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Satire gegen Schwule im Kreuzfeuer der Kritik
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So sieht die Lebensberatung im aktuellen «Knallfrosch» aus. (Bild: jwy)

Luzerner Fasnachtszeitung tritt gegen Minderheiten Satire gegen Schwule im Kreuzfeuer der Kritik

4 min Lesezeit 1 Kommentar 25.02.2019, 16:56 Uhr

Die Luzerner Fasnachtszeitung «Knallfrosch» teilt aus und macht sich lustig. Aktuell auch gegenüber schwulen und queeren Menschen. Und tritt in den sozialen Medien eine heftige Debatte los. Die Diskussion ist erneut lanciert: Wo liegen die Grenzen der Satire?

Kaum ist die Fasnachtspostille «Knallfrosch» veröffentlicht, hat Luzern seine «Was darf Satire?»-Debatte. Und bereits ist man in Anlehnung an Tucholsky geneigt zu sagen: «Alles!»

So einfach ist es aber nicht, wie das Beispiel zeigt. Doch der Reihe nach.

In einer Persiflage von Dr. Sommer & Co. bietet «Frau Dr. K. N. Allfrosch-Schenkel» in der Fasnachtszeitung der Luzerner Wey-Zunft Beratung für alle Lebenslagen – unter anderem für diese:

Der Beitrag des Anstosses im «Knallfrosch».

Der Beitrag des Anstosses im «Knallfrosch».

(Bild: jwy)

«Schwul, pervers und arbeitsscheu» sucht hier also Gleichgesinnte für sein «ziemlich aufdringliches Frosch-Gequake». Keine Sorge, er könne im Neubad «den Frosch markieren», so die Antwort. «Die meisten Wände sind gefliest.»

Zur Erklärung: Im ehemaligen Hallenbad findet jeden Dienstag das Queerbad statt, ein Austausch für Menschen aus der LGBTQ-Community. Zudem wurde im Februar die neue Partyreihe «Akt» für Queers und Friends ins Leben gerufen.

Ist der herablassende Ton gegenüber der queeren Community eine Grenzüberschreitung? In den sozialen Medien, wo der Beitrag die Runde macht, scheint der Fall klar: Als «eklig», «disgusting» und mit allerlei zornigen Emojis wurde der Text kommentiert. Lustig findet ihn kaum jemand.

«Unter jeder Würde»

«Unsäglich, wie dummdreist solche Primitivitäten unter dem Zunftmantel als Humor verkauft werden können und dürfen», schreibt eine Userin. Ein anderer: «Was diese Herren für fasnächtlichen Humor halten, ist schamlos rassistisch und sexistisch.» Oder: «Für Satire braucht es etwas Intelligenz, für gute Satire braucht es mehrere Intelligenzen. So was dummes habe ich lange nicht mehr gesehen.»

«Eine tiefere Thematisierung des ganzen Ressentiments-Drecks, der während dieser Tage unter dem Deckmantel von Gaudi und ‹Ist doch nur Spass› hochgespült (Und beklatscht wird), tut dringend Not», heisst es in einem Kommentar. Und eine Userin urteilt: «Unter jeder Würde, beleidigend und erklärungsbedürftig.»

Im Kern beleidigend

Es ist bekannt, dass der «Knallfrosch» nach allen Seiten austeilt: Politik, Medien, Wirtschaft – alle bekommen sie ihr Fett weg. Das kann man lustig oder weniger lustig finden. Wieso soll die queere Community davon ausgenommen sein?

Zudem ist der «Knallfrosch» als satirisches Gefäss erkennbar, in den dieser Beitrag eingebettet ist. Im Prinzip ist also niemand und kein Thema vor der Lächerlichkeit der Satire gefeit, auch Randgruppen, Schwache und Minderheiten nicht. Aber dann ist eben besondere Vorsicht geboten, welche die anonymen Autoren hier vermissen lassen.

«Fasnacht ist wie Satire. Sie darf fast alles. Wenn es gut und lustig ist. Das hier ist allerdings einfach nicht gut. Und nicht lustig.»

Patti Basler, Satirikerin

Satire soll zuspitzen, verspotten, angreifen und verletzen – aber es macht einen Unterschied, ob das Opfer dieser Giftpfeile ein Machthaber Erdogan ist oder eine gesellschaftliche Minderheit, die um Verständnis und Akzeptanz ringt.

Auf den Kern reduziert, steht auf den wenigen Zeilen nichts anderes als: Schwule, lesbische, Trans-, Bi- oder queere Menschen verbindet ihre absonderlichen sexuellen Präferenzen. Und um diese auszutauschen, treffen sie sich regelmässig.

Satire gegen Minderheiten?

Ist das also eine Grenzüberschreitung? Die erfolgreiche Schweizer Autorin und Kabarettistin Patti Basler hat den Beitrag auf Facebook ebenfalls treffend kommentiert: «Fasnacht ist wie Satire. Sie darf fast alles. Wenn es gut und lustig ist. Das hier ist allerdings einfach nicht gut. Und nicht lustig.» Ein anderer User urteilt: «Satire gegen Minderheiten ist erbärmlich.»

Satire sollte auf der Seite der Schwachen stehen. Oder wie es der deutsche Autor und Satiriker Jesko Friedrich definierte: «Grundsätzlich gilt: Jeder hat das Recht auf satirische Kritik. Christen, Juden, Moslems, Behinderte und Behindernde, Frauen, Männer, Intersexuelle – sie alle taugen zum Feind, wenn sie ein entsprechendes Fehlverhalten an den Tag legen.»

Ein Fehlverhalten wäre also zwingende Voraussetzung. Friedrich schreibt über satirische Tabus: «Satire tritt nicht nach unten. Das arme Würstchen ist nicht der Feind.»

Man kann letztlich folgern: Was der «Knallfrosch» hier liefert, ist keine Satire. Sondern eine Verhöhnung von gesellschaftlich Schwächeren. Ein User kommentiert abseits aller Satire-Definitionen: «Nennen wir es doch was es ist: Scheisse pur.»

Die Redaktion des «Knallfrosch» bleibt übrigens geheim. Benno Zurfluh, Präsident der «Zytigs-Kommission» bei der Wey-Zunft, war am Montag bisher nicht erreichbar.

Was der «Knallfrosch» sonst noch bietet, lesen Sie hier.

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1 Kommentare
  1. David Lehner, 25.02.2019, 23:16 Uhr

    Ich frage mich ja, wieso dieser Quatsch überhaupt ungefragt und unadressiert in alle Briefkästen verteilt werden darf…