Rudolf Hauri wurde mit Corona vom Kantonsarzt aus Zug zum schweizweiten Experten
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Dr. med. Rudolf Hauri, Kantonsarzt Zug, in seinem Büro (Bild: Fabrizio Vignali)

«Virus wird uns noch sechs Monate in Atem halten» Rudolf Hauri wurde mit Corona vom Kantonsarzt aus Zug zum schweizweiten Experten

5 min Lesezeit 5 Kommentare 02.01.2021, 05:00 Uhr

Was bringen flächendeckende Coronatests? Wird mit einer Impfung gegen Covid-19 die Krise ausgestanden sein? Rudolf Hauri, Präsident der Schweizer Kantonsärzte, liefert Antworten. Und er erzählt, wie er das Jahr ohne Ferien erlebt hat.

Für viele Leute war 2020 ein Jahr zum Vergessen. Nicht so für Rudolf Hauri (60). Der Zuger Kantonsarzt und Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und -ärzte der Schweiz (VKS) blickt auf ein Jahr zurück, das ihm so viel Arbeit bescherte wie kein anderes zuvor.

Ferien habe er heuer keine gehabt, sagte er zentralplus in einem Gespräch am Weihnachtstag. Auch in den ruhigeren Sommermonaten war er mit der Pandemie und seinen normalen Aufgaben so beschäftigt, dass sich freie Tage nie aneinanderreihten.

Auch am Sonntag gibt’s Arbeit

Derzeit sind die Sonn- und Feiertage für Hauri einfach daran zu erkennen, dass die Arbeitszeit ein wenig kürzer ausfällt als sonst: Er versuche, die dringenden Sachen in vier bis sechs Stunden zu erledigen, sagt er.

Jammern mag er nicht. Sondern er zeigt sich im Gegenteil erleichtert, dass er auch während der Pandemie seinen normalen Arbeitsrhythmus beibehalten konnte. Will heissen: Nicht in aller Herrgottsfrühe beginnen zu müssen, sondern für einen «normalen» Arbeitstag «erst» zwischen halb acht und neun Uhr im Büro erscheinen zu können.

Interessante Menschen kennen gelernt

Danach arbeite er bis kurz vor 20 Uhr, fahre anschliessend nach Hause, um mit seiner Familie zu Abend zu essen. Danach setze er sich zu einer Spätschicht nochmals an den Computer und arbeite von 21.30 bis kurz vor Mitternacht. «Ich kann gut in der Nacht arbeiten.»

Das Jahr 2020 sei für Rudolf Hauri «enorm herausfordernd gewesen», habe ihm aber auch viele neue, interessante Kontakte ermöglicht: Politiker, Mediziner, Forscher, Menschen aus der Bevölkerung. Einiges war komplett neu – etwa derart im medialen Rampenlicht zu stehen.

Im Zug nach Bern

Als er 2017 zum VKS-Präsidenten gewählt worden sei, habe er sich nie und nimmer vorstellen können, dass damit so viel Aufmerksamkeit verbunden sein könnte. Das Amt bedeute in pandemiefreien Jahren vor allem, zwei zweitägige Treffen der Kantonsärzte vorzubereiten, durchzuführen und auszuwerten, sagt er.

Zu den regelmässigen Medienkonferenzen in Bern fährt Hauri im Zug. «So kann ich während der Reisezeit arbeiten.» Die Fahrt nach Bern verbinde er immer auch mit einem Besuch beim Bundesamt für Gesundheit. «Ich versuche möglichst viele Dinge miteinander zu kombinieren», so Rudolf Hauri.

Auch bei der Arbeit als VKS-Präsident sei er oft gleichzeitig Zuger Kantonsarzt. Insgesamt schätzt er den Aufwand für die Vereinigung der Kantonsärztinnen und -ärzte der Schweiz derzeit auf 20 Prozent seiner Zeit.

Hauri sagt, was Sache ist

Hauri ist für die Medien zum begehrten Interviewpartner geworden. Nicht nur, weil er aufmerksam und fachlich sattelfest ist. Sondern auch, weil er auf dem Boden geblieben ist, sich nüchtern äussert, nicht übertreibt und auch Unzulänglichkeiten einzuräumen bereit ist. Ein Mediziner, der in die Verwaltung eingebunden ist, sich aber dennoch intellektuelle Unabhängigkeit bewahrt hat.

«Irgendwann werden wir hoffentlich in der Lage sein zu sagen: Die Pandemie ist überstanden.»

Rudolf Hauri

Die Unabhängigkeit in seinem Urteil ist wohl auch der Grund, warum Rudolf Hauri überhaupt Zuger Kantonsarzt wurde. Obwohl im Kanton Zug aufgewachsen, praktizierte er nie vor Ort. Vielmehr war er während 18 Jahren als Gerichtsmediziner in Zürich tätig. Wobei er damals schon viele Fälle mit einem Bezug zur Zentralschweiz betreute, wie er sagt.

Nach der Jahrtausendwende wurde der Verantwortungsbereich des Kantonsarztes im Kanton Zug grösser, da er neu alle medizinischen und pflegerischen Zwangsmassnahmen im Kanton anhand eines Meldeobligatoriums überprüfen musste. Der Kanton Zug wandelte das Nebenamt in ein Vollamt um und wählte Rudolf Hauri 2001 mit Amtsantritt im April 2002. «Die Zuger Regierung suchte jemanden, der eine gewisse Unabhängigkeit besitzt, aber dennoch mit den lokalen Verhältnissen vertraut ist», sagt er.

Wo Flächentests Sinn machen

Was hält der Zuger Kantonsarzt von Flächentests, wie sie in Südbünden durchgeführt wurden? «Das kann in speziellen Fällen durchaus hilfreich sein», sagt er.

Flächendeckende Tests in der ganzen Schweiz halte er zwar für wenig sinnvoll, denn insgesamt seien die Fallzahlen dafür noch viel zu hoch. Ausserdem wiesen Schnelltests eine gewisse Fehlerquote auf. Und schliesslich seien es immer nur Momentaufnahmen. «Im Prinzip müsste man die Tests ja jeden Tag wiederholen, um die Angesteckten zuverlässig herauszufiltern.»

Aber um sich ein Bild über die Lage in einer begrenzten Region zu machen, seien die Tests es ein taugliches Mittel. Ausserdem, findet Hauri, könnten flächendeckende Tests helfen, die Lage in Einrichtungen wie grossen Schulen oder Heimen unter Kontrolle zu bringen und Spreader ausfindig machen. «Diesbezüglich sind sie sicher hilfreich.»

Selbstschutz bleibt wichtig

Eine grosse Herausforderung, die Rudolf Hauri derzeit beschäftigt, ist der Beginn der Impfaktion. «Aber es ist lediglich eine technische Herausforderung. Viel wichtiger ist, dass die Bevölkerung aufmerksam bleibt und sich schützt.» Dass Hygiene- und Distanzregeln eingehalten und nicht vergessen werden. «Dieses Verhalten aufrechtzuerhalten, ist aus meiner Sicht die allergrösste Herausforderung.»

Natürlich hofft Hauri, dass sich möglichst viele Menschen gegen Covid-19 impfen lassen. «Es ist eine wirklich gute Sache.» Die Pandemie werde damit aber noch nicht ausgestanden sein. «Es ist schwer vorauszusagen, aber ich vermute, dass das Virus uns noch mindestens im ersten Halbjahr 2021 in Atem halten wird», sagt Hauri.

Wunsch nach Entspannung

«Aber irgendwann werden wir hoffentlich in der Lage sein zu sagen: Wir haben die Pandemie überstanden», so Hauri, der dann auch wieder an Ferien denken könnte. Wohin es gehe, sei noch nicht entschieden. Vermutlich irgendwo in der Schweiz. «Ich mag die Berge», sagt Hauri. Auf dem Programm stehe dann neben dem Genuss der Natur nicht mehr viel.

«Es geht darum, möglichst gut zu entspannen im eigentlichen Sinne des Wortes», sagt Hauri. Einmal nicht ständig auf eintreffende Mails achten zu müssen und nicht dauernd am Telefon zu sein – das wäre sein Wunsch für 2021 nach dem Sieg über die Pandemie.

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5 Kommentare
  1. Egli, 03.01.2021, 19:49 Uhr

    Wo bleibt die Pandemie?

  2. Kurt Flury, 03.01.2021, 13:14 Uhr

    Experte in ein paar Monaten? Auch Herr Hauri kann uns nicht sagen was im Impfstoff enthalten ist, wie lange ein Geimpfter weiterhin eine Maske amtlich tragen muss und wie lange „der Schutz“ durch der Impfung anhält. Alles wichtige Fragen, die niemand beantworten kann/will.

  3. mebinger, 02.01.2021, 17:33 Uhr

    Ja, zum Experten in Panikverbreitung und ignorieren von Tatsachen

  4. Paul Bründler, 02.01.2021, 11:07 Uhr

    Todesfälle im Zusammenhang mit der „Jahrhundertpandemie“ (2020) in der CH: 7082 (Quelle BAG)
    Todesfälle infolge Tabakkonsums in der CH (jedes Jahr): 9500 (Quelle BAG)

    1. John, 02.01.2021, 16:33 Uhr

      Interessant auch das Durchschnittsalter: 86 bei Ersteren, weit höher als bei jeder anderen Todesart, höher auch als die allgemeine Lebenserwartung.

2021-01-25 11:33:26.627253