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Rumschnüffeln im Asylzentrum
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Hier büffeln Asylsuchende Deutsch. Das müssen sie zwar, der Kurs ist aber trotzdem beliebt. (Bild: fam)

Wie wohnen Zuger Flüchtlinge? Rumschnüffeln im Asylzentrum

6 min Lesezeit 10.04.2015, 08:19 Uhr

Sie leben hier am Rand der Stadt in einer Art freiwilligen Zwangsgemeinschaft: Das alte Kantonsspital ist das grösste Zentrum für Asylsuchende des Kantons. «Sie sind zwar frei», sagt die Amtsleiterin. Aber doch nicht ganz.

Mehrere Windstärken werfen den Zugersee in Falten und in diesen Räumen hätte man gute Sicht darauf. Asylsuchende bekommen Wohnungen mit Seesicht, haben übellaunige Kommentatoren schon früh geschrieben; als klar wurde, wer in die leeren Zimmer des ehemaligen Kantonsspitals ziehen wird. Da würde ich auch gern wohnen.

Aber in diesem Zimmer hier sind die Vorhänge zugezogen. Die Bettwäsche gerade und klar gefaltet. An der Wand ein kleiner buddhistischer Schrein, ein kleines Licht darin ist an, die Bewohner sind ausgeflogen. Die Seesicht ist nicht ihr dringendstes Problem. Es ist beklemmend, dass der Aufseher die Zimmer öffnen darf – als würde der Vermieter einfach mal so zuhause rumschnüffeln, wenn man nicht da ist.

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Aber Yousif Al Saky gibt sich Mühe und klopft fünf Mal an, bevor er öffnet. Und leise «Guten Morgen?» sagt. Er ist hier zusammen mit vier Kollegen fürs Büro des Hauses zuständig. Rund 125 Asylsuchende leben auf drei Stöcken im alten Kantonsspital, zu dritt, zu viert in einem Zimmer. Wenn mehr kommen, wird es enger. Erwachsene Menschen, die sich kleine Räume teilen, die Matratze ist keine 90 Zentimeter breit.

«Es gibt Regeln im Haus»

Die Zimmer sind von ihren Bewohnern liebevoll eingerichtet, die Möbel aus dem Brocki geholt oder sonst zusammengewürfelt. «Es ist eine Zwangsgemeinschaft, das ist klar», sagt Jris Bischof, die Leiterin des Kantonalen Sozialamts. «Die Leute sind zwar frei, können auch jederzeit gehen. Aber es gibt Regeln im Haus.»

Kein Besuch nach zehn Uhr, kein Alkohol, wer zu Besuch kommt, muss sich anmelden und eine Identitätskarte hinterlegen. «Sonst würden hier plötzlich ganz andere Leute wohnen», sagt Bischof, «und wir hätten gar keine Kontrolle mehr.»

«Dass Familien in einem Zimmer leben müssen, sind sie sich zwar aus den Flüchtlingslagern gewohnt. Es ist trotzdem unwürdig.»

Jris Bischof, Leiterin Kantonales Sozialamt

Zwangsgemeinschaft ja, aber zumindest theoretisch eine freiwillige: Die Asylsuchenden könnten auch in einer Wohnung leben, wenn sie eine finden würden, die man bezahlen kann. «Aber das ist im Kanton Zug sehr schwierig», sagt Bischof.

Zu viert in einem Zimmer

Erwachsene Asylsuchende erhalten einen Grundbedarf von 449 Franken im Monat. Davon müssen sie sich Nahrungsmittel kaufen, Kleider und Hygieneartiekel und Busbillette. «Die Meisten gehen deshalb zu Fuss von hier ins Stadtzentrum», sagt Bischof. Um Geld zu sparen. Wenn sie Sozialhilfe beziehen, wird ihnen Geld für eine Wohnung angerechnet, für zwei Personen sind das maximal 1430 Franken, für drei 1760.

Die Zuger Wohnungsinserate fangen da erst an. Zudem ist es für Asylsuchende besonders schwierig, eine Wohnung zu bekommen. «Für Familien versuchen wir, möglichst schnell eine Wohnung zu finden. Dass sie bis dahin in einem Zimmer leben müssen, sind sie sich zwar aus den Flüchtlingslagern gewohnt. Aber es ist trotzdem unwürdig.»

Mehr Leute? Mehr Betten.

302 Flüchtlinge und Asylsuchende wohnen in privaten Zuger Wohnungen. Für alle anderen gibt es diese Möglichkeiten: Rund 60 Unterkünfte für Asylsuchende betreibt der Kanton, 727 Menschen sind in ihnen einquartiert. Platz gibt es für maximal 850, wenn man die Räume mit Betten auffüllt.

Die Unterkunft im alten Kantonsspital ist die grösste. Und trotz ihres Standorts in der Stadt ist sie auf ihre Art abgelegen: Man muss das ganze Areal umrunden, will man den Haupteingang finden. Zwischen Bahngleis und Hauptstrasse gequetscht steht hier diese Heimat auf Zeit, ein Provisorium für alle Beteiligten. Steht nur solange, bis die Politik sich darüber einig geworden ist, was hier an Stelle des alten Kantonsspitals hin soll.

Hitzige Diskussionen

Seit Ende Oktober sind auf drei Stöcken Asylsuchende einquartiert, davor waren auch schon welche da, aber weniger: Die beiden neuen Stöcke bildeten den «Notfallplan» des Kantonalen Sozialamts. Im Moment werden dem Kanton nicht so viele Asylsuchende zugewiesen, deshalb gibt es etwas mehr Platz in den Zimmern. Aber das kann sich schnell ändern. «Die Stimmung im Haus ist gut», sagt Bischof, die Amtsleiterin, «es ist sehr ruhig.»

Al Saky nickt und sagt, man führt  ab und zu hitzige Diskussionen, «aber die gibt es ja überall.» Er ist die Anlaufstelle für alle möglichen Probleme der Asylsuchenden, vom Telefonieren bis zum Arzt Aufbieten: «Wir helfen immer, sobald es Probleme gibt. Ich kann Arabisch», sagt der Iraker, «und die Eritreer zum Beispiel können auch etwas Arabisch, dann kann ich ihnen weiterhelfen.» Sagt er und klopft an ein weiteres Zimmer, hier wohnen drei Männer, zwei Chinesen und ein Eritreer.

Das Zimmer ist so gross wie ein mittleres Kinderzimmer in einem Schweizer Haushalt. Auch hier, niemand da. «Sie sind alle im Unterricht», sagt Al Saky, «gegen Mittag wird es lebendiger.» Wenns ans Kochen geht. Jeder Stock verfügt über eine kleine Küche. Sie sehen behelfsmässig aus, sind aber exakt so geplant. Alte Elektro-Herde, Dampfabzüge, die mit Bau-Klebeband zusammengehalten werden. «Das System funktioniert perfekt so», sagt Bischof, «die Bauleitung hat das für uns extra so eingebaut.» Die Herde haben Zeitschaltung, wer hier kocht, muss dabeibleiben. Zum Essen gehts aufs Zimmer, Essräume gibt es keine.

«Er eröffnet ihnen die Welt»

Die letzten freien Zimmer sind dem Unterricht vorbehalten: Die Asylsuchenden nehmen Deutschkurse, im untersten Stock sind fünf Klassenzimmer eingerichtet. Da stehen Sätze an der Wand, für die richtige Gelegenheit: «Können wir bitte eine Pause machen?», steht da. Und: «Können Sie das bitte nochmal erklären?»

Die Stunden sind obligatorisch, aber trotzdem beliebt. «Sie geben eine Tagesstruktur», sagt Al Saky. Und die Amtsleiterin Bischof ergänzt: «Die Meisten gehen gerne in den Deutschunterricht: Er eröffnet ihnen die Welt hier. Und für uns ist das ein grosses Anliegen. Auch im Durchgangszentrum nehmen die Asylsuchenden bereits Deutschkurse.»

Wer nicht aufkreuzt, dem drohen Sanktionen, monetäre. «Dann bekommen sie zum Beispiel 50 Franken weniger im Monat.» Die Schulzimmer sind die Treffpunkte des Hauses, Gemeinschaftsräume gibt es sonst keine. Für das Amt sei das Gebäude ein Glücksfall. «Die Gänge sind schön breit, es ist hell und ruhig.» Das einzige, was fehlt, ist ein Gemeinschaftsraum für die Kinder, sagt Bischof. «Damit die irgendwo ausserhalb des Familienzimmers spielen können. Das wäre ein Traum, aber dafür fehlt der Platz.»

 

Asylsuchende im Kanton Zug

Der Bund weist dem Kanton Zug 1.4 Prozent aller Asylsuchenden zu. Seit 1999 schwanken die Zahlen der Asylsuchenden im Kanton zwischen rund 485 (2006) und 1114 (1999). 2014 waren 1050 Asylsuchende im Kanton untergebracht.

Sie durchlaufen drei Phasen.

Phase Dauer Art der Unterkunft Fokus der Betreuung
1 7-12 Monate

Durchgangsstation Steinhausen (Erstaufnahmezentrum) Eingewöhnung an die schweizerischen Lebensverhältnisse
2 Bis zum Zeitpunkt des Asylentscheids oder der Aufenthaltsbewilligung

Dezentrale Unterkünfte des Kantons oder selbständiges Wohnen in Privatwohnungen Förderung der Selbständigkeit, Beschäftigung oder berufliche Integration
3 Nach Nichteintretens-Entscheid oder negativem Asylentscheid Notunterkünfte für Einzelpersonen, normale Unterkünfte für vulnerable Personen Minimale Nothilfe für ausreisepflichtige Personen (auf Antrag)

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