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«Schade, dass die Kulturstadt Luzern so etwas schleifen liess»
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Zwei Preisträger, zwei Meinungen: Romana Lanfranconi und Davix beim zentralplus-Interview. (Bild: hae)

Innerschweizer Filmpreis: Gewinner im Gespräch «Schade, dass die Kulturstadt Luzern so etwas schleifen liess»

10 min Lesezeit 08.03.2019, 13:45 Uhr

Dieses Wochenende wird zum zweiten Mal der Innerschweizer Filmpreis vergeben. Wie sieht es mit dem Filmschaffen der Region aus? Die Preisträger Romana Lanfranconi und Stefan Davi alias Davix geben Auskunft über die Filmförderung und woran es hier mangelt.

zentralplus: Romana Lanfranconi und Davix: Was kann ein Film erreichen?  

Romana Lanfranconi: Ein Film soll unterhalten, inspirieren und Geschichten erzählen. Gerade auch solche Geschichten, die nichts mit dem eigenen Alltag zu tun haben, so kann ein Film auch mal ablenken. Er soll Denkanstösse geben, Diskussionsgrundlagen auftun – also sehr viel Verschiedenes.

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Davix: Gut gesagt. Inspiration und Denkanstösse sind mir auch sehr wichtig. Ein guter Film kann auch innerhalb von relativ kurzer Zeit Einblicke in etwas geben, wofür man sonst viel länger bräuchte. Wenn ich einen Roman lese, kann ich mir meine eigenen Bilder und Töne machen, was natürlich wunderbar ist und viel Raum für die eigene Fantasie lässt. Die Kombination von bewegtem Bild und Ton, dass Zeit und Informationen komprimiert werden, ist beim Medium Film jedoch einzigartig.

zentralplus: Wie arbeiten Sie?

Lanfranconi: Ich verstehe mich als Dokumentarfilmschaffende. Bis jetzt habe ich vor allem als Regisseurin gearbeitet. Voltafilm wird immer mehr zum Produktionshaus. Wir produzieren vermehrt auch Projekte von anderen Regisseuren und Regisseurinnen. So haben wir mit «Das Leben vor dem Tod» unseren ersten Film co-produziert. 

«Geld zusammen zu bekommen, ist ein harter Job.»

Romana Lanfranconi, Luzerner Filmerin

zentralplus: Sie kümmern sich um Regie und Produktion. Wie unterscheidet sich das?

Lanfranconi: Als Regisseurin bin ich inhaltlich für den Film verantwortlich und arbeite an einem Thema. Oft recherchiere ich lange, bevor ich mit Drehen beginne. Als Produzentin trage ich mehr finanzielle und organisatorische Verantwortung. Da stehen Fragen wie: «Finden wir für den Film ein Publikum?» und «Wie erzählen wir die Geschichte?» im Vordergrund.

zentralplus: Ist dabei nicht das Schwierigste, das Geld zusammen zu bekommen?

Lanfranconi: Das ist ein harter Job, aber genauso hart kann es sein, für seine Idee Bilder oder die richtigen Protagonisten zu finden.

zentralplus: Und wie sind Sie zum Film gekommen?

Lanfranconi: Ich habe Regie studiert in Zürich und mit einem Dokumentarfilm 2006 abgeschlossen. Nach der Ausbildung haben wir das Kollektiv Voltafilm gegründet. Wir schufen Projekte für verschiedene Auftraggeber, zum Beispiel für soziale Institutionen, wir realisierten auch Imagefilme – aber immer mit dokumentarischem Zugang. Seit 2014 sind wir eine GmbH. Wir sind vier Regisseure und eine Produzentin und realisieren seither vermehrt unsere eigenen Projekte.

Gewann mit einem Film über das Leben, aber auch über das Sterben: Romana Lanfranconi.

Gewann mit einem Film über das Leben, aber auch über das Sterben: Romana Lanfranconi.

(Bild: hae)

zentralplus: Und Ihr könnt gut leben davon?

Lanfranconi: Doch, ganz gut. Und wir haben uns entschieden, mit allen Konsequenzen, die das hat, Filme zu machen. Ich habe immer viel in Projekte investiert und unterschiedlich verdient. Aber mittlerweile können wir sogar Leute anstellen: jemanden für die Produktion und einen Praktikanten.

«Ich stamme aus der zweiten Generation des Punk.»

Davix, Musiker und bildender Künstler aus Luzern

zentralplus: Wie sieht das bei Ihnen aus, Davix?

Davix: Ich komme aus einer anderen Generation als Romana. Anfang der 1980er-Jahre, zu meiner Teenager-Zeit, gab es noch Audiokassetten, wir machten für uns und unsere Freunde Mix-Tapes. Ich habe früh auch bildende Kunst – Malerei, Installation, Fotografie – gemacht und war Musiker. Schlagzeug ist mein Instrument. Ich stamme aus der zweiten Generation des Punk, wir wollten einfach Musik machen. «Do it yourself», «Learning by doing«, «Trial and error» – das haben wir gelebt. Damit Geld zu verdienen, das hat uns überhaupt nicht interessiert.

Die beiden Preisträger

Romana Lanfranconi, 1980 in Luzern geboren. 2006 Abschluss Zürcher Hochschule der Künste, seit 2008 Produzentin und Regisseurin bei Voltafilm Luzern. Am Festival zu sehen ist von ihr das preisgekrönte Werk «Das Leben vor dem Tod», ein Film über das Leben, aber auch über das Sterben.

Stefan Davi alias «Davix», 1966 in Luzern geboren. Studien an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern. Multikulturell tätig, auch als Maler, Musiker und Videoartist. Zu sehen von ihm: «Super Sonic Airglow» über ein gemeinsames Projekt der beiden Bands The Young Gods und Koch-Schütz-Studer.

zentralplus: Und wie kamen Sie zum Film?

Davix: Ich war interessiert an vielem, es war ganz natürlich, dass ich mir die Super-8-Kamera eines Kollegen auslieh, mir eine gebrauchte SX-70er Polaroid-Kamera kaufte …

zentralplus: … was eine teure Geschichte war, verglichen mit dem heutigen Digitalfilm.

Davix: Ja, klar. Anfang der 1990er-Jahre gab es an der Kunstgewerbeschule neu einen Lehrstuhl für Video, und so ging ich in einem zweiten Anlauf nochmals dahin. Die ersten beiden Jahre haben wir da noch analog mit Videobändern und Maschinen mit echten Motoren drin gearbeitet, damals konnte man nicht eben schnell mal mittels Copy-and-Paste sein Projekt duplizieren und Varianten schneiden. Wenn ich da an meinen Neffen denke, der noch keine 18 Jahre alt ist: Er schneidet seine Filme auf dem Laptop, filmt mit dem Fotoapparat und der Drohne. 

zentralplus: Das ist doch aber auch Punk, in dem Sinne: Jeder kann es irgendwie!

Davix:  Ja, das ist cool, dass die Technik sich so entwickelt hat … Ein bisschen viel Computer halt, zu meiner Zeit war das eher etwas für Banker: monströser Röhrenbildschirm, schwarz, mit giftig grün leuchtenden Zahlen und Buchstaben.

«Ich glaube nicht an den Tod des Kinos.»

Romana Lanfranconi

zentralplus: Die heutige Technologie erlaubt schnelles Arbeiten. Und auch die Verbreitung im Netz. Fluch oder Chance?

Lanfranconi: Das ist eine grosse Chance, aber auch ein Fluch. Weil tatsächlich weniger Besucher ins Kino gehen. Ich glaube aber nicht an den Tod des Kinos. Und ich verfolge mit Interesse, was für neue Formen von Filmen fürs Netz oder bei Streamingdiensten wie Netflix produziert werden.

Davix: Wer will abends noch ins Kino gehen, wenn er doch jederzeit und überall auf dem Smartphone Filme anschauen kann? Das Kinofeeling jedoch ist um Klassen besser: grosse Leinwand, fetter Sound – das Erlebnis bleibt grossartig. Ich hoffe, dass das Kino niemals ausstirbt, genauso wie Theater und Live-Musik. 

zentralplus: Ist unsere Region in Sachen Filmförderung gesund?

Lanfranconi: Verglichen mit anderen Regionen hat die Innerschweiz Aufholbedarf. Es ist schade, dass nicht mehr Mittel zur Verfügung stehen, weil es sehr viele gute Leute in unserer Region gibt. Wir haben in Luzern eine sehr gute Ausbildung für Film und Animation. Und wir haben ein breites Filmschaffen – aber wir brauchen eine stärkere regionale Förderung, sonst wandern die Absolventen der Hochschule in andere Regionen ab.

«Fast all meine Studienkolleginnen, die noch Filme machen, sind früher oder später abgewandert.»

Davix

Davix: Genau so läuft’s! Fast all meine Studienkollegen und -kolleginnen, die noch Filme machen, sind früher oder später abgewandert. Ähnlich in der bildenden Kunst: Die jungen Leute kommen zwar nach Luzern zum Studium, ziehen danach aber auf Jobsuche wieder weg, weil sie in anderen Kantonen bessere Fördermöglichkeiten vorfinden.

zentralplus: Wie auch die Festivals.

Davix: Genau. Es gab das einwöchige «Viper»-Festival für experimentellen Film, Video und Performance. Was 1980 als Krienser Filmtage begann und 1985 nach Luzern wechselte, war wirklich innovativ. Es brachte die Szene europaweit, aber auch aus England oder Amerika zusammen. Es war eine tolle Möglichkeit, extrem schräge Werke zu entdecken und auch deren Macher kennenzulernen. 1999 war dann leider Schluss, zumindest in Luzern. Ich weiss nicht genau, wie es kam, man munkelte, dass die Viper-Organisatoren mehr Geld benötigten. Und Basel hatte dies zu bieten … Also wechselte das Festival 2000 an den Rhein – und starb schon bald darauf. Schade, dass Luzern, die sich ja Kulturstadt nennt, so etwas schleifen liess.

Gewann mit einem Film über die Bands «The Young Gods» und «Koch-Schütz-Studer»: Davix.

Gewann mit einem Film über die Bands «The Young Gods» und «Koch-Schütz-Studer»: Davix.

(Bild: hae)

zentralplus: Wie wäre es dann möglich, zu mehr Mitteln zu kommen? Wie funktioniert Filmförderung?

Lanfranconi: Wünschenswert wäre eine Filmstiftung, wie Zürich sie kennt. Bei grossen Produktionen redet man von drei Säulen der Finanzierung: Man benötigt einerseits die nationale Förderung, dann die Unterstützung vom Schweizer Fernsehen SRF und die regionale Förderung. Die zwei überregionalen Förderstellen finanzieren nur dann, wenn auch die regionale Förderung mitmacht. Und da diese in der Innerschweiz viel kleiner ist als in anderen Regionen, ist es für Filmemacherinnen aus der Innerschweiz nur bedingt möglich, an die überregionalen Fördergelder heranzukommen.

Davix: Und weil in Zürich viel mehr Filme produziert werden, ist dort das Angebot an Jobs für Kamera, Ton, Schnitt etc. viel grösser.

Lanfranconi: Natürlich ist es möglich, auch hier kreativ zu sein. Man ist bei uns dran, vor allem mit dem Verein Film Zentralschweiz, den es seit 2009 gibt. Wir setzen uns ein, die Förderung zu verbessern. Es geht zwar harzig und langsam – aber es geht etwas.

«Bei Film Zentralschweiz kommt eine gute Familie zusammen.»

Romana Lanfranconi 

zentralplus: Wer steht hinter Film Zentralschweiz?

Lanfranconi: Wir sind ungefähr 130 Mitglieder und bilden eine tolle Plattform mit monatlichen Stämmen – da kommt eine gute Familie zusammen. Wir vernetzen uns, tauschen uns aus und versuchen das Filmschaffen in der Innerschweiz sichtbar zu machen.  

zentralplus: Oft gibt es in solchen Kulturkuchen aber auch Neid und Missgunst, so dass man sich kontraproduktiv im Weg steht.

Lanfranconi: Nein, ich erlebe das sehr produktiv. 

Davix: Man kann solche Projekte nicht alleine stemmen, aber klar, die Chemie muss da schon stimmen.

Der Trailer zu Davix’ prämierten Film «Super Sonic Airglow»:

zentralplus: Wie habt ihr euren Film finanziert, Davix?

Davix: Da es ein superspontaner Entscheid war, den Film zu machen und wir für die ersten Drehs sehr schnell etwas Startgeld brauchten, sind wir es etwas anders als üblich angegangen. Noch vor den heutigen Plattformen haben wir quasi unsere eigenes Crowdfunding realisiert, Freunde und Fans der beiden Bands The Young Gods und Koch-Schütz-Studer via E-Mails und Website um Geld angefragt. Es war eine rollende Finanzierung und Planung, plötzlich kam von da und dort eine kleine Geldspritze. Und dann kommt man in den Flow, wir gingen gar nach Paris an ein Konzert der beiden Bands.

«Wenn wir jetzt diesen Preis erhalten, dann ist das neben der Anerkennung auch eine Verminderung der eigenen Selbstausbeutung.»

Davix

zentralplus: Wieso haben Sie sich nicht um Subventionen bemüht?

Davix: Wenn man schon mit dem Dreh begonnen hat, kann man sich gar nicht mehr um Gelder bemühen. In unserem Falle gab es, vom SRF co-produziert, schon je einen Film über die Bands. Da fällt die Möglichkeit auch weg. Deshalb hat es dann auch so lange gedauert, bis der Film fertig wurde. Co-Regisseur Karim Patwa konnte in der Zwischenzeit zum Glück seinen eigenen Spielfilm «Driften» realisieren. Man hangelt sich von Geldspritze zu Spende, und wir konnten unsere kleine Crew bescheiden entlöhnen – ausser uns Regisseure, die wir auch hinter der Kamera standen, den Film produzierten und in die Kinos brachten. Wenn wir jetzt diesen Preis erhalten, dann ist das neben der Anerkennung auch eine Verminderung der eigenen Selbstausbeutung.

Der Trailer zu Romana Lanfranconis prämierten Film «Das Leben vor dem Tod»:


zentralplus: Der Filmpreis vergab 2017 eine halbe Million Franken. Wie kommt das? 

Lanfranconi: Die Albert-Koechlin-Stiftung (AKS) leistet einen grossen Beitrag an das regionale Filmschaffen. Vor zwei Jahren zeichnete die AKS zwölf Filme aus. An dem Innerschweizer-Filmpreis-Wochenende gab es ein Rahmenprogramm mit Film-Ständen, Diskussionen rund ums Filmemachen, und die ausgezeichneten Filme konnte man sich im Bourbaki und Stattkino ansehen. Der Anlass war gut besucht. In diesem Jahr sind es sogar 15 Filme, die ausgezeichnet werden und man sich am Samstag und Sonntag anschauen kann. Ich freue mich auf den Anlass.

zentralplus: Wie viel Geld bekommt ihr eigentlich als Preisträger?

Lanfranconi: Das kommt noch aus, das wissen wir noch nicht.

Davix: Ein bisschen Spannung muss wohl sein in «klein Hollywood».

Lanfranconi: Man darf auch loben, dass mit diesem Filmpreis, zum zweiten Mal, etwas Wichtiges geschieht. Doch längerfristig müssen die Innerschweizer Kantone da schon auch Verantwortung übernehmen.

zentralplus: «Sag mir was du schaust – ich sag dir wer du bist»: Welches sind eure drei Lieblingsfilme?

Davix: Mein Liebling ist «Pulp Fiction», weil ich den gerne zum achten Mal schauen möchte. Die Schlaufen der Handlung und John Travoltas Ende haben es in sich. Dann «Patti Smith: Dream of Life», ein adäquat umgesetzter Musikdokfilm über eine herausragende Künstlerin. Schwierig aufzutreiben ist hingegen «Die letzte Rache» von Rainer Kirberg mit der Musik von «Der Plan». Es gibt noch unzählige mehr: «Stranger than Paradise», die Filme von Herbert Achternbusch oder John Cassavetes.

Lanfranconi: Ich wähle «Magnolia», weil dieser Film mich geprägt hat, auf welche Weise man kreativ Geschichten erzählen kann. Dann «Adams Apfel», weil mich die dänischen Filmemacher mit ihrem schwarzen Humor und ihrer Radikalität ansprechen. Und den Schweizer Dokfilm «Goodbye Nobody» von Jacqueline Zünd. Es ist eine Geschichte über vier Menschen, die unter Schlaflosigkeit leiden, eine sehr gelungene essayistische Art des Erzählens.

«Ich habe keinen Plan B. Ich bin mit Herzblut Filmerin.»

Romana Lanfranconi

zentralplus: Wie sehen Sie die Zukunft des Films in der Region?

Lanfranconi: Ich verstehe den Preis als Anerkennung für unser Schaffen der letzten zehn Jahre. Jetzt wird vorerst gefeiert und die Energie umgesetzt. Ich habe keinen Plan B. Ich bin mit Herzblut Filmerin.

Davix: Ich finde, wir Filmemacher müssten politischer filmen. Es macht mir Mut, dass Schüler mit FDP-Logo gegen den Klimawandel und unseren Umgang mit dem Planeten demonstrieren. Das ist ein origineller Umgang mit den Medien: «Fuck de Planet – FDP!»

Innerschweizer Filmpreis: 9. und 10. März, Bourbaki Luzern. Es werden alle ausgezeichneten Filme gezeigt, zudem gibt es Talks, Podiumsgespräche und Präsentationen.

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