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«Rössli hü»: Wer die Seele von Root rettete
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Sergio Garcia Moreno ist mit Putzarbeiten beschäftigt. (Bild: Langjahr Film)

Neuer Film von Silvia Haselbeck und Erich Langjahr «Rössli hü»: Wer die Seele von Root rettete

5 min Lesezeit 22.11.2019, 15:50 Uhr

Weil typische alte Häuser aus den Ortskernen veschwinden, verlieren in der Agglo immer mehr Dörfer ihr Gesicht. Dass es auch anders geht, zeigt ein Dokumentarfilm aus dem Rontal. Auch wenn das Geld die Verantwortlichen zu Kompromissen zwingen.

Er ist der Sänger der Heimat: der Dokumentarfilmer Erich Langjahr, der zusammen mit Silvia Haselbeck berührende Geschichten über Sennen, Hirten oder Wildheuer erzählt. Der aber auch seit Jahrzehnten den Kulturwandel in den Dörfern und Vorstädten der Zentralschweiz auf Film bannt (zentralplus berichtete).

Dazu passt der Titel des neusten Films, der am Wochenende in den Kinos anläuft: «Das Rössli, die Seele eines Dorfes». Es geht um die älteste Taverne in Root, ein barockes Bauernhaus aus dem Jahr 1751, das zwanzig Jahre lang leer gestanden hat.

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Vom Schandfleck zum Preisträger

Lange galt es als Geisterhaus und Schandfleck. Nach einem Um- und Anbau wurde es kürzlich als «Rössli hü» zum «historischen Schweizer Restaurant des Jahres 2020» erkoren (zentralplus berichtete). Die Verwandlung vom Abbruchobjekt zum neuen Aushängeschild von Root haben Haselbeck und Langjahr in einer fünfjährigen Langzeitbeobachtung festgehalten.

Kinostart in Luzern, Zug und Schwyz

«Das Rössli, die Seele eines Dorfes» läuft im Luzerner Kino Bourbaki, am Sonntag, den 24. November, 10.30 Uhr (ausverkauft) und Sonntag, 1. Dezember, 10.30 Uhr. Weitere Matineen siehe Kinoprogramm. Im Zuger Kino Seehof ist er am Montag, den 25. November, um 20.15 Uhr zu sehen, im Kino Schwyz am 24. November um 18.15 Uhr; 25., 26., 29.11. und 2.12. jeweils 16 Uhr, weiter läuft er in Wattwil und Einsiedeln an. Als Vorfilm ist übrigens der restaurierte Kurzfilm «Do it Yourself»(1982) über die brennende Mülldeponie in Root zu sehen.

Erich Langjahr hat es vor 40 Jahren nach Root verschlagen. In Zug fand er damals keine bezahlbare Wohnung. Hier aber konnte er einen Teil eines alten Tätschhauses erwerben.

Als in Root der Abfall qualmte

Das Dorf in der Mitte zwischen Zug und Luzern war damals noch für seine zahlreichen alten Bauernhäuser bekannt, welche die Hauptstrasse und die Umgebung der Kirche säumten. Klebdächer, Geranien, Wiesen mit Hochstammbäumen, aber auch eine offene Deponie, auf der man Fernseher und alles Mögliche abfackelte – was Langjahr in einem seiner ersten Kurzfilme «Do it yourself» (1982) dokumentierte.

Seither hat sich Root stark verändert. Es wurde grau und kam herunter. Es erlebte in den letzten Jahren auch wieder eine Aufwertung mit zahlreichen neuen Wohnsiedlungen. Die alten Häuser aber sind zusehends verschwunden.

Root 1982. Aufnahme aus «Do it yourself«. Bild: Langjahr-Film

Sachlich und genau

Auch das «Rössli» wäre – wie sein neoklassizistischer Anbau – schon längst dem Abbruchhammer zum Opfer gefallen, wenn es 1998 nicht unter Denkmalschutz gestellt worden wäre. Es gibt in Root also genügend Geschichten für ein einfühlsames Filmepos. Dafür ist das Duo Haselbeck/Langjahr bekannt.

Doch ihr «Rooter Film», wie sie die Dokumentation nennen, ist nur am Rand nostalgisch. Sorgfältig und sensibel, gewiss – aber auch sachlich und nüchtern. Haselbeck und Langjahr interessieren sich dafür, unter welchen Voraussetzungen bauliches Erbe künftigen Generationen erhalten bleibt – wie dies konkret aussieht und wer dies namentlich bewerkstelligt.

Kopf aufgespiesst

Der Film beginnt mit einer Art Tonbildschau, mit alten Postkarten und Fotos von alten Theateraufführungen. Mit geschichtlichen Exkursen – etwa über den Rooter «Hirschenwirt» Hans Jacob Petermann, der anno 1712 in Luzern als Rädelsführer einer Revolte enthauptet wurde und dessen Kopf man an einem Stecken aufgespiesst am Weggistor zur Schau stellte. Seine Beiz liess die Obrigkeit schliessen, weswegen es in Root nur noch das «Rössli» gab, das darauf von der Familie Petermann neu erbaut wurde.

Es wird gezimmert und gehämmert

Wenig später im Film trifft man auf den letzten Wirt des «Rösslis», Bruno Steiner. Nach 20 Jahren Leerstand trifft er im Haus auf das Mobiliar und die Geräte der alten Gastwirtschaft, die immer noch herumstehen.

Dann wird um- und angebaut. Es kommen die Architekten zu Wort, Planer, die Bauführerin, der Bauchef der Gemeinde, die künftigen Gastronomen. Haselbeck und Langjahr machen deutlich, dass die Ertüchtigung eines denkmalgeschützten Baus eine anspruchsvolle Angelegenheit ist, die nach guten Spezialisten verlangt. Aber auch, dass trotz Denkmalschutz erstaunlich viele bauliche Veränderungen möglich sind, um das Gebäude nutzbar zu machen.

Das «Rössli» im Biedermeierkleid, rechts der neoklassizistische Anbau, der 1997 abgerissen wurde.

Aufwändige Restauration querfinanziert

Ausserdem braucht es eine Bauherrschaft, die bereit ist, die nötigen Mittel zu investieren – im Fall des «Rösslis» und seines neuen Anbaus 12 Millionen Franken. Investiert hat die gemeinnützige Stiftung Abendrot, eine Pensionskasse, welche die Liegenschaft von der Erbengemeinschaft der langjährigen Wirtefamilie Petermann  gekauft hatte. Der zusätzliche Aufwand fürs «Rössli» wurde mit dem Bau von zwei Mehrfamilienhäusern auf der andern Strassenseite querfinanziert.

Auch ihr Bau ist im Film dokumentiert. So sieht man, dass der Preis für den Erhalt der «Seele des Dorfes» die gleichzeitige Erstellung von Neubauten ist, die zwar nicht hässlich sind, aber auch gesichtslos, mit wenig architektonischer Prägnanz.

Zeigen, wer die Handwerker sind und was sie tun

Langjahr und Haselbeck schauen im Film den Menschen zu. Den Bewohnerinnen und Bewohnern des Altersheims, welches in den neuen Zweckbauten Platz findet. Den Rooterinnen und Rootern, die immer wieder die «Rössli»-Baustelle besichtigen und sich über den gelungenen Umbau freuen.

Vor allem aber bildet der Film die Handwerker bei ihrer Tätigkeit ab. Restaurateure, Zimmerleute, Platten- und Eisenleger, Tapezierer und Gipser aus der Schweiz, dem Kosovo, Serbien, Italien, Spanien und Portugal.

Akkordmaurer Manfred Hasler.

Das Motto von Brecht

«Rössli, die Seele eines Dorfes» ist nicht nur eine Hommage an Root und ein Film über den Wandel der Luzerner Agglo, sondern ebenso sehr ein Denkmal für die Werktätigen.

Als Inspiration könnte das Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» (1935) des Dramatikers Bertolt Brecht gedient haben. «Wer baute das siebentorige Theben?», beginnt es. «In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?  Und das mehrmals zerstörte Babylon, wer baute es so viele Male auf?» Silvia Haselbeck und Erich Langjahr haben die Antwort unmittelbar vor ihrer eigenen Haustüre gesucht.

Silvia Haselbeck (links) und Erich Langjahr hinter dem neuen «Rössli» in Root.

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