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«Schlechten Service? Können wir uns nicht leisten»
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Jrène und René Gut führen zusammen das kleine, aber feine Schreibwaren- und Büromaschinengeschäft GutBürotechnik im Luzerner Hubelmattquartier. (Bild: zar)

Zu Besuch beim Luzerner Bürotechnik-Gut «Schlechten Service? Können wir uns nicht leisten»

5 min Lesezeit 24.01.2020, 16:45 Uhr

Das Geschäft mit Papier, Stiften und Grusskarten ist hart umkämpft. Das merken nicht zuletzt Luzerns Papeterien, deren Zahl stetig abnimmt. Wir haben uns mit René Gut unterhalten, über Schwierigkeiten und Überlebensstrategien – aber auch über die Chancen der Zukunft.

«Die momentane Situation ist nicht schwierig. Sie ist sehr schwierig.» René Gut, ein adrett gekleideter Mittfünfziger mit aufgewecktem Blick, ist kein Realitätsverweigerer. Er, der zusammen mit seiner Frau Jrène das Papeterie- und Bürofachgeschäft GutBüroTechnik im Luzerner Hubelmattquartier führt, weiss: Seine Branche hat schon bessere Zeiten gesehen.

Nur wenige Minuten sind seit dem Begrüssungshändedruck vergangen, da ist Gut schon längst bei den ganz grossen Themen angelangt. Umringt von Glückwunschkarten, Blischis und bunten Ordnern, die sich bis unter die Decke stapeln, schildert Gut, was so vielen anderen «kleinen Fischen» ebenfalls widerfahren ist, ganz unabhängig von der Branche.

Zunehmende Vernetzung mit Tücken

Eine prominente Rolle kommt bei seinen Ausführungen dem Internet zu, das unsere Gesellschaft grundlegend umgepflügt und verändert hat. Aber nicht nur zum Guten, findet Gut. Das virtuelle Netzwerk hat nicht nur Menschen näher zusammengebracht und die Welt schrumpfen lassen, es hat Gut und vielen andere Fachkräften auch potente Konkurrenz direkt vor die Nase gesetzt.

«Mit diesem Geschäft wird man ganz sicher nicht reich.»

René Gut, Geschäftsführer GutBüroTechnik

Galt es früher, die Papeterie aus dem Nachbardorf, das Druckgeschäft um die Ecke in Schach zu halten, so braucht es heute nur wenige Sekunden, um sich Angebote aus der halben Welt auf den Bildschirm zu klicken. Angebote, gegen die Gut und seine Leidensgenossen häufig den Kürzeren ziehen – «zumal für viele inzwischen der Preis der einzige und ausschlaggebende Kauffaktor geworden ist».

Seit über zwanzig Jahren im Geschäft

Genau da aber kann Gut nicht mitziehen, allein schon wegen seiner Grösse. «Wir können es uns schlicht und einfach nicht leisten, billig zu sein», erklärt er. Aber auch mit höheren Preisen werde man «ganz sicher nicht reich». Immerhin aber können Guts von ihrem Geschäft leben – und das seit über zwanzig Jahren. Überdies ist das ursprünglich ausschliesslich auf Bürogerätschaften spezialisierte Geschäft vor knapp 15 Jahren noch um eine Papeterieabteilung angewachsen. Zu einer Zeit, als selbst Freunde diesen Schritt mit einem ungläubigen Kopfschütteln quittierten. Wie nur ist dieser Erfolg zu erklären?

Nur wer sich anpasst, überlebt: Seit Neuestem hat GutBüroTechnik auch Ballone im Angebot. (Bild: zar)

Verantwortlich sind mehrere Faktoren. Etwa der gemäss Gut «überaus günstige Standort am Zihlmattweg 1». Wie bitte? GutBüroTechnik befindet sich nicht etwa im Stadtzentrum an einer stark frequentierten Fussgängerpassage, sondern vielmehr in einem hügeligen und peripheren Stadtquartier, just hinter der Allmend! «Dafür aber haben wir, Coop sei Dank, Gratisparkplätze direkt vor dem Geschäft.» Ein Trumpf sondergleichen.

Zusätzliche Kundschaft – dank der Konkurrenz

Was ebenfalls zum Gelingen beiträgt: Gut ruht sich nicht auf dem Erreichten aus, sondern sucht beständig nach neuen Einnahmequellen. Dabei beobachtet er aufmerksam, was um ihn vorgeht. E-Mails und Whatsapp-Nachrichten zu schreiben, ist ebenso einfach wie unpersönlich? Zack, und schon steht ein zusätzlicher Ständer mit Gruss- und Glückwunschkarten in seiner schmucken Papeterie. Auch in der digitalen Gegenwart verzücken luft- und gasgefüllte Plastikhüllen? Kurzerhand werden Ballone in allen Farben und Formen ins Sortiment aufgenommen.

«Der Kuchen ist zwar nicht grösser geworden, es greifen aber weniger zu.»

René Gut, Geschäftsführer GutBüroTechnik

Zum anderen profitiert Gut vom Verschwinden von so manch anderem Fachgeschäft in seiner Sparte. Auch wenn der Kuchen in den vergangenen Jahren nicht grösser geworden sei, würden nun deutlich weniger zugreifen, erklärt Gut. «Für die einzelnen Geschäfte werden die Stücke also tendenziell grösser.

Zudem hat die jüngste Flurbereinigung viele Verbliebene zusammenrücken lassen – man sitzt als Schicksalsgemeinschaft im selben sturmgeplagten Boot. Das geht so weit, dass die vermeintliche Konkurrenz gar die eigene Kundschaft in Guts Laden pilgern lässt. Zumindest am Samstagmorgen, wenn Gut jeweils etwas anbietet, das man in der gesamten Stadt Luzern ansonsten vergebens sucht: das Drucken und Binden von Arbeiten.

Ein Laden im und fürs Quartier

Gut erzählt bereitwillig und ausführend. Ohne erst Fragen abzuwarten, schildert er nicht nur Sonnen- und Schattenseiten seines Geschäftens, sondern streut auch hier mal eine Anekdote ein («davon schreiben Sie aber bitte nichts»), enthüllt mal da ein pikantes Detail («aber das bleibt unter uns»). Dann und wann zieht hereinplatzende Kundschaft seine Aufmerksamkeit auf sich, unterbricht Guts Redefluss für einen kurzen Moment. Dabei bleibt es selten bei den schon zu oft gehörten Floskeln, bei der antrainierten Verkäuferfreundlichkeit. Es werden herzlich Hände gedrückt, man spricht sich mit Vornamen an, kennt und schätzt sich offenkundig.

Gut integriert im Quartier: Das Bürogeschäft profitiert von der Nähe zum Grossverteiler – und dessen Gratisparkplätzen. (Bild: zar)

Das Persönliche, der Kundenkontakt – das ist es, was (noch) kein Internet der Welt ersetzten kann. Und das ist es auch, was Guts Geschäft vor allem am Leben hält. Und noch halten wird – gepaart mit seinem grossen Fachwissen, angeeignet über viele Jahre. Ein absolutes Muss. Denn: «Schlechten Service können wir uns schlicht nicht leisten.»

Gut ist kein bornierter Fortschrittsverweigerer. Informiert sich nicht nur laufend über die neuste Bürotechnik, sondern hat sich inzwischen auch mit dem Internet anfreunden können. Seit kurzem nämlich kann man auch an einem Donnerstag bei Gut einkaufen, dann wenn der Laden eigentlich geschlossen hat. Oder an einem Sonntagmorgen im Bett und Pyjama. Wie? Natürlich in Guts eigenem Webshop.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie, in der wir Luzerner Traditionsgeschäfte und deren Erfolgsstrategie vorstellen.

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