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Schatz, brauchen wir noch eine Gasmaske?
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Grün- und Braunzeug, wohin das Auge reicht. Das ist jedoch nur ein Aspekt des Militär-Ausverkaufs. (Bild: wia)

Besuch am Armee-Ausverkauf in Zug Schatz, brauchen wir noch eine Gasmaske?

5 min Lesezeit 10.05.2016, 10:46 Uhr

Eine Shopping-Tour der anderen Art bietet sich derzeit in der Zuger Eishalle. Statt Sommerkleider zu kaufen, kommen hier Leute her, um Vierfruchthosen, Notkocher oder Gasmasken zu ergattern. Wir finden das äusserst suspekt und gehen darum hin. Was als Feldstudie beginnt, endet im Kaufrausch.

Was derzeit in der Zuger Eishalle passiert, ist eine einzige Hornbach-Werbung. In der mit Tarnnetzen ausgekleideten Halle gibt’s derzeit nämlich Gewehrputzsets, Beile und Tarnanzüge en gros. Gleich beim Eingang wird gewarnt: «Nur Barzahlung». Pah, finden wir. Wie wenn man hier so viel kaufen wollte. Wer will denn schon eine Gasmaske? Und wer braucht ein weisses Tarnnetz?

Die Erwartung, dass sich hier bloss Männer gütlich tun, die hobbymässig Tarnfarben tragen und den ganzen Tag entweder beim Fliegenfischen oder beim Modelleisenbahnspielen sind, erweist sich als völlig ungerechtfertigt.

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Ein Magnet für bürgerliche Paare

Erstaunt stellt man nämlich fest, dass dieser Liquidationsverkauf ein wahrhaftiges Magnet ist für bürgerliche Ehepaare mittleren Alters, die sich hier mit allerhand Nützlichem eindecken. «Schau mal Schatz, Richtschnur für unsere Beete», sagt eine aufgeräumte Dame mit grauem Haar begeistert. «Ich nehme gelb.» Offenbar soll’s nicht nur praktisch sein, sondern auch hübsch aussehen im Bohnenbeet. Ihr ebenfalls aufgeräumter Gespons nickt derweil abwesend, abgelenkt durch die Unmengen an scharfen Beilen vor ihm, die in der Pallettkiste auf hemdsärmlige Käufer warten.

Hier bekommt jeder Handwerker feuchte Augen. Werkzeuge gibt’s nämlich a gogo.

Hier bekommt jeder Handwerker feuchte Augen. Werkzeuge gibt’s nämlich a gogo.

(Bild: wia)

Was das aufgeräumte Paar neben der Richtschnur sonst noch im Korb hat: eine Fellmütze. Karge Beute also. Aber wir sind auch erst am Beginn des Rundgangs.

Der Versuch, sich gegen den Sog des Konsums zu wehren, scheitert auf den ersten Metern. Immer wieder drängt sich ein Stimmchen auf und wispert: «Das ist nun aber wirklich nützlich.» Selbst beim Anblick der Retro-Gletscherbrille aus den 60er-Jahren.

Begeisterung in der Sockenecke

Ein weiteres Paar schlendert vorbei. Sie sehen weniger ambitioniert aus als das aufgeräumte Paar vorhin. Ihr Einkaufskorb weist auf: Blasenpflaster, Pferdesalbe, Guetsli. Die Dame ruft beim nächsten Gestell: «Lueg, Rosenthal-Keramik! Wemmer nochli Gschirr chaufe?» Der Mann grunzt, das Paar zieht weiter. In der Tat, man staunt, was da zwischen Hufeisen, Fleischermessern und Äxten zu finden ist. Bunte Gummistiefel beispielsweise, oder Herrensocken mit Blumenmustern. Überhaupt tummeln sich in der riesigen Sockenecke – von Bambus bis Lammfell – eine ganze Menge Kauffreudiger.

Zwei Männer in Arbeitshosen gehen vorbei. Sie sind noch nicht einmal in der Hälfte des Parcours angelangt, haben ihren Einkaufswagen jedoch schon ziemlich gefüllt. Darin enthalten? Arbeitshandschuhe, Schnur, Arbeitshosen, Nägel, Tupperware. Sie scheinen sich dem Impulskauf willenlos hinzugeben, halten alle zwei Meter an und sind jeweils entzückt ob der Auslage.

Lustige Dinge, wohin das Auge reicht.

Lustige Dinge, wohin das Auge reicht.

(Bild: wia)

Ein Vater mit zwei Söhnen spaziert vorbei. Der Papa erklärt den Kindern, wie genau die Campingausrüstung zu bedienen ist, geht dann aber mit erstaunlich fast leerem Wagen weiter. Ihre Ausbeute bis jetzt: zwei Thermostassen, nur vier Franken das Stück, potztausend, und ein Gurt. Noch ist die Familie jedoch weder am riesigen Militärguetsli-Turm noch an der schokoladengefüllten Wanne vorbeigekommen.

Unsichtbar werden leicht gemacht

Und nun landen wir dort, wo paradiesische Zustände herrschen für alle, die unsichtbar werden wollen. Vierfruchtjacken, Vierfruchthosen, Unterhemden, Leggins, Gilets und Mützen. Die meisten Leute scheinen mässig begeistert.

Tatsächlich taucht hin und wieder auch jemand auf, der genau dem Klischee eines Armee-Ausverkauf-Besuchers entspricht.

Tatsächlich taucht hin und wieder auch jemand auf, der genau dem Klischee eines Armee-Ausverkauf-Besuchers entspricht.

(Bild: wia)

Ein weiteres, eher biederes Paar steht hingegen bei den Neon-Klamotten. Die Frau, etwa einen Meter sechzig gross und mit graumeliertem Pagenschnitt, versinkt gerade in einem knallgelben Leuchtkombi. Sowohl Hosen als auch Jacke sind ihr mindestens vier Nummern zu gross, was auch ihr Mann zum Ausdruck bringt. «Ja aber weisst du, wie gut, im Winter!», findet sie. «Da trag ich ja noch Kleidung drunter.»

«Wann fährst du schon im Winter Velo?»

Ein Mann zu seiner Frau, die unbedingt grelle Leuchtkleidung kaufen will

Wir wollen’s genauer wissen und stellen uns ganz in die Nähe, wo wir unauffällig grüne Thermohemden durchwühlen. Warum will diese Frau so gelb sein? «Wann fährst du schon im Winter Velo?», wundert sich der Mann. Sie murmelt etwas hilflos, «weisst du, auf dieser vielbefahrenen Strasse bei Nebikon …», legt die Kleider dann zurück und folgt ihrem Mann.

Die Beute: Weingläser und ein Cowboyhut

Eine dicke Mama rauscht schnurstracks vorbei. In ihrem Wagen befinden sich: ein Kind im Schneidersitz und fünf Tafeln Militärschokolade. Währenddessen redet ein bärtiger Mann im Landstreicher-Anzug mit seiner Gattin über die Güte der Hemden hier. Im voll beladenen Wagen befinden sich: vor allem Weingläser – ja auch das gibt es hier – und ein Cowboyhut.

Wenn man es «City-Bag» nennt, horchen auch die Hipster unter den Einkäufern auf.

Wenn man es «City-Bag» nennt, horchen auch die Hipster unter den Einkäufern auf.

(Bild: wia)

Ein schätzungsweise zwei Meter zehn grosser Mann im Anzug geht vorbei. Wir tippen auf australischen Rugby-Spieler. In seinem Körbchen liegen einzig ein paar Zündwürfel. Ganz klar fürs Barbecue, mutmassen wir, und stellen uns an die Kasse.

«Ausserdem weiss man ja nie, ob es nicht mal ein Gasunglück gibt.»

Ein Herr, der eine Gasmaske kauft

Hinter uns steht ein Mann im Arbeitsoverall. Er kaufe sich immer dieselben Hemden bei diesen Outlets, erzählt er begeistert. Sechs Stück davon liegen in seinem Korb, «und jedes kostet nur fünf Franken!», betont er. Und legt dann zu unserem Erstaunen tatsächlich eine Gasmaske auf den Tresen. Im Ernst? «Ich finde solche Gegenstände spannend», erklärt er. «Ausserdem weiss man ja nie, ob es mal ein Gasunglück gibt.» Es bleibt unklar, ob das als Witz gemeint ist.

Und dann kommen wir dran. Einen Einkaufskorb haben wir nicht. Wir kaufen ja eh nichts. Und legen auf den Tresen: einen Knieschutz, zwei Wärmepflaster, einen flauschigen Innenschlafsack, fünf Tafeln Militärschokolade und drei Packungen Guetsli. Zum Glück kann man hier nur bar zahlen. Alles andere wäre verheerend.

Die Armee-Grossliquidation in der Hertihalle dauert noch bis und mit 17. Mai.

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