf einer Werbetafel. Die kleinen Kläffer blicken stoisch auf die Hindernisse. Drinnen werden Filme geschnitten. Und an der Zukunft herumgedacht.

«Wir wollen hier selber kuratieren, Konzerte und Veranstaltungen anbieten», sagt Werder. «Und wir sind nur noch ein kleines Stück davon entfernt. Wir hatten jetzt ein halbes Jahr Zeit, um die Abläufe auszuprobieren.» Das Kultursilo ist eines der wenigen Kulturlokale im Kanton, die keine Subventionen erhalten. «Das macht uns unabhängig», sagt Werder.

Jemals wieder so ein Dok?

Gleichzeitig muss das Geld von woanders fliessen. Das tut es auch: «Von Anfang an waren wir mit Vermietungen für Hochzeiten und Messen gut gebucht, das bringt das Geld, mit dem wir kulturelle Sachen quersubventionieren können.»

Jetzt läuft langsam auch die Kultur richtig an. Im Juni wird das Festival Sommerklänge hier eines ihrer Kammerkonzerte abhalten, in der grossen Werkhalle. «Der Klang sei gut geeignet», sagt Werder und schnippt, der Hall hängt in der Luft, «das ist gut für Klassik.» Sagt er, steht auf und legt die DVD mit dem DOK-Film wieder aufs Regal. Sein nächster Film wird weniger dramatisch. Werder ist Präsident der Hünenberger Eiche Zunft. Und will deren Jubiläum und die Fasnachtskultur filmisch umsetzen. «Dann bauen wir hier Kulissen auf», sagt er und deutet runter in die Halle. Platz gibt es da genug.

Die beiden ehemaligen Silos, mit Adlerhorst-Atelier oben draufgesetzt. Im linken Turm hat Elso Schiavo sein Atelier, gut erkennbar an den schwebenden Vögeln.

Die beiden ehemaligen Silos, mit Adlerhorst-Atelier oben draufgesetzt. Im linken Turm hat Elso Schiavo sein Atelier, gut erkennbar an den schwebenden Vögeln.

(Bild: fam)

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