Rolf Dobelli: «Stolz und Luxus sind unsere Glücks-Killer»
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Rolf Dobelli, Luzerner Bestsellerautor. (Bild: zvg/Luca Senoner)

Neuer Rat vom Luzerner Erfolgsautor Rolf Dobelli: «Stolz und Luxus sind unsere Glücks-Killer»

6 min Lesezeit 30.09.2017, 10:47 Uhr

In den beiden bisherigen Ratgebern von Rolf Dobelli sind die wichtigsten 104 Denkfallen aufgedeckt worden: «Wir brauchen keine zusätzliche Schlauheit, keine neuen Ideen, keine Hyperaktivität – wir brauchen nur weniger Dummheit.» Überraschende Denkanstösse liefert der Luzerner auch mit seinem dritten Sachbuch. Dobelli ist auf der Suche nach der «Kunst des guten Lebens». Wie wir alle.

zentralplus: Rolf Dobelli, wir dachten, wir seien nach der Lektüre Ihrer beiden ersten Denkfallen-Bücher für die Zukunft gewappnet. Und jetzt sollen wir auch noch Ihr neustes Werk, sicherlich bald auch ein Bestseller, lesen. Weshalb? 

Rolf Dobelli: Bei der «Kunst des klaren Denkens» und «Kunst des klugen Handels» ging es um Denkfallen. Beim neuen Buch um Glücks-Killer, das heisst um Faktoren, die ein gutes Leben unmöglich machen. Wer diese Faktoren kennt, kann ihnen aus dem Weg gehen.

Liebt Luzern, aber schätzt die Lebensqualität in Bern höher ein:Rolf Dobelli.

Liebt Luzern, aber schätzt die Lebensqualität in Bern höher ein:Rolf Dobelli.

(Bild: zvg/Luca Senoner)

zentralplus: Helfen Sie uns bitte: Sie sind Meister im Zusammenfassen von Büchern. Bitte, tun Sie selbiges!

Dobelli: Das Buch enthält 52 Denk-Werkzeuge, die ein gutes Leben zwar nicht garantieren, aber wahrscheinlicher machen. Eine Zusammenfassung dieser 52 Tools würde diesen Rahmen sprengen. Jede Generation stellt sich die Fragen nach dem guten Leben neu. Die Antworten sind im Grunde stets enttäuschend.

zentralplus: Warum?

Dobelli: Weil man immer auf der Suche ist nach dem einen Prinzip, dem einen Grundsatz, der einen Regel. Doch diesen heiligen Gral des guten Lebens gibt es nicht. Auf verschiedenen Gebieten fand in den letzten Jahrzehnten eine stille Revolution des Denkens statt. In den Wissenschaften, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Medizin und in vielen anderen Bereichen hat man erkannt: Die Welt ist viel zu kompliziert, als dass wir sie mit einer grossen zusammenfassbaren Idee erfassen könnten. Wir brauchen einen Werkzeugkasten von vielen, unterschiedlichen Denkmethoden, um die Welt zu verstehen. Und genau so einen Werkzeugkasten benötigen wir auch für das praktische Leben. 52 Denkwerkzeuge habe ich im Buch dargestellt – die nicht auf einer Seite zusammenzufassen sind.

zentralplus: Was ist das Wichtigste im Leben, zumal im guten Leben?

Dobelli: Jene Faktoren auszuschliessen, die ein gutes Leben gefährden. Dazu gehören toxische Emotionen, idiotische Denkhaltungen und ein falsches Verständnis von sich und der Welt.

«Auf unser Bauchgefühl ist kein Verlass mehr. Darum brauchen wir neue mentale Werkzeuge.»

Rolf Dobelli, getAbstract-Gründer

zentralplus: Sie sagen: «Es gibt nichts Besseres als Bücher, um die Welt zu verstehen.» Und wir ziehen uns also zurück, verschanzen uns auf unser eigenes Glück. Ist denn die grosse weite Welt zu komplex geworden?

Dobelli: Die Welt ist sehr komplex geworden. Auf unser Bauchgefühl ist kein Verlass mehr. Darum brauchen wir neue mentale Werkzeuge.

zentralplus: Sie schreiben eine Art Ratgeber-Literatur, behaupten aber, Sie seien ein Anti-Ratgeber, ein Skeptiker. Das begreifen wir nicht: Wieso? Aufklärung, bitte!

Dobelli: Die meiste Ratgeber-Literatur besteht aus Meinungs-Vulkanen. Die dargestellten Tipps funktionieren manchmal, manchmal nicht. Ich versuche in meinen Büchern, wissenschaftlich fundiert zu argumentieren. Das meiste, was ich vertrete, sollte damit funktionieren.

zentralplus: Sie empfehlen, Bücher zum besseren Verständnis gleich zweimal hintereinander zu lesen. Weshalb schon wieder?

Dobelli: Weil der Wirkungsgrad des zweimaligen Lesens nicht doppelt, sondern zehnmal so hoch ist.

zentralplus: Sie sagen aber auch: «Versuchen Sie, mit einem Minimum an Informationen durchs Leben zu kommen. Sie werden bessere Entscheidungen treffen.» Aber auch die richtigen? 

Dobelli: Die meiste Information ist weisses Rauschen – im besten Fall unergiebig für Ihr Leben. Im schlimmsten Fall störend.

zentralplus: Sie lassen sich von Profischreibern inspirieren: Max Frisch und Philip Roth. Martin Suter gab Ihnen den Tipp, ein Buch wie ein Architekt mit einem Plan anzugehen. Wie sollen wir unser Leben, etwa 28’000 Tage, sinnvoll planen? 

Dobelli: Nun, mittlerweile bin ich auch so etwas wie ein Profischreiber geworden … (schmunzelt). Ziele sind wichtig. Aber es ist noch wichtiger, dass wir eine gesunde Distanz zu unseren Zielen einhalten. Das meiste zur Verwirklichung unserer Ziele ist von Faktoren abhängig, über die wir keine Kontrolle haben. Wer sich an seine Ziele kettet, wird am Boden zerstört sein, wenn er/sie sie nicht erreicht. Wenn wir hingegen eine gesunde Distanz zu unseren Zielen einhalten, kann uns das nicht passieren.

zentralplus: Sie verachten unseren Hunger nach News und plädieren für eine gesunde Nachrichtendiät. Wie sieht da die Ihre aus? 

Dobelli: Kein Fernseher, kein Radio, keine Zeitung. Ein Minimum an Nachrichten. Höchstens mal online zur Recherche.

zentralplus: Sie waren mal Manager bei der Swissair, sind jetzt Wissens-Manager, der auch ganz wenig Zeit hat. Oder sich nur wenig nehmen möchte? 

Dobelli: Für Dinge, dir mir wichtig sind – meine Familie, das Lesen und Schreiben von Büchern, die Stiftung world.minds –, nehme ich mir viel Zeit. Alles andere versuche ich, möglichst schnell zu erledigen.

«Luzern ist eine Postkartenstadt. Aber die Lebensqualität in Bern ist höher.»

Rolf Dobelli, Erfolgsautor

zentralplus: Sie haben lange in Luzern gelebt, jetzt sind Sie in Bern zu Hause. Was bedeutet Ihnen Luzern noch?

Dobelli: Ich liebe Luzern. Luzern ist eine Postkartenstadt. Aber die Lebensqualität in Bern – besonders für Familien – ist höher: weniger Gedränge, weniger Verkehrschaos, weniger Touristen.

zentralplus: Ihre Schwester Sonja Döbeli Stirnemann ist FDP-Fraktionschefin der Stadt Luzern. Was raten Sie ihr?

Dobelli: Nichts. Sie ist schlauer als ich. Sie braucht meinen Rat nicht.

zentralplus: Und was rät sie Ihnen? 

Dobelli: Vielleicht würde sie das selbe antworten. 

zentralplus: Als Sie 35 waren und den Bestseller «Fünfunddreissig» über eine Midlife-Krise schrieben, sagten Sie: «Mit 35 bist du genagelt.» Heute sind Sie 50plus. Und jetzt, welche Möglichkeiten für Veränderung gibt’s auch mit 51 noch? 

Dobelli: «Fünfunddreissig» ist ein Roman. Die Meinungen des Protagonisten decken sich nicht notwendigerweise mit den Meinungen des Autors. Meine Frau sagt immer: «Das Leben ist wie eine Sanduhr. Von den unzähligen Möglichkeiten am Beginn des Lebens verschliessen sich an einem gewissen Punkt einige, dann kriecht man durch den Flaschenhals, um dann im höheren Alter neue, andere Möglichkeiten für sich zu entdecken.»

zentralplus: Was war für Sie als Kind Ihr Traumberuf?

Dobelli: Pilot. Jetzt fliege ich zum Hobby.

zentralplus: Sind Sie ein guter Vater?

Dobelli: Da müssen Sie meine Frau und unsere Kinder fragen.

Schreibt gerne über Medien, aber hält wenig von Nachrichten: Rolf Dobelli.

Schreibt gerne über Medien, aber hält wenig von Nachrichten: Rolf Dobelli.

(Bild: zvg/Luca Senoner)

zentralplus: Worauf sind Sie besonders stolz?

Dobelli: Stolz ist eine unangebrachte Emotion. Wenn man verstanden hat, dass alle Erfolge eine grosse Portion Zufall beinhalten, ist Stolz fehl am Platz. Nennen wir es lieber Freude. Ich freue mich über Erfolge.

zentralplus: Als Politiker lassen sich Erfolge erzwingen. Sind Sie ein politischer Mensch?

Dobelli: Bei mir hat sich nie eine feste politische Richtung eingestellt.  

zentralplus: Was ist Luxus für Sie? 

Dobelli: Angenehme, aber im Grunde überflüssige Dinge, an die wir uns nicht gewöhnen sollten.

zentralplus: Haben Sie noch Visionen?

Dobelli: Viele Bücher sind in meinem Kopf, die aber erst noch geschrieben werden müssen. 

zentralplus: Ihr geheimster Traum? 

Dobelli: Ich habe keinen geheimen Traum. Ich bin sehr glücklich.

«Die Kunst des guten Lebens» erscheint am 13. Oktober im Piper-Verlag. – Buchvernissage ist am Dienstag, 31. 10. 2017 im Kaufleuten, Zürich

Aus Döbeli wurde Dobelli

Der Luzerner Rolf Dobelli, geboren 1966, promovierte an der Universität St. Gallen, war CEO verschiedener Tochtergesellschaften der Swissair-Gruppe und ist heute Unternehmer und Schriftsteller. Er ist Gründer von zurich.minds, einer Community von weltweit führenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Dobelli, der einst Döbeli hiess, ist Mitgründer von getAbstract, dem weltgrössten Anbieter von komprimierter Wirtschaftsliteratur. Seine Romane erscheinen bei Diogenes, seine Sachbücher bei Hanser. Rolf Dobelli lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Bern.

Nummer drei von Dobellis gefeierten Sachbüchern: Die Kunst des guten Lebens.

Nummer drei von Dobellis gefeierten Sachbüchern: Die Kunst des guten Lebens.


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