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Schlemmen im Abbruchhaus
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Bei der «Cucina TYPO Povera» in der Tödistrasse 13 treffen sich am Mittag bis zu zehn Leute zu vier Gängen. (Bild: jav)

Himmelrich-Siedlung – Mehr als Kunst Schlemmen im Abbruchhaus

5 min Lesezeit 1 Kommentar 24.08.2015, 10:10 Uhr

In der Luzerner Kultur-Zwischennutzung im Himmelrich sind derzeit über 70 Projekte im Gange. Doch nicht nur Künstler, auch Köche toben sich hier aus. Ob «OhneGeld» oder mit unputzbaren Menütafeln, bei diesem Essen geht es nicht nur um Nahrungsaufnahme.

Die Himmelrich-Siedlung ist bereits in aller Munde. Vor allem Künstler finden in der Zwischennutzung bis Anfang September Raum für ihre Projekte. Doch nicht nur fürs Auge, auch für den Gaumen gibt es einiges zu entdecken.

Schon jetzt, bevor sich vom 2. bis zum 5. September auch diverse Luzerner Gastronomen im Himmelrich austoben (zentral+ berichtete), kann man hier essen. Zwei Projekten, in der Tödistrasse 9 und 13, wo bereits jetzt gekocht wird, hat zentral+ einen Besuch abgestattet.

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Kein Geld im Spiel

In der Tödistrasse 9 im ersten Stock links hat sich das Projekt «OhneGeld» einquartiert. Isabelle Mauchle und Marcel Kofler haben die Räume selbstverständlich auch ohne Geld eingerichtet. Im grössten Raum haben sie aus den Regalbrettern und Türen des Einbauschranks den Esstisch gebaut, rundherum liegen Kissen. Die Dekoration besteht aus einigen Kerzen, die in leeren Flaschen stecken, ein paar Blumen und Zeichnungen von Gästen, die an den Wänden kleben.

«Wir geben nichts aus und nehmen auch nichts ein.»
Isabelle Mauchle, Mit-Organisatorin «OhneGeld»

Gekocht wird hier immer abends, mit Zutaten, die alle gratis eingesammelt werden. «Wir haben zum Beispiel Zweitklassegemüse von lokalen Bauern. Dazu kommt ein Teil der Foodsave-Sammlung, Gemüse und Kräuter aus Gärten von Freunden, und auch die Gäste bringen oft noch etwas mit», erklärt Mauchle. Und je nachdem, was zusammenkommt, wird gekocht. 

Improvisation pur

«Man kommt um 17 Uhr in die leere Wohnung, weiss nicht, was man kochen wird, woraus und für wen – das ist toll», sagt Mauchle. Diese Improvisation mache grossen Spass.

Und weder die Köche noch die Bekochten bezahlen etwas. «Wir geben nichts aus und nehmen auch nichts ein», so Mauchle. Es gehe ihnen um die Freude, aus nichts etwas zu machen. «Es funktioniert: Man braucht nicht viel, um aber vielen Leuten eine Freude zu machen. Zudem wollen wir die Leute dazu bringen, sich über ihre Fähigkeiten Gedanken zu machen: Was kann ich ohne Geld beitragen?»

Anstatt etwas zu bezahlen, bringen die Gäste etwas mit, oder sie tragen etwas vor, singen, zeichnen – Ideen sind gefragt. «Eine Flasche Wein ist natürlich immer sehr willkommen, aber toll ist auch, wenn sich die Leute etwas überlegen.»

Offen und bunt

«Wir haben jetzt schon Kulturwoche», sagt Mauchle, die als Grafikerin arbeitet. Auf die öffentlichen Tage, während welchen die ganze Siedlung offenstehen wird, wollten Kofler und Mauchle nicht warten. «Wenn man eine Wohnung gratis benützen darf, dann macht es einfach Sinn, diese auch zu öffnen – für mehr Leute», findet Mauchle.

An diesem Abend sind rund 20 Leute da. Das Essen besteht aus viel Gemüse und Salat, variantenreich gekocht mit viel Gewürzen, selbstgemachten Chips, Linsen und Knoblauchbrot. Die Gäste sind bunt zusammengewürfelt. Die meisten sitzen auf dem Boden, es wird diskutiert, gelacht, neue Kontakte werden geknüpft. Und zwischendurch erklingt ein irisches Lied, oder eine Lichtshow wird vorgetragen. «So soll es sein», findet Mauchle.

Immer um 19 Uhr, von Dienstag bis Samstag, wird gekocht. Wer kocht, ist offen. Es gibt eine Helferliste und immer zwei Leute stehen pro Abend am Herd.

Aus Spass an Menütafeln

Zwei Türen weiter ist der Gasherd ebenfalls schon in Betrieb. Lluvia Mosquera kocht in der Tödistrasse 13. Die 35-jährige Luzernerin, die als Campagnerin bei der SP arbeitet und auch als DJane unterwegs ist, hat ihr Projekt auch schon frühzeitig gestartet. Dank der flexiblen Arbeitszeiten kann sie sich zwei Mittage die Woche und einen Abend Zeit für ihre «Cucina TYPO Povera» nehmen.

«Die Idee entstand, nachdem ich in einer Beiz gearbeitet habe», so Mosquera. Sie und ihre Mitarbeiterin hatten sich einen Spass daraus gemacht, die Menütafeln mit viel Musse zu gestalten. «Aber wenn man bedenkt: Jedesmal, wenn der letzte Gast den Teller ausgegessen hat, wird die Tafel ausgewischt.» Das finde sie schade, «denn wenn man sich ein bisschen achtet: Die Tafeln sind oft wirklich herrlich gestaltet. Künstlerisch vor allem, manchmal sind sie auch einfach orthografisch spannend», amüsiert sich Mosquera.

«Es geht darum, das Essen zu zelebrieren.»
Lluvia Mosquera, Organisatorin der «Cucina TYPO Povera»

Deshalb werden nun bei ihrem Projekt in der Tödistrasse alle Menüs schön gestaltet an die Wand im Treppenhaus geschrieben. «Ausputzen geht nicht.» Also eigentlich kocht Mosquera, weil sie die Tafeln machen wollte? «Ja auch», lacht sie, «Aber ich koche auch wirklich sehr gerne und man sagt auch gut.»

Erinnern und Zelebrieren

Sie wolle mehr Bewusstsein für das Essen schaffen. Oft bestehe der Zweck des Essens gerade am Mittag nur in der Energieaufnahme. «Ich finde es echt traurig, wenn Leute mittags alleine an einem Tisch sitzen, Zeitung lesen, am Handy kleben – dann wird das Essen noch viel mehr zur Nebensache.» Zudem vergesse man es dann auch sehr schnell. «Kaum jemand weiss noch, was er am letzten Dienstag zu Mittag hatte.»

Ihr sei es wichtig, den Leuten dies ins Bewusstsein zu rufen. «Es geht darum das Essen zu zelebrieren. Aber auch den Austausch zu pflegen: Man bringt fremde Leute zusammen an einen Tisch. Das Publikum sei sehr gemischt. «Es sind Leute aus der Zwischennutzung, aus dem Freundeskreis, aus dem Quartier oder einfach aus der Stadt.»

Vier Gänge für zehn Leute

An diesem Mittag treffen sich hier unter anderen zwei Mamis mit ihren Kleinen, Mitarbeiter der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern, Politiker und Künstler. Alle sitzen gemeinsam am grossen Tisch, Mosquera schmeisst den Laden derweil selbst: Kochen, Anrichten, Servieren. Es gibt ein Menü mit Sommersalat, selbstgemachten Spinat-Ricotta-Gnocchi, Auberginen-Piccata oder Hacktätschli mit Pasta und Dessert.

«Ich veröffentliche das Menü und dann kann man bei mir telefonisch reservieren», erklärt Mosquera den Ablauf. Ein leichter Vier-Gänger ist ab 20 Franken zu haben. Pro Essen sind aber maximal zehn Esser mit dabei. «Mehr lässt die Küche auch gar nicht zu», so die Köchin, die alles selbst macht.

Die Einrichtung des Esszimmers ist zwar spärlich, aber schick. «Alles, ausser dem Plattenspieler habe ich aus den Containern der ehemaligen Bewohner», so Mosquera. Das Geschirr hingegen stammt von der Künstlerin Nina Steinemann, die sich ebenfalls in einem Zimmer der Wohung eingerichtet hat. Gemeinsam mit untitled1, einem Pop-Up Shop Projekt mit Textilien und Kunsthandwerk aus fremden Ländern, teilen sie sich eine Wohnung zu dritt.

In der Slideshow ein paar Eindrücke aus den beiden Wohnungen:

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1 Kommentare
  1. Luca De Risio, 24.08.2015, 21:57 Uhr

    Die schönen Bilder an der Wand…hast du auch aus dem Container 😉 ? bacio.L.