Salamitaktik bei den Kremationsgebühren?
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700 Einäscherungen hat die Stadt Luzern bisher jährlich bezahlt: Damit soll jetzt Schluss sein. (Bild: Andre Doreto Santos)

Luzerner Abstimmung vom 28. Februar Salamitaktik bei den Kremationsgebühren?

4 min Lesezeit 3 Kommentare 01.02.2016, 05:00 Uhr

Nur zwei Jahre, nachdem die Stadt Luzern Friedhofsgebühren eingeführt hat, sollen den Nachkommen bald auch Kremationen verrechnet werden. «Wir machen das nicht gerne», sagt der zuständige Stadtrat. Doch er hat die Rechnung ohne einen bisher kaum bekannten Verein gemacht.

Neun von zehn Luzernerinnen und Luzernern lassen sich nach ihrem Tod verbrennen, Tendenz steigend. Wer zuletzt in der Stadt Luzern wohnte, musste dafür bis anhin nichts bezahlen: Als günstigste Bestattungsvariante ist ein Urnenreihengrab gratis (genauso wie ein Reihengrab bei Erdbestattungen). Die Stadt übernahm dazu die Kosten der Kremation. Denn sie profitierte auch vom Trend zur Kremation: Ein Urnengrab verursacht nur etwa zehn Prozent der Arbeit einer Erdbestattung und braucht einen Drittel des Platzes.

Spareffekt: 310’000 Franken

Doch damit soll nun Schluss sein. Im Rahmen des Sparpakets («Haushalt im Gleichgewicht») schlägt die Stadt als eine von 83 Massnahmen vor, Kremationen für Einheimische nicht mehr zu bezahlen. Bisher waren das jährlich rund 700 Kremationen. 310’000 Franken will die Stadt damit jährlich sparen.

Der Kremationsverein Luzern ist damit nicht einverstanden und hat das Referendum ergriffen: «Wir haben 1400 Unterschriften gesammelt, ohne je auf der Strasse gewesen zu sein», berichtet Präsident Hansjörg Kaufmann: «Mit den Gebühren wird die Kremation als Bestattungsform benachteiligt. Das stört uns.»

«Bei den Bestattungsgebühren haben wir auf das Referendum verzichtet, weil die Kremation kostenlos blieb.»

Hansjörg Kaufmann, Kremationsverein

Kremationsverein beklagt Salamitaktik

Eigentlich sei der Verein bereits nicht einverstanden gewesen, als die Stadt 2014 Bestattungsgebühren eingeführt hat: «Eine Feuerbestattung kostet die Stadt viel weniger als eine Erdbestattung. Trotzdem sind die Gebühren unverhältnismässig hoch.» Doch zumindest sei die Kremation gratis gewesen. Deshalb habe man sich nicht gewehrt: «Vor zwei Jahren haben wir nur darum auf das Referendum verzichtet, weil wenigstens die Kremation kostenlos blieb.» Dass man diese nun in Rechnung stellen will, sei unfair, so Hansjörg Kaufmann: «Wir haben das 15 Jahre lang bekämpft. In meinen Augen ist es eine Salamitaktik, dass man nun doch dafür bezahlen soll.»

Diesen Vorwurf weist Stadtrat Adrian Borgula zurück. Als Umweltdirektor ist er auch Herr der Friedhöfe: «Eine Salamitaktik gibt es nicht. Als wir die Sparmassnahmen erarbeitet haben, hat eine externe Untersuchung ergeben, dass es bei den Kremationen noch Spielraum gibt.» Ganz bewusst gebe es je ein Angebot bei Erdbestattung und Urnenbestattung, die gratis seien, so Borgula: «Und diese bleiben auch weiterhin gratis.»

Hansjörg Kaufmann vom Kremationsverein ist damit jedoch nicht zufrieden: «Die Kremation muss man ja so oder so zahlen.» Für die Nachkommen spiele es keine Rolle, wo die Kosten anfallen: «Eine Feuerbestattung gibt es daher nicht mehr kostenfrei, eine Erdbestattung schon. Der Kompromiss von 2014 wird auf Kosten der Kremation total verfälscht.

So teuer sind Bestattungen für Verstorbene mit letztem Wohnsitz in der Stadt Luzern:

Erdbestattungen

 

Reihengrab (20 Jahre)

gratis

Privatgrab (Einzel- und Familiengrab und weitere)

800.−

Gemeinschaftsgrab ohne Name

800.−

Urnenbestattungen

 

Urnenreihengrab (10 Jahre)

gratis (+495.− Kremation)

Privatgrab (Einzel- und Familiengrab und weitere)

400.− (+495.− Kremation)

Gemeinschaftsgrab ohne Name

350.− (+495.− Kremation)

Gemeinschaftsgrab mit Name

500.− (+495.− Kremation)

Hinzu kommen ausser bei Gemeinschaftsgräbern weitere Kosten wie etwa Grabstein (>3000.− Franken) und jährliche Pflege (>100.− Franken). Hansjörg Kaufmann bezeichnet die Gratisangebote deshalb als «Lenkungsmassnahmen», die meist nicht die günstigste Option darstellten.

In der Agglo muss man bereits zahlen

Es mache dem Stadtrat keine Freude, diese bisher freiwillige Leistung nun streichen zu müssen, sagt Adrian Borgula: «Aber sie ist im Rahmen des gesamten Programms vertretbar. Schliesslich stehen wir damit nicht alleine da.» Tatsächlich müssen in allen Agglomerationsgemeinden die Hinterbliebenen für die Kremation aufkommen. Hansjörg Kaufmann lässt dieses Argument nicht gelten: «Wenn die anderen das falsch machen, muss es die Stadt Luzern nicht nachmachen.»

«In Härtefällen kann man ein Gesuch stellen, dann übernehmen wir die Kosten.»

Adrian Borgula, Stadtrat Grüne

Wenn sich jemand die Kremationskosten nicht leisten kann, muss er nicht im Sarg unter die Erde. Adrian Borgula: «In Härtefällen kann man auch weiterhin ein Gesuch stellen, dann übernehmen wir die Kosten.» Allerdings ist die Stadt von Gesetzes wegen sowieso verpflichtet, jeder und jede zu bestatten. Hansjörg Kaufmann findet deshalb: «Die Stadt ist nicht grosszügig, sie macht einfach, was sie muss.»

Dass dies die letzte Gebührenerhöhung bei den Bestattungen ist, kann Adrian Borgula nicht versprechen: «Wir gehen davon aus, dass wir mit all den Massnahmen den Haushalt der Stadt wieder ins Gleichgewicht bringen.»

Konsumentenschützer auf dem Friedhof

Ende 19. Jahrhundert galt die Kremation als aufgeklärte, moderne Art der Bestattung, war aber von der katholischen Kirche verboten und musste selber bezahlt werden. Der Kremationsverein war bei seiner Gründung 1926 ein Selbsthilfeverein jener Luzernerinnen und Luzerner, die sich kremieren lassen wollten, es sich aber nicht leisten konnten. Seit 1970 übernimmt die Stadt die Kosten für die Kremation.

«Heute sind wir eine Art Konsumentenschutz-Organisation für jene Menschen, die sich langsam mit dem Sterben beschäftigen», erklärt Präsident Hansjörg Kaufmann. Viele Menschen würden sich bei der Pensionierung für einen Beitritt entscheiden. Der Verein bezahlt seinen Mitgliedern den Sarg, das Einkleiden und Einsargen und eine einfache Urne. Der Kremationsverein Luzern hat rund 2200 Mitglieder, davon über 1000 in der Stadt.

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3 Kommentare
  1. rolf, 15.11.2020, 18:42 Uhr

    Danke für den interessanten Beitrag über die Kremation, Herr Runge.Ich hätte nie gedacht, dass man bei dieser art der Bestattung so viel Geld sparen könnte.Ich werde jedenfalls nun darüber nachdenken einem Verein beizutreten und unnötige kosten vorzubeugen.Danke!

  2. Hansjörg Kaufmann, 02.02.2016, 11:38 Uhr

    Der Kremationsverein Luzern hat gegen die willkürlichen Gebühren, die die Kremation massiv benachteiligen, das Referendum ergriffen. Auch die SVP hat sich am 22. Oktober 2015 im Grossen Stadtrat einstimmig gegen die Kremationsgebühren ausgesprochen. Die SVP-Fraktion beantragte, die Massnahme zu streichen, um den Steuerzahlenden keine zusätzliche Gebühren aufzubürden.
    Hansjörg Kaufmann

  3. Pascal Kalbermatten, 01.02.2016, 21:34 Uhr

    Was will die SP? Die SP setzt sich für Gratis Kremationen für alle ein. Warum soll jemandem, der es sich leisten kann (konnte), die Kremation von der Stadt bezahlt werden?
    Es macht Sinn, dass die Stadt die Kosten übernimmt, falls ein Verstorbener mittellos ist- ansonsten sollen die Kosten selber getragen werden.
    Die gleiche SP, welche für Erbschaftssteuern gekämpft hat, will nun hier mit der Giesskanne Geschenke an Erben verteilen. Es ist schade, wenn wertvolle Steuergelder zur Profilierung vor den Wahlen missbraucht werden.

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