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Schlaflos durch die Nacht, von Luzern gen Bologna zu
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Gähnende Leere: Der grosse Ansturm auf den neuen Flixbus bleibt aus. (Bild: pze)

Wie fährt es sich im Flixbus ab Luzern? Unser Test Schlaflos durch die Nacht, von Luzern gen Bologna zu

8 min Lesezeit 27.07.2017, 10:26 Uhr

Seit diesem Jahr bedient der deutsche Flixbus von Luzern aus zwei Strecken. Wie kommt das Angebot bei den Passagieren an und wie fährt es sich zum Tiefpreis in den Süden? Das Fazit nach zwei schlaflosen Nächten in einem streng riechenden Fernbus: Das Angebot hat trotz allem durchaus positive Seiten.

Es ist zwei Uhr morgens auf einer Autobahn in Italien – geweckt von einem schnarchenden Passagier zwei Reihen weiter vorne, folgt der Griff zum iPhone. Spotify soll Linderung vom Lärm des Schnarchens und den erlösenden Schlaf bringen. Gott sei Dank gibt es Wlan im Bus. Das Laderädchen der App dreht und dreht – aus den Kopfhörern klingt kein Ton. Es ist hoffnungslos. Das Schnarchen geht unerbittlich weiter. Noch drei Stunden geht die Fahrt im Flixbus.

Seit Kurzem fährt der grüne Reisecar vom Luzerner Inseli aus: Das deutsche Reiseunternehmen verspricht, Reisende günstig und einfach nach Norden (Endstation Hamburg) und nach Süden (Endstation Rom) zu transportieren. Ab diesem Freitag fährt Flixbus zudem neu ab Luzern nach Strassburg und ab Samstag nach Verona, Padua und Venedig (zentralplus berichtete).

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«Unsere Fahrgäste nehmen den Halt in Luzern sehr gut an», lässt Pressesprecherin Susanne Hintermayr verlauten. Besonders die Reisen nach Mailand und Freiburg im Breisgau seien sehr beliebt – die kürzesten Reisewege also. Zahlen aber liefert sie keine. Schreckt die Reisezeit von über elf Stunden nach Rom ab? Oder ist der Bus zu unbequem? Höchste Zeit, das Angebot zu prüfen.

Keine reservierten Sitzplätze

Für den Test wählen wir die Reise von Luzern nach Bologna, der Stadt der ältesten Universität Europas. Das Ticket kostet 28.90 Euro pro Weg, Abfahrt ist um 23.10 Uhr und die Fahrt dauert laut Fahrplan genau sechs Stunden. Die Idee ist also: einsteigen, einschlafen, aufwachen und Ferien geniessen.

Die Online-Reservation mit Kreditkarte klappt sehr gut und kurz nach Bezahlung erhält man per E-Mail sein Ticket. Ausserdem kann man dank der App das Billett auf sein Handy laden. Was auffällt: Reservierte Plätze gibt es im Bus nicht. Noch nicht, deutet Hintermayr an – Flixbus denke über eine Vorabbuchung beliebter Sitzplätze nach.

Wenig Platz und langsames Wlan

Eine Viertelstunde vor Abfahrt bevölkern schon einige Fahrgäste den Parkplatz beim Inseli. Es nutzen also inzwischen bereits mehr Personen den Flixbus von Luzern als noch bei seiner Jungfernfahrt (zentralplus berichtete). Der Bus trifft mit Verspätung ein, Abfahrtsort war Basel. Per SMS wird den Kunden mitgeteilt: Keine Panik, die Reise verzögert sich nur um fünf Minuten. Eine italienische Familie, ein amerikanisches Backpacker-Pärchen und eine Gruppe asiatischer Touristen warten gemeinsam, gesprochen wird wenig, bis der Bus eintrifft.

Aus fünf werden dreissig Minuten Verspätung. Hektisch wird das Gepäck eingeladen, nur um danach wieder zu warten: Mit akribischer Genauigkeit prüft der Fahrer sowohl Ticket wie Identitätskarte. Langsam tröpfeln die Zusteigenden in den Reisecar.

Gerade weil der Autor grossgewachsen ist, ist die Beinfreiheit für ihn im Flixbus kaum gegeben.

Gerade weil der Autor grossgewachsen ist, ist die Beinfreiheit für ihn im Flixbus kaum gegeben.

(Bild: pze)

Der Bus ist etwa halb voll. Trotz der tiefen Abendtemperaturen und der knappen Belegung des Busses ist die Luft im Fahrzeug abgestanden – einmal gut durchlüften wäre sicher keine schlechte Idee. Die Beinfreiheit ist geringer als in Fernverkehrszügen, mit einem Nachtzug ist der Komfort sowieso nicht zu vergleichen. Kippt man Rückenlehne nach hinten, verbessert sich diese Situation ein wenig. Im vorderen Bereich schnarcht jemand, hinten im Bus wird telefoniert. Die Hoffnung auf eine entspannte Nacht schwindet. Doch immerhin gibt’s Internet!

Das Einloggen ins Wlan ist unkompliziert, aber das Netz ist von dürftiger Qualität: Weder Musik-Streaming noch Youtube funktionieren. Es reicht für das Update des Facebookstatus, das Absetzen eines Tweets oder das Laden eines Zeitungsartikels. Wer aber glaubt, die Reise mit dem Streamen von Filmen oder Serien verkürzen zu können, wird enttäuscht. Darauf angesprochen, sagt Flixbus-Sprecherin Hintermayr: «Wir möchten, dass all unsere Passagiere gleich schnell an Bord im Internet surfen können. Aus diesem Grund wird das Volumen unter allen Passagieren fair aufgeteilt.» Man arbeite aber an einer Optimierung.

Wegen der fehlenden Sitzplatzzuweisung fragt man sich: Wie wissen die Betreiber, wo wer sitzt? Schliesslich ist die Ankunft in Bologna in aller Herrgottsfrühe. Da müsste man ja geweckt werden. Zur Sicherheit stellen die meisten im Bus einen eigenen Alarm auf dem Handy ein. 

Ankunft in einer leeren Stadt

Diese Vorsichtsmassnahme stellt sich aber als sinnlos heraus. Denn: Der Schlaf im Flixbus ist nicht besonders tief, ständig wird man geweckt. Es beginnt mit dem Stau vor dem Gotthard: Das ruckhafte Wechselspiel aus Anfahren und Bremsen lässt die Insassen kaum für längere Zeit die Augen schliessen. Die Reisegesellschaft holpert in Richtung Süden, erst ab dem Tessin wird die Fahrt ruhig und gleichmässig.

Dann der erste Halt: Um halb drei Uhr erreicht der Bus Mailand. Nun wird auch klar, wie die Verantwortlichen an Bord die Passagiere zu wecken gedenken, die ihr Reiseziel mitten in der Nacht erreicht haben: Die hellen Deckenleuchten gehen an, aus dem Lautsprecher plärrt es «Milano» durch die Kabine, die meisten Passagiere winden sich unter dem grellen Kabinenlicht. Das ausgeklügelte Flixbus-Weckprinzip ist einfach: Wenn man pauschal jeden unsanft aus dem Schlaf reisst, weckt man sicher auch die Richtigen.

«Mit wohl Abstand das schlechteste Reisemittel! Geht lieber zu Fuss!»

Facebook-User

Kaum ist man wieder eingedöst, folgt der nächste Stopp. Der Chauffeur lässt stimmgewaltig verkünden: «Letzter Halt vor Bologna.» Es werde getankt und man könne sich im Shop verpflegen oder die Beine vertreten. Dass halb fünf morgens ist, ist ihm dabei komplett egal. Auch eine Deadline für die Rückkehr zum Bus gibt er durch. Und tatsächlich, mehrere Personen verlassen den Bus. Dadurch entsteht zusätzlicher Trubel. An Schlaf ist nicht zu denken.

Gegen halb sechs erreichen wir Bologna. Der Bus ist erfreulich pünktlich und die Bushaltestelle ist sehr zentral direkt neben dem Hauptbahnhof gelegen. Dennoch, die aussteigenden Gestalten sehen etwas bemitleidenswert aus. Einer flucht leise vor sich hin, er habe keine Minute geschlafen. «Das nächste Mal nehme ich wieder den Zug», sagt ein anderer Reisender etwas genervt und streckt seinen Rücken durch.

Dass der Bus sein Ziel pünktlich erreicht, bedeutet für die aussteigenden Gäste, dass sie sich in aller Herrgottsfrühe in einer leeren Stadt wiederfinden. Dies liegt auch am Reiseziel: In Städten Rom oder Hamburg wäre auch um diese Uhrzeit mehr los. In Bologna findet man noch nicht einmal ein offenes Café, die Strassen sind ausgestorben. Dazu kommt, dass man im Hotel erst am Nachmittag einchecken kann. Das heisst: Zeit totschlagen, trotz der nachhallenden Müdigkeit einer äusserst unruhigen Nacht.

Kundenreaktionen fallen unterschiedlich aus

Kundenumfragen hätten ergeben, dass der Grossteil aller Rückmeldungen positiv sei, steht auf der Webseite. Mediensprecherin Susanne Hintermayr erklärt: «Bei der Umfrage gaben 97 Prozent der Fahrgäste an, dass sie mit ihrer Flixbus-Fahrt ‹zufrieden› bis ‹sehr zufrieden› seien und Flixbus an ihre Freunde und Bekannten weiterempfehlen würden.»

Diese Kundin war glücklich über ihre Reise mit Flixbus:

Auf der Flixbus-Facebook-Community findet man hingegen vorwiegend kritische Reaktionen. Vor allem der Kundendienst kommt nicht gut weg: Ein User klagt, die kostenpflichtige Service-Hotline sei unbrauchbar Ein anderer User wird noch deutlicher und schreibt: «Mit wohl Abstand das schlechteste Reisemittel! Geht lieber zu Fuss!» Zum Kundensupport sagt er: «Die Antworten auf die E-Mails sind so gut wie der Google-Übersetzer ins Chinesische.»

Rückreise mitten in der Nacht

Nach einer Nacht im Hotel sind die Batterien wieder aufgeladen, der Schlaf nachgeholt. Doch unser Test ist unerbittlich, am Abend geht’s bereits zurück in die Schweiz. Bei der Buchung ist man noch skeptisch: Werden die Fahrgäste an einem dunklen Busbahnhof bis morgens um 01.45 Uhr warten müssen? Keine besonders angenehme Vorstellung. Doch in einer Studentenstadt wie Bologna lässt sich dank der warmen Temperaturen, eines ausgedehnten Nachtessens und eines anschliessenden Besuchs einer Bar ohne Probleme bis spätabends verweilen. Ausserdem ist der Busbahnhof gut beleuchtet und durch die wartenden Passagiere belebt. Also alles halb so schlimm.

Am Busbahnhof steht ein junger Mann aus der Schweiz. Er ist ebenfalls zum ersten Mal mit dem Flixbus unterwegs: Er war mit der Familie seiner Freundin für eine Woche in Italien. Er lacht: «Mal schauen, wie das wird!» Zu optimistisch sei er ja nicht, «aber es ist halt günstig».

Der Bus kommt pünktlich. Die Fahrt ist ebenso unruhig, der Stopp in Mailand und der Stopp an der Raststätte vor dem Gotthard verlaufen nach gleichem Schema wie auf der Hinfahrt. Der Gedanke an eine Dusche und das eigene, warme Bett, das einen den verpassten Schlaf nachholen lässt, ist aber tröstlich und macht die Reise um einiges angenehmer.

Das Fazit ist durchzogen

Fazit der Reise: Der Flixbus von Luzern in den Süden ist unbequem und die Idee der Nachtreise ist in der Theorie gut, in der Praxis aber anstrengend. Für die sehr weiten Reisen nach Rom oder Hamburg bleibt die Nachtfahrt aber die bessere Alternative als 14 Stunden am Tag zu reisen. Auch im Halbschlaf vergeht die Zeit schlicht schneller, als wenn man einen ganzen Tag wach in einem engen Sitz verbringen muss.

Online-Reservation und das Ticketing per App funktionieren schnell und unkompliziert. Unkompliziert, aber langsam ist das Wlan– das hat noch arges Verbesserungspotenzial. Dafür gibt es eine Steckdose, damit zumindest die Batterie des Handys oder des iPods mit den Hörspielen darauf nicht vorzeitig den Geist aufgibt. Auch sehr gut ist der Preis, der Zug kostet ohne Ermässigungen rund das Vierfache und dauert dabei nur rund eine Stunde weniger lang. Und vom ökologischen Aspekt her sind Carreisen akzeptabel – gerade wenn man mit der beliebten Reisemethode der Billigflüge vergleicht.

Persönlich würde ich den Flixbus für kurze Reisen empfehlen, beispielsweise nach Freiburg im Breisgau. Rund drei Stunden im Bus und mit akzeptabler Ankunftszeit (20.15 Uhr) für sehr wenig Geld, das ist ein sehr gutes Angebot. Hingegen nach Mailand (Ankunft: 02.30 Uhr) ist der Zug am Tag angenehmer – auch weil man für die angebrochene Nacht noch ein Hotelzimmer und einen unkomplizierten Transport dorthin benötigt. Nach Bologna werde ich das nächste Mal auf jeden Fall den Zug nehmen.

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