Scheuklappen liegen ihm fern – auch beim Parteibuch
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Silvio Bonzanigo sieht die Stadtfinanzen in Schräglage und möchte gerne für Balance sorgen. (Bild: jal)

Stadtratskandidat Silvio Bonzanigo im Porträt Scheuklappen liegen ihm fern – auch beim Parteibuch

7 min Lesezeit 3 Kommentare 11.03.2020, 05:01 Uhr

Lange bei der CVP, will Silvio Bonzanigo nun für die SVP in den Luzerner Stadtrat. Der 67-Jährige predigt Konkordanz, verlangt mehr Wirtschaftsförderung und Engagement in Littau. Seine Kandidatur war aber selbst parteiintern umstritten. Was er zur Kritik sagt und wieso er gern in alternativen Kulturhäusern unterwegs ist.

«Taff statt schlaff», lautet der Slogan von Silvio Bonzanigo. Dass der 67-Jährige die nötige Fitness mitbringe, zeigt er auf seiner Website: Ein Foto zeigt ihn beim Badmintonspiel, ein Video beim Balancieren – und ein Test schätzt sein physisches Lebensalter auf 52 Jahre.

Silvio Bonzanigo hat keine Berührungsängste, wenn es um Unkonventionelles geht. Das zeigt auch der Coup, den er mit seiner Kandidatur landete. Noch nicht mal ein Jahr Mitglied der SVP, hat er sich aufs Ticket für die Stadtratswahlen gehievt. Selbst einige SVP-Mitglieder waren überrumpelt, als die Parteileitung letzten Herbst den ehemaligen CVP-Parlamentarier aus dem Hut zauberte.

Als Inhaber einer Agentur für Kommunikation und politisches Marketing kennt er die Mechanismen und war auch nicht überrascht über die teils negativen Reaktionen. Dass ihm der Parteiwechsel schaden könnte, will er mit einem Vergleich zur Wirtschaftswelt abfedern: «Oswald Grübel war auch bei einer Grossbank und später bei der Konkurrenz. In der Politik gibt es auch keine bedingungslose Treue.» 

Er will die Wirtschaft fördern

Der Philologe und Kommunikationswissenschafter wendet sich im Gespräch lieber inhaltlichen Punkten zu. Fragt man ihn nach seiner Motivation, nimmt Silvio Bonzanigo die mitgebrachte Wasserwaage in die Hand. Hält sie zuerst schräg, dann waagrecht: Sie soll zum einen die Schieflage symbolisieren, in der sich die Stadt Luzern seiner Ansicht nach befindet. Zum anderen den Ausgleich, den er im Stadtrat bewirken möchte.

Denn für Bonzanigo ist klar, dass die SVP in die fünfköpfige Exekutive gehört. «Es ist wichtig, dass die wesentlichen Kräfte in einer Regierung eingebunden sind.» Aus eben diesem Grund empfahl er letzten Frühling – entgegen der SVP-Parole – die grüne Korintha Bärtsch zur Wahl in den Regierungsrat.

«Für einige Stadträte hört Luzern am Kreuzstutz auf.»

Deutliche Worte äussert er auch zum Kurs der städtischen Politik. «Als Ur-Luzerner weiss ich, wie diese Stadt tickt. Im Moment sind wir nicht gut unterwegs und einen wesentlichen Teil trägt der amtierende Stadtrat dazu bei.» Baustellen erkennt er viele. Eine davon ist die wirtschaftliche Entwicklung, die in seinen Augen zu schleppend vorangeht. «Wir haben eine ungenügende Wertschöpfung und ungenügenden Zuwachs an Arbeitsplätzen in der Stadt.» Er befürchtet ein strukturelles Defizit – und am Ende gar eine Steuererhöhung.

Littau nicht vernachlässigen

Wäre er Stadtrat, würde er umgehend in Littau und Reussbühl mehr Unternehmen ansiedeln. Die wirtschaftliche Entwicklung des 2010 zur Stadt gestossenen Gemeindeteils sei «verschlampt» worden. Weil die Stadt sich zu wenig engagiere, würden interessierte Firmen ihre Standorte halt in Rothenburg oder Inwil bauen statt in Luzern. «Für einige Stadträte hört Luzern am Kreuzstutz auf.»

Klar schielt Bonzanigo damit auch auf die Stimmen aus Littau, wo die SVP traditionell stärker ist als in der Kernstadt. Er betont aber, dass es ihm um die Sache geht. Als Stadtrat würde er ein Konzept zur Integration der städtischen Wirtschaftsförderung in eine eigentliche Finanz- und Wirtschaftsdirektion erarbeiten lassen und diesen Bereich aufstocken.

Wie passt dieser Ausbau der Verwaltung zu den Sparbestrebungen der SVP und seiner eigenen Prognose eines strukturellen Defizits? «Unbestritten: Littau zu entwickeln, kostet Geld. Aber es ist eine Investition in die Zukunft», erklärt der Stadtratskandidat. Zumal er andernorts Sparpotenzial ortet – auch wenn es nicht die grossen Brocken sind. So kritisiert er etwa den Beitrag ans neue Luzerner Stadtfest oder zu viele extern vergebene Studien.

Kritik in alle Richtungen

Bonzanigo wollte zuerst auch Stadtpräsident Beat Züsli herausfordern, überliess dann aber FDP-Stadtrat Martin Merki den Vortritt. Mit Kritik am SP-Stapi spart er deswegen nicht. Er vermisse bei ihm die Führungsstärke, das «Feu Sacré» und das Charisma. Beispielsweise in der Debatte um das neue Theater: «Wie Franz Kurzmeyer beim KKL könnte Beat Züsli das Theater zur Chefsache erklären und mit klaren Ansagen für den Neubau einstehen. Doch stattdessen tritt er den Lead an Rosie Bitterli ab.»

Silvio Bonzanigo richtet den Fokus besonders auf Reussbühl und Littau.

GLP-Baudirektorin Manuela Jost kommt bei ihm ebenfalls nicht gut weg. «Die Geschwindigkeit bei der Baudirektion ist viel zu tief. Manuela Jost erbringt in meinen Augen eine unterdurchschnittliche Leistung.» Natürlich trifft das harte Verdikt sie auch, weil der GLP-Sitz am stärksten gefährdet ist und am ehesten der SVP zufallen könnte. Und weil Bonzanigo selber in erster Linie auf die Baudirektion aspiriert.

Wo steht er in der Verkehrspolitik?

Doch nicht nur Josts Arbeit beäugt er kritisch, er vermisst beim gesamten Stadtrat mehr Führung, Tempo und Kreativität. Welchen kreativen Ansatz hätte er denn, um beispielsweise das Carproblem zu lösen? Bonzanigo zögert keine Sekunde, spricht von verpassten Chancen und der Metro, vom Coronavirus und dem Gewerbemix am Grendel, von der Idee eines Uhrenclusters in der Mall und von Anreizstrategien. Ideen hat er viele, eine pfannenfertige Lösung kann er indes nicht servieren.

«Immer mehr Strassen zu bauen, weil es immer mehr Autos gibt, löst kein Problem.»

Was seine Vision für die städtische Verkehrspolitik betrifft, ist die Haltung nicht so schwarz-weiss wie sein Parteibüchlein vermuten liesse. Als Präsident der Luzerner Sektion von Fussverkehr Schweiz hat sich Silvio Bonzanigo bislang immer für die schwächsten Verkehrsteilnehmer eingesetzt. Das klassische Auto-Lobbying der SVP hingegen teilt er nicht uneingeschränkt. «Immer mehr Strassen zu bauen, weil es immer mehr Autos gibt, löst kein Problem.»

Es sei falsch, das Angebot nach der Nachfrage in den Spitzenstunden auszurichten. Er plädiert dafür, die Mobilität in einem grösseren Kontext zu betrachten. Sprich: Auch die Zuwanderung oder eine flexiblere Wirtschaft müssten ihren Beitrag leisten, um Staus zu verhindern.

Klar ist: Die Spange Nord lehnt er klar ab, während beim Nachfolgeprojekt Reussportbrücke seiner Meinung nach noch verlässliche Grundlagen fehlten, um sich eine abschliessende Meinung zu bilden.

Für viele CVPler noch immer ein rotes Tuch

Privat besucht Silvio Bonzanigo gerne Konzerte, sei es im KKL, sei es in der Schüür oder im Südpol. Ein SVPler in den alternativen Kulturhäusern? Der gebürtige Luzerner hat – einmal mehr – keine Scheuklappen. «Mich interessiert, was die Luzerner Nachwuchsmusiker machen.» Stammbeizen habe er hingegen keine, und ganz grundsätzlich sei er derzeit wenig in der Stadt anzutreffen, sondern eher beim Freeriden in den Bergen.

Ob ihm in Zukunft die Zeit dafür bleibt, wird der Wahlsonntag zeigen. Seine Wahl käme indes einer politischen Sensation gleich. In der Vergangenheit haben auch gestandene SVP-Kandidaten wie der gut vernetzte Ex-Parteipräsident Peter With die Wahl verpasst. Und bei vielen CVP-Wählern ist Bonzanigo nach wie vor ein rotes Tuch.

Bereits in seiner Zeit als kantonaler Delegierter nahm er kein Blatt vor den Mund. Für Aufsehen sorgte Ende 2018 ein prominent platzierter Gastbeitrag in der «Luzerner Zeitung» – es war ein regelrechter Abgesang auf die CVP. Letzten Mai ist es endgültig zum Bruch gekommen.

Silvio Bonzanigo im Video: «Die Stadt Luzern würde mir besser gefallen, wenn …»:

Bonzanigo, der früher für die CVP im Grossen Stadtrat sass und die lokale Sektion im Co-Präsidium leitete, spricht von einem «schleichenden Entfremdungsprozess». Eine Rückkehr in die Politik oder gar einen Parteiwechsel habe er nicht angestrebt. Nachdem er letzten Herbst die Kampagne des SVP-Nationalrats Franz Grüter verantwortete, kam aber schnell eines zum anderen.

Was nicht allen passte: Mehrere SVP-Mitglieder kritisierten Bonzanigos Kandidatur öffentlich. «Das war unprofessionell und hat der Partei massiv Schaden zugefügt», sagt der vierfache Familienvater. Inzwischen habe er aber viele gute Gespräche geführt und positive Rückmeldungen erhalten. Die Wogen seien geglättet.

Als Lückenbüsser fühlt sich Silvio Bonzanigo ohnehin nicht. Als junge Partei habe die SVP noch immer eine relativ schmale Personaldecke. Und: «Ich habe nichts zu verlieren», sagt er und fügt lachend an: «Wenn ich scheitere, fahre ich einfach öfter mit dem Motorrad ins Ausland.»

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer zentralplus-Serie zu den Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Stadtrat. Mehr Infos zu den Wahlen vom 29. März gibt’s in unserem Dossier.

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3 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 11.03.2020, 16:31 Uhr

    Die SVP wird auf Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte hinaus nicht mehr in der Stadtluzerner Exekutive vertreten sein. So gut wie alle Städte bleiben rot/grün, wenn sie’s erstmal sind. Gigantomane, äusserst teure und komplett unnütze Bautätigkeit hat da einen schweren, einen sehr schweren Stand! Das ärgert v.a. auch die FDP (mit der Ära Bieder und dem Mattenhofverkauf gehen die guten Jahre zu Ende), die hier seit Jahren gegen äusserst stabilen Widerstand anrennt und im Grunde nicht ein einziges Sinnloso-Bauprojekt verwirklichen konnte! Weiter so also!

  2. Jacques Schiltknecht, 11.03.2020, 13:21 Uhr

    Interessantes Experiment, ob ein Mensch mit progressiven Ideen und ein Kommunikationsfachmann, welchem plakative Tiefschläge, subtile rassistische Unterstellungen und stramm eingeforderte Parteidisziplin ein Gräuel sein dürften, sich in seiner neuen Parteiheimat wohl fühlen wird und sogar etwas bewirken kann? Oder macht er die Rechnung ohne den Wirt?

    1. Silvio Bonzanigo, 11.03.2020, 17:22 Uhr

      Geschätzter Jacques Schildknecht, interessant, Ihre Überlegungen! Nur: Das mit der «stramm eingeforderten Parteidisziplin» ist – wenigstens für die SVP in Luzern – eine Chimäre! Das liesse sich weit begründeter von der SP behaupten, wo Züsli, Dörflinger und Khan einen Copy-and-paste-Smartspider aufweisen!
      In der Politik gibt es nur einen verlässlichen ‹Wirt›, den Souverän. Ich vertraue auf dessen Urteilskraft in einer Exekutiv- d.h. Persönlichkeitswahl.

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