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Schicksalshafter Fund im Ferienparadies
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Der Rucksack am Strand von Kos – der Auslöser für Jonas Anderhubs Suche nach Abdulrahman Alyasin. (Bild: Jonas Anderhub/ zvg)

Luzerner Kabarettist erlebt besondere Geschichte Schicksalshafter Fund im Ferienparadies

4 min Lesezeit 17.02.2016, 12:05 Uhr

Der Luzerner Jonas Anderhub wollte nur Ferien machen. Doch dann spülte es ihm am Strand das Gepäck einer syrischen Familie vor die Füsse. Der Komiker, den man von «Ohne Rolf» kennt, entschied sich, diese zu suchen. Eine aufregende Geschichte begann, die nun nochmals eine Wendung nimmt.

Der Luzerner Jonas Anderhub, bekannt durch das Komiker-Duo «Ohne Rolf», wollte eigentlich nur Ferien machen. Doch das griechische Meer hatte etwas anderes mit ihm vor. An seinem letzten Ferienabend auf der Insel Kos ging er nochmals an den Strand. Dort fand er einen einsamen Rucksack, angespült durch das Meer. Der Rucksack eines syrischen Flüchtlings. Und Anderhub liess ihn nicht liegen.

Er machte sich auf die Suche nach dem Besitzer des Gepäckstücks und des Passes, welcher darin lag. Der Pass gehört dem Syrer Abdulrahman Alyasin, geboren 1983. Auch die Dokumente seiner zwei Kinder sind dabei. Sie heissen Muhammad Uday und Mary.

Eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Anderhub liessen die Gedanken an die Familie Alyasin nicht mehr los: Sind diese Menschen beim Versuch, das Meer zu überqueren, ertrunken? Oder ging nur der Rucksack verloren und die Familie ist nun ohne Papiere unterwegs?

Jonas Anderhub versucht die Famlie ausfindig zu machen, geht nach seiner Rückkehr nach Luzern zur Polizei. Diese kann ihm nicht weiterhelfen, so geht die Suche auf eigene Faust weiter – führt jedoch ins Gewirr und in die träge Bürokratie der Behörden. Er beschliesst, mithilfe eines Journalisten weiterzusuchen. Malte Henk von der «Zeit» nimmt sich der Geschichte an. Und der Artikel über Anderhubs Suche ist nun auch online erschienen.

Über Kos nach Syrien

Malte Henk macht sich darin auf die Suche nach Abdulrahman Alyasin und dessen Famlie. Auf Kos, in Deutschland, auf den Ämtern, beim Roten Kreuz und der Flüchtlingshilfe – selbst in Syrien suchte Henk nach dem verschollenen Besitzer des Rucksacks. Doch Alyasin ist so etwas wie ein syrisches «Müller», wird Henk bald klar. Es gibt unglaublich viele Alyasins. Auf der Reise erlebt er immer wieder Rückschläge, bis er schliesslich in der syrischen Stadt Hama fündig wird.

Denn Abdulrahman Alyasin ist hier kein Unbekannter – er stammt aus einer berühmten Konditorenfamilie. Mithilfe der Menschen vor Ort findet er Alyasin auf Facebook und damit auch den aktuellsten brauchbaren Eintrag vom August 2015: «In die Niederlande gezogen».

Eine dramatische Flucht

Über Facebook kommt es zum ersten Kontakt, und schon bald fliegen Malte Henk und Jonas Anderhub nach Holland, um Abdulrahman Alyasin in der Asylunterkunft zu besuchen. Henk beschreibt ein emotionales, aber auch schüchternes erstes Treffen. Und er erzählt im Artikel auch Abdulrahman Alyasin Weg – von seinem Leben als Geschäftsführer eines Feinkostladens in Hama bis in die Asylunterkunft in Holland. Seine Entscheidung, Syrien zu verlassen, war für ihn nach einem Aufenthalt im Gefängnis, Misshandlungen und Folter der einzige Ausweg.

Alyasins Frau und die Kinder flohen derweil in den Libanon. Dort blieben sie – fürs erste in Sicherheit. Der Familienvater wollte seiner Frau und den Kindern die gefährliche Reise übers Mittelmeer nicht antun. Und wenn er seine Erlebnisse schildert, war das in dem Moment eine gute Entscheidung. Denn das Holzboot, auf welchem er sass, ging unter. Panik brach aus, als das Wasser hineinströmte – die Lichter der Insel Kos in weiter Ferne. Alyasin schaffte es mit wenigen anderen guten Schwimmern an Land. Auf das Boot stieg Alyasin einen Monat bevor Jonas Anderhub nach Griechenland flog.

Der Kontakt bleibt

Er wolle weiter in Kontakt bleiben, sagte Anderhub am Ende des Besuches bei Alyasin in Holland. Und er hat sein Wort gehalten. Die beiden Männer schreiben einander regelmässig, und trotz sprachlicher Schwierigkeiten werde das auch so bleiben, sagt Anderhub auf Nachfrage von zentral+. Es sei nicht einfach, da die beiden mithilfe des Google-Translators zwischen Arabisch und Deutsch mit vielen Fehlern und Missverständnissen kämpfen.

Zudem sei Alyasin ein sehr bescheidener und schüchterner Mensch – was vielleicht mit seinen schlimmen Erlebnissen im syrischen Gefängnis und auf der Flucht zusammenhängt, vermutet Anderhub. «Er braucht jetzt Zeit», sagt er überzeugt, «um wieder Vertrauen zu fassen und vieles zu verarbeiten». Alyasin lerne nun jedoch Holländisch, sagt Anderhub – obwohl Alyasin, sobald es möglich wird, wieder in seine Heimat zurückkehren möchte.

Ein kleines Happy-End

In der Zwischenzeit wird Anderhub weiterhin versuchen, ihm so viel wie möglich zur Seite zu stehen. Mit Medikamenten zum Beispiel, welche er Alyasin besorgen konnte. «Oftmals kann ich aber wegen der Distanz und der schwierigen Kommunikation nur begrenzt helfen.» Ein Punkt, der ihn privat sehr beschäftige, so der Luzerner Kabarettist. Doch die Erlebnisse mit Abdulrahman Alyasin hätten ihn noch mehr für die derzeitige Situation sensibilisiert. «Man kann so viel mehr machen um zu helfen, auch hier», betont Anderhub.

Und er hat auch richtig gute Neuigkeiten: In den nächsten Wochen wird Alyasin voraussichtlich seine Familie in Holland in die Arme schliessen können. Seiner Frau und den beiden Kindern wurde die Nachreise bewilligt. Ein kleines Happy-End für die Geschichte, die für den Luzerner mit einem angeschwemmten Gepäckstück am Strand von Kos begann.

 

In der Schweiz kennt man Jonas Anderhub vor allem durch das Komikerduo «Ohne Rolf», welches er gemeinsam mit Christof Wolfisberg seit 1999 bildet. Ein Duo, welches das Spiel mit der Sprache tadellos beherrscht, wie sie im Interview mit zentralplus zeigten.

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