Salzlager-Wagenplatz in Luzern: Eine Oase aus Pragmatismus, Idealismus und Kreativität
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Die meisten der Wagen auf dem Wagenplatz wurden von den Bewohnerinnen selbst gebaut. (Bild: jru)

Ende September ist Schluss Salzlager-Wagenplatz in Luzern: Eine Oase aus Pragmatismus, Idealismus und Kreativität

5 min Lesezeit 4 Kommentare 30.05.2021, 18:19 Uhr

Wir alle wohnen in Wohnungen oder in ganzen Häusern. Nicht so aber die Bewohnerinnen des Wagenplatzes des im Luzerner Obergrundquartier beheimateten Salzlagers. Sie leben an der frischen Luft, bauen ihr Zuhause, wie es für sie stimmt, und konsumieren möglichst bewusst. zentralplus war bei ihnen zum Zmittag eingeladen.

Es ist ein trüber Vormittag Ende Mai, an dem wir den Wagenplatz beim Salzlager im Luzerner Obergrund-Quartier betreten. Neben rund 30 Velos stellen wir unser eigenes. Auf dem Platz zeichnen Pfützen Bilder auf die Kiesfläche. Ringsherum Wohnwagen, die – wie sich später bestätigt – fast alle eigenhändig selbst konstruiert und gebaut wurden. Drei Personen sind auf einer Veranda. Lena, Nik und Mirjam laden auf eine Führung ein, eine Room-Tour, wie man sie in einer «normalen» Wohnung nennen würde. Sie möchten gerne mit Vornamen angesprochen und zitiert werden.

«Was gibt es Cooleres, als sein eigenes Daheim selber zu bauen?»

Lena, Wagenplatz-Bewohnerin

Das eigene Daheim selber bauen

Rund 15 Wagen in verschiedenen Grössen und Looks sind derzeit auf dem Platz. Zirka 15 Personen leben in ihnen. Es gebe auch immer Platz für Gäste. Wie viele es sind, komme nicht so drauf an. Wichtiger sei, wer bei ihnen ist.

Einzelpersonen, Pärchen und Kinder leben als grosse Familie auf dem Platz. Gewisse erst seit Kurzem. Andere seit längerer Zeit. Die jüngste Person sei gerade mal fünf Monate alt, die älteste 53 Jahre. «Einmal haben sogar zwei Esel für ein paar wenige Tage bei uns gewohnt», erzählt Lena lachend, während sie auf ein Foto tippt, das an die lustigen Tage erinnert.

Den Platz mit den Wagen beim Salzlager gibt es seit vier Jahren. Die Bewohnerinnen verbinden dabei mehrere Sachen. «Alle von uns lieben es, so oft an der frischen Luft zu sein. Die grosse Gemeinschaft ist uns wichtig. Und schliesslich: Was gibt es Cooleres, als sein eigenes Daheim selber zu bauen?», meint Lena.

Sie wohnt erst seit wenigen Wochen in dieser alternativen Wohnform, darf derzeit einen Wagen von einer Freundin benutzen, ehe sie ihren eigenen bauen wird. Wie weiss sie nur, wie man einen solchen Wagen baut, wo sie doch eigentlich Tontechnikerin von Beruf ist? Nik klärt auf: «Wir haben Leute hier auf dem Platz, die schon einige Wagen gebaut, und Menschen, die eine handwerkliche Berufslehre hinter sich haben. Sie vermitteln ihr Wissen gerne weiter. Oder wir schauen Youtube-Videos mit Anleitungen!» Alle lachen.

Die Glocke erklingt, es gibt Mittagessen. Reis an einem Gemüsecurry wird serviert, scharfes Gewürz inklusive. Die aus der Gemeinschaft gerade Anwesenden setzen sich gemeinsam an den Holztisch. «Es kocht immer wieder jemand anderes, meist für alle, die da sind», sagt einer am Tisch. Und das funktioniere so ganz gut.

Gegessen wird – wenn immer möglich – an der frischen Luft, im Outdoor-Wohnzimmer. Da stehen Kühlschränke, Pflanzen, eine Vorratskammer und ein «Riiti-Seili» hängt an der Decke. Gewöhnungsbedürftig, so ganz im Freien. Doch alles hat seinen Platz, alles ist da, wo es sein soll.

Die Wagenbewohnerinnen sind Nachbarinnen der Familie Eichwäldli, die in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen in den Medien sorgte. Im Gegensatz zu den Eichwäldli-Bewohnerinnen hat der Wagenplatz beim Salzlager nach wie vor einen gültigen Mietvertrag mit der Wohngenossenschaft EBG, der per Ende September ausläuft.

Anschliessend wird da gebaut. Und was dann? Dann gehe man weiter, so der Konsens. Das sei ja genau der Vorteil eines Wagenplatzes: Man kann ungenutzte Flächen für eine Zeit beleben und zieht weiter wenn der Ort durch einen sinvollen Zweck weiterbelebt wird.

Die Suche nach dem neuen Zuhause

Einen neuen Platz habe die Gemeinschaft bisher noch nicht bestätigt bekommen. «Mit Velo und Auto sind wir schon die ganze Region abgefahren und haben nach neuen potenziellen Orten gesucht. Und wir haben tatsächlich ein paar gefunden. Seither sind wir in Gesprächen mit den Gemeinden Luzern, Kriens und Emmen», so Mirjam. Auch wenn die Bewohner des Wagenplatzes willig sind, den Platz per Ende September zu verlassen, ist eines klar: «Für uns gibt es keine andere Option, als an einem anderen Ort in dieser oder ähnlicher Form weiterleben zu dürfen.»

«Klar wollen wir, dass unsere alternative Wohnform in Luzern Platz hat, und laden die Menschen auch dazu ein, uns kennenzulernen. Aber wir wollen niemanden eines Besseren belehren.»

Nik, Wagenplatzbewohner

In der Gruppe gibt es Personen, die sich auch aus politischer oder ideologischer Überzeugung für die beschriebene Wohnform entschieden haben. «Wir sind aber nicht missionarisch unterwegs. Klar wollen wir, dass unsere alternative Wohnform in Luzern Platz hat, und laden die Menschen auch dazu ein, uns kennenzulernen. Aber wir wollen niemanden eines Besseren belehren. Wir leben für ein Miteinander», führt Nik aus.

Die Gruppe wünscht sich derzeit hauptsächlich eins: Die Zusage für einen neuen Platz seitens einer Gemeinde, oder aber eine solche von einer Privatperson. «Wir arbeiten alle daran und hoffen das Beste», so Lena. Nicht zuletzt dürfte den Wagenplatz-Bewohnerinnen auch das kleine Festival, welches sie für den August planen, dazu verhelfen, Kontakte zu knüpfen und dadurch ein neues Zuhause zu finden.

Nach dem Essen wird noch der neu angelegte Garten gezeigt sowie die holzbeheizte Sauna, die Stube, die Küche, das eigene Stromkraftwerk, bestehend aus Solarzellen, sowie vieles mehr. «Für die kalten Wintertage sind alle unsere Wagen mit Holzofen ausgestattet.» Mirjam kommentiert schmunzelnd: «Unser Winterparfüm riecht nach Buche.»

Wir verabschieden uns. Der Wagenplatz – das zeigte der Besuch – ist ein Ort, aus dem mit Pragmatismus, ein wenig Idealismus und viel Kreativität eine Oase mit viel Freiheiten entstanden ist.

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4 Kommentare
  1. Dunning-Kruger, 01.06.2021, 15:04 Uhr

    Nochmals ein schwärmerisches Detail: Warum wird im Artikel so gerne das Wort «Fahrrad» kolportiert, von den vor dem Salzlager regelmässig abgestellten mind. fünf Automobilen (selbstverständlich Gratisparkplätze) aber kein Wort erwähnt? Ich gebe die Antwort direkt selber – passt wohl nicht ins Bild, welches der Öffentlichkeit vermittelt werden soll. Auch die inhaltliche Abgrenzung zu den Eichwäldlionesen ist reine Publicity, da der Druck im Kessel nun unaufhörlich steigt und man gegen aussen ja nicht mit den Hausbesetzern in Verbindung gebracht werden möchte, da massiv rufschädigend. Mit sachlicher Berichterstattung hat dies jedenfalls nichts gemein. Warum bildet man nicht mal ein aufschlussreiches Interview mit der EBG ab? Was ist der Plan B, wenn die Wagenfamilie mit ihrem Trekk doch nicht fristgerecht abzieht. Hier gäbe es ein wahrhaftiges Informationsbedürfnis.

  2. verena voser, 31.05.2021, 22:25 Uhr

    schade. einmal mehr ein schwärmerischer und romantisierender artikel ohne informationsgehalt. was ich nun weiss: 15 leute bewohnen 15 wagen, und die neue bewohnerin will auch einen eigenen bauen. jeder wagen ist mit einem holzofen ausgestattet. jeder braucht also sein traumhäuschen und sorgt mit der heizung für einen genügend grossen ökologischen fussabdruck. alternative lebensweise? wirklich?

  3. Ferdi Spaeti, 30.05.2021, 20:05 Uhr

    «Mittagstisch» ? 😂😂😂😅😅😅

  4. Nachbar, 30.05.2021, 19:54 Uhr

    Faszinierend, das es aber Anfang des Jahres ein klärendes Gespräch zwischen der ach so friedlichen Wagenburg und der Genossenschaft gab, da sich etliche Nachbarn wegen extremer Lärmbelästigung gab wurde wohl nicht erwähnt? Das es seit Jahren Beschwerden wegen der Rauchentwicklung gibt auch nicht…
    Viel Glück für die nächsten Nachbarn.

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