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Ruhig mal das Maul aufreissen
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«Verona 3000» verabschiedet sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von der Bühne. (Bild: jav)

Jugendprojekt «Verona 3000» Ruhig mal das Maul aufreissen

5 min Lesezeit 12.06.2014, 12:00 Uhr

Die Dernière des Musical-Projekts ist vorüber. Mehr als zwei Jahre Arbeit haben sich ausbezahlt. Das Publikum ist begeistert, die jungen Spieler feiern. Doch jetzt ist es Zeit für die Abrechnung und die Frage: Hat sich das Projekt für die Organisatoren auch finanziell gelohnt?

Um Mitternacht nach der letzten Aufführung von «Verona 3000» ist der Vorplatz der Mehrzweckhalle auf der Luzerner Allmend noch immer voll. Das Ensemble und die Helfer feiern ihren Erfolg. Und Daniel Korber, der Regisseur des Musicals zieht Bilanz. Was er denn nun geplant habe, ist die erste Frage. «Ferien!», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Das ganze Team habe in den letzten Monaten viele Opfer gebracht, alle Kraft investiert und das ganze Projekt in schwachen Momenten auch mal verflucht, sagt Korber. Nun sei er reif für eine Auszeit und ergänzt: «Danach möchte ich auch selbst mal wieder auf der Bühne stehen».

Gross träumen. Gross denken.

«Wenn ich zurückschaue, hatte ich eine komplett andere Vorstellung im Kopf. Es ist grossartig, wie sich die Dinge entwickelt haben», sagt der 26-jährige Regisseur. Teilweise habe er seine Vorstellungen zurückschrauben müssen. Andererseits sei er von Ideen und Ergebnissen auch überrascht worden. «Ich bin überzeugt, dass wir uns selber überlistet haben. Wir haben die Klappe soweit aufgerissen, dass wir die hohen Erwartungen dann auch erfüllen mussten», lacht er. «Man muss gross träumen. Gross denken. Man wird immer wegmeisseln müssen. Und so steht auch am Schluss noch etwas Grosses da», ist Korber überzeugt.

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Es sei ihm wichtig gewesen, eine andere Art von Theater zu machen und dabei «ernsthafte Anliegen an die Welt haben, greifbar sein, politische Besorgnis ausdrücken», sagt Korber. Er habe keine «Collage» machen wollen, nicht den Zuschauern den Teppich wegziehen, wie es im zeitgenössischen Theater momentan üblich sei. Und offensichtlich hat es funktioniert. Die Geschichte von «Romeo und Julia im dritten Jahrtausend» begeistert. Und sogar aus der Riege der «selbsternannten Musical-Hasser» hätten sich so einige Zuschauer geoutet.

Viel wurde in den letzten Monaten über das Jugend-Musical-Projekt geschrieben. Über Kreativität und viel über Herzblut, aber wenig über die Finanzen. «Ich wollte während des Schaffensprozesses nichts von Zahlen wissen, wollte mich komplett auf die Arbeit fokussieren», gibt Korber zu. Doch jetzt ist die Arbeit vorbei, der kreative Prozess abgeschlossen und es wird gerechnet.

700’000 Franken

Die Zahlen sind beeindruckend. 7’900 Zuschauer haben sich das Stück angesehen, 700’000 Franken hat die Produktion gekostet. Bei lediglich 20 Prozent lag die Auslastung am Tag vor der Première. Bei 82 Prozent liegt sie nun am Schluss. Ungefähr 230 Helfer zwischen 15 und 27 Jahren engagierten sich für das Projekt, davon 25 auf der Bühne. 19-mal wurde das Stück aufgeführt. Gefühlte 40 Grad betrug die Temperatur während der Dernière in der Halle und fünf Pärchen entstanden unter den Musikern und Ensemble-Mitgliedern während der Produktion.

«Wenn die Gesellschaft solche Projekte möchte, muss sie auch bereit sein, für die Arbeit von Kulturschaffenden zu zahlen.»

Melanie Gabriel, Produktionsleiterin Verona 3000

Produktionsleiterin Melanie Gabriel hofft nun auf schwarze Zahlen. Die Schlussrechnung kann erst in einigen Wochen gemacht werden. «Es würde mich sehr treffen, wenn wir am Schluss finanziell nicht rauskämen. Wenn jene Leute, welche am meisten Zeit, Energie, Herzblut und vor allem Vertrauen reingesteckt haben, am Schluss noch aus eigener Tasche drauflegen müssten.» Denn die Produktion entstand auf eigenes finanzielles Risiko der Organisatoren hin. «Wenn wir nicht rauskommen, dann wird die allermeiste Arbeit nicht entlöhnt. Es müssten ungefähr 260’000 Franken mit Tickets reinkommen, damit wir in den schwarzen Zahlen sind», sagt Gabriel und ergänzt: «In diesem Fall würden wir aber trotzdem noch etwa 40 Prozent der eigentlichen Personalkosten als Eigenleistung verbuchen».

Das Projekt wurde vom Bundesamt für Sozialversicherung als «Partizipationsprojekt von gesamtschweizerischer Bedeutung» unterstützt, wie auch von diversen Stiftungen und den Kantonen Luzern, Nidwalden und Schwyz. «Zusätzlich hatten wir als Presenting Partner das LUCERNE FESTIVAL und später auch das Migros Kulturprozent. Weil es aber sehr schwierig war, Sponsoren zu finden und wir deshalb in finanzielle Engpässe kamen, mussten wir die Eigenleistung noch höher schrauben. Wir haben auch eine Crowdfunding Kampagne und ein Gönnersystem entwickelt», erklärt Gabriel und gibt zu bedenken: «Wenn die Gesellschaft solche Projekte möchte, muss sie auch bereit sein, für die Arbeit von Kulturschaffenden zu zahlen, denn ein zweites Mal würde wohl keiner von uns ein solch grosses finanzielles Risiko und so grosse Entbehrungen auf sich nehmen.»

Alles war neu

Doch nicht nur finanziell stellte die Produktion ein Risiko dar. «Die grösste Herausforderung war, dass wir ohne ein Netzwerk und ohne finanzielle Mittel starteten. Wir hatten auch keinen Spielort, keinen Verein, mussten die Leute zuerst ausbilden», sagt Korber. Dramaturgin Irina Müller und Kostümbildnerin Martina Henzi erinnern sich an einige Überaschungsmomente, wie den ersten Blick auf das Bühnenbild. «Die Grösse hat auch uns im ersten Moment umgehauen», sagt Henzi. Durch die Musik von Komponist und Mit-Initiant Joseph Sieber habe sich für sie erst ein Bild des Ganzen ergeben, sagt Müller, die sich vorher hauptsächlich mit den Texten auseinandersetzte. Ein schwieriger Moment war für Müller hingegen der erste Durchlauf Ende März. «Alle liefen noch mit ihren Textblättern auf der Bühne rum. Der Durchlauf dauerte fast acht Stunden», erinnert sie sich schaudernd.

«Ich fühlte mich zuerst wie bei ‹Popstars›.»

Stefan Schönholzer, Ensemblemitglied Verona 3000

Zweifel an der Produktion oder der Idee seien auch in schwierigen Situationen nie entstanden, sind sich die künstlerischen Chargen und die Spieler einig.
Ensemblemitglied und Rapper Stefan Schönholzer musste sich aber erstmal daran gewöhnen, in einem «Musical» mitzuspielen. «Ich fühlte mich zuerst wie bei ‹Popstars›. Ich hatte das Gefühl, ich sei zu alt und komplett fehl am Platz», lacht Schönholzer, Jahrgang 1988. Aber mit der Zeit hätten ihn die Leute immer mehr überzeugt. Das Projekt an sich hielt er lange für unmöglich. «Ich wusste, dass jeder 10. Luzerner kommen müsste, damit es aufgeht.» Aber die Motivation sei dadurch nur noch grösser geworden. Ensemblemitglied Norina Bühlmann weiss noch gar nicht, was sie sagen soll, abgesehen von: «Ich wünschte, es wäre nicht fertig.»

«Irgendwie geht es weiter. Die Kreativität dieser Verona-Welle muss weiter genutzt werden», ist Dramaturgin Müller überzeugt. In zwei Wochen finde das Abschlussfest statt und bis dahin würden wohl noch fleissig Ideen für die Zukunft der Verona-Familie gesammelt. Korber möchte mit allen eine Sternwanderung machen. Einfach so.

 

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