Monica Dantas weiss aus eigener Erfahrung, wieso so viele Portugiesen den Kanton Luzern verlassen.
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Monica Dantas weiss aus eigener Erfahrung, wieso so viele Portugiesen den Kanton Luzern verlassen. (Bild: Unsplash/zvg)

Eine Tochter erzählt Saudade? Warum viele Portugiesen Luzern den Rücken kehren

1 min Lesezeit 1 Kommentar 22.10.2021, 18:00 Uhr

Jeder zehnte Ausländer im Kanton Luzern ist ein Portugiese. Doch wie lange noch? Seit Jahren wächst die Zahl der Portugiesinnen, die der Schweiz den Rücken kehren. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Einwanderungen. Was passiert in der portugiesischen Gemeinde? zentralplus ging auf Spurensuche.

In den Kanton Luzern wird fleissig eingewandert. Rund 4’800 Personen zogen 2020 aus dem Ausland in den Kanton Luzern, um hier ihren Wohnsitz anzumelden. Dies zeigen Zahlen des Luzerner Statistikportals Lustat. Gleichzeitig verliessen rund 4’100 Personen den Kanton Luzern in Richtung Ausland. Unter dem Strich bleibt somit ein positiver Wanderungssaldo.

Die Zahlen von Lustat zeigen aber auch auf, dass sich dieser Trend nicht über alle Nationalitäten hinwegzieht. Denn bei Personen mit portugiesischer Herkunft verhält es sich genau umgekehrt. Deutlich mehr Portugiesen haben 2020 den Kanton in Richtung Ausland verlassen als im gleichen Zeitraum nach Luzern eingewandert sind. Keine andere Nationalität weist einen negativeren Wanderungssaldo auf.

Haben die Portugiesinnen Heimweh? «Saudade», wie dieses nostalgische, wehmütige Gefühl auf Portugiesisch ausgedrückt wird, für das es auf Deutsch keine exakte Übersetzung gibt?

Ebenso wenig gibt es für diese Frage eine exakte Antwort. Denn die Gründe für den Portugiesen-Exodus sind kompliziert – und hinterlassen manche Betroffenen in einer verzweifelten Situation.

Keine genügend hohe Rente

Das erklärt Monica Dantas (31), Sekretärin bei der portugiesischen Mission Luzern. Durch ihre Arbeit bei der Mission steht sie im direkten Austausch mit anderen Portugiesinnen und kennt die Sorgen der portugiesischen Gemeinde daher aus erster Hand: «Viele Portugiesen haben in den vergangenen Jahren das Rentenalter erreicht. Doch wir haben erlebt, dass bei vielen die finanziellen Mittel nicht genügend gross sind, um einen angenehmen Ruhestand in der Schweiz geniessen zu können.»

«Wollen sie nach 40 Jahren der Schweiz den Rücken kehren und in Portugal einen vergleichsweise komfortablen Ruhestand geniessen?»

Monica Dantas, portugiesische Mission Luzern

Dantas spricht damit die Portugiesinnen an, die in den 80er-Jahren aufgrund der wirtschaftlichen Perspektiven in die Schweiz eingewandert sind. Viele dieser Personen, die während 40 Jahren auf dem Bau, in der Gastronomie oder als Reinigungskräfte gearbeitet haben, kommen nun ins Rentenalter. Und geraten damit in eine Situation, die die 31-Jährige als Zwiespalt beschreibt: «Wollen sie in der Schweiz bleiben und jeden Rappen zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben. Oder nach 40 Jahren der Schweiz den Rücken kehren und in Portugal einen vergleichsweise komfortablen Ruhestand geniessen?»

Dantas zieht hierzu Beispiele von Betroffenen aus der portugiesischen Mission Luzern heran: Ein älteres Ehepaar musste rund 600 Franken für die Krankenkassenprämien zahlen. Diese Prämien alleine entsprechen in Portugal bereits dem Mindestlohn. Hinzu kommen in der Schweiz Ausgaben für die Miete und Steuern. Das Paar habe die Schweiz letztlich aus finanziellen Gründen verlassen. «Es ist klar, dass die finanziellen Möglichkeiten in der Schweiz und in Portugal in keinem Vergleich zueinander stehen», erklärt die in Emmenbrücke wohnhafte Dantas.

Typisches Portugiesen-Treffen im Jahr 1990. Alle Personen auf dem Foto bis auf Monica Dantas sowie ihre Eltern sind mittlerweile nach Portugal zurückgekehrt. Vater Dantas ist der zweite von links, Mutter Dantas sitz ganz rechts, Monica Dantas «steht» links von ihr.

Sie erwähnt ein anderes Paar, das zwar noch nicht pensioniert, aber seit der Corona-Pandemie arbeitslos ist. Beide haben in einem Hotel gearbeitet, er als Portier, sie in der Hauswirtschaft. Ihnen wurde während der Pandemie gekündigt. Beide sind schon über 50. «Sie mögen sich nicht mehr mit RAV-Angelegenheiten auseinandersetzen. Sie können nicht gut Deutsch und wissen nicht, wie man eine Bewerbung per Mail verschickt. Darum gehen sie jetzt nach Portugal zurück und arbeiten dort etwas anderes, bis ihnen die Rente aus der Schweiz ausbezahlt wird», erzählt Dantas.

Herz gegen Kopf

Also ist die Rückkehr nach Portugal offenbar ein einfacher Entscheid, zumindest wirtschaftlich betrachtet. Doch auf emotionaler Ebene ist es eine herzzerreissende Entscheidung. Denn viele dieser Portugiesen bezeichnen die Schweiz längst als ihr Zuhause, haben Kinder und Enkel hier, die selbst Fuss gefasst haben in der Schweiz.

Gleichzeitig hat sich auch Portugal verändert in dieser Zeit. «Es ist wie eine zweite Auswanderung für die Älteren. Sie lassen ihre Familie in der Schweiz zurück und haben in Portugal mittlerweile fast keine Familie oder Freunde mehr», beschreibt Dantas diesen zweiten Zwiespalt, vor dem die ältere Generation steht.

Familie Dantas im Park. Das Bild stammt aus dem Jahr 1989. Mittlerweile stehen die Eltern vor der Entscheidung, wo sie ihren Ruhestand verbringen wollen.

Die Sekretärin der portugiesischen Mission weiss das aus eigener Erfahrung. Ihr Vater ist seit einiger Zeit pensioniert, ihre Mutter wird es in wenigen Jahren auch sein. Monica Dantas hat selber Kinder. Auch ihre Eltern stehen bald vor der Frage, wo sie ihren Ruhestand verbringen wollen. «Als Tochter will ich diesen Entscheid nicht beeinflussen. Ich will nicht, dass sie nur unseretwegen in der Schweiz bleiben und dafür auf einen komfortablen Ruhestand verzichten müssen.»

«Es tut natürlich weh, wenn sie gehen. Doch es tut auch weh, wenn ich sehe, dass sie hier leiden.»

Monica Dantas

Letztlich sei es die altbekannte Frage, auf was die Eltern von Monica Dantas hören sollen: Auf das Herz, das für einen Verbleib in der Schweiz spricht? Oder auf den Verstand, der eine Rückkehr nach Portugal wegen der finanziellen Situation sinnvoll erscheinen lässt.

Leicht fällt diese Entscheidung niemandem. Und auch Dantas selbst ist hin- und hergerissen: «Es tut natürlich weh, wenn sie gehen. Doch es tut auch weh, wenn ich sehe, dass sie hier leiden. Nach 40 Jahren harter Arbeit sollen sie ihren Ruhestand geniessen dürfen.» Ein schwierig zu beschreibender Gefühlszustand. Saudade eben.

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1 Kommentare
  1. Da Silva, 23.10.2021, 08:49 Uhr

    Ich schätze die Portugiesen in der Schweiz sehr, angenehme, strebsame Leute, die gerne unter sich selber bleiben. Aber es haben sich auch viele in der Heimat rin schönes Haus gebaut, in dem sie nun mit der Schweizer Rente viel besser leben können als dies hier der Fall wäre. Die Kosten da und hier sind in keinem Verhältnis.

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