Kultur

Jazzfestival mit Jungstars und Legenden
Rock ’n’ Roll-Anekdoten aus Willisau

  • Lesezeit: 5 min
<p>Ex-Schüler und Ex-Lehrer: Manuel Troller (links) mit Gerry Hemingway.</p>
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Ex-Schüler und Ex-Lehrer: Manuel Troller (links) mit Gerry Hemingway. (Bild: hae)

Ein etablierter Gitarren-Jungspund und ein erfahrener Musiklehrer aus Luzern denken über den Jazz in Willisau nach. Manuel Troller und Gerry Hemingway treten an der 42. Ausgabe des Jazzfestivals auch auf. Und doch prallen zwei Welten aufeinander; wie beim Gespräch über die Grossen der Zunft, Zeit und Qualität in Willisau sowie nächtliche Einbrüche in Hotelküchen.

Wände voller Schallplatten und CDs, dazu noch beigenweise Kassetten. Tapes, von Hand beschriftet? Ja, genau, diese selbst aufgenommenen Musikkassetten, die jeder in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren Geborene noch kennt. Die Altbauwohnung ist proppenvoll mit Kultur – nicht nur Musik, sondern auch viele Bücher. Hier eine Dylan-Biografie, dort japanische Kalligrafien und in der kleinen Küche eine Kaffeemaschine, die vor sich hinbrummelt. Und den süssesten Duft für ein Gespräch über Musik verbreitet.

Hemingways grosses Wissen

Wir sitzen am Küchentisch von Gerry Hemingways Luzerner Neustadtwohnung, wo der US-Amerikaner seit sieben Jahren lebt. Denn er unterrichtet an der Jazzabteilung der Hochschule Luzern Schlagzeug und Band-Workshops. Zudem gibt er Kurse über die Jazzgeschichte. Dort ist der 62-Jährige auch zu Hause, denn er spielte mit ganz vielen wichtigen Musikern zusammen. Und vermittelte noch mehr sein grosses Wissen, das er sich an den grossen Festivals der Welt aneignete.

Einer seiner Schüler war Manuel Troller, 31-jähriger Gitarrist der Lokalformation Schnellertollermeier, der noch gar nicht geboren war, als Hemingway schon fleissig im Sommer nach Willisau pilgerte. Immer wieder Willisau, wie der Amerikaner betont.

«Da habe ich Familiengefühle, das ist für mich wie ein Zuhause.»

Gerry Hemingway, 62-jähriger US-Schlagzeuger

Was macht dieses Willisau für Musiker so wunderbar? Manuel Troller: «Die Atmosphäre ist einzigartig, weil die Musiker hier sehr gut umsorgt sind.» Er geht noch weiter bei seiner Aufzählung: Es sei einzigartig, wie man hier im Hinterland mit den Exponenten der Szene rumhängen könne, sich hinter der Bühne trifft – und vor allem auch Zeit hat, die «Konkurrenz» live zu erleben. Das Schwärmen des Amerikaners für Willisau gipfelt darin: «Da habe ich Familiengefühle, das ist für mich wie ein Zuhause.»

Jazz bietet nebst Improvisation auch viel Spass, vor allem immer wieder in Willisau.

Jazz bietet nebst Improvisation auch viel Spass, vor allem immer wieder in Willisau.

(Bild: hae)

Witzigerweise lernte der New Yorker in Willisau den Saxer Don Byron kennen, der heute ein dicker Freund ist. Gerry Hemingway: «Dabei lebte der in der gleichen Stadt wie ich – aber in Willisau fanden wir erstmals Zeit für ein Gespräch.» In den bislang 41 Ausgaben war Hemingway schon x-fach aufgetreten – doch auch der Luzerner Manuel Troller spielte schon mehrmals in Willisau.

«Der Mix zwischen Jungen und Etablierten funktioniert bestens.»

Manuel Troller, 31-jähriger Luzerner Gitarrist

Für den Luzerner steht im Vordergrund, dass hier erstklassige Qualität zu erleben sei. Manuel Troller: «Weil die Organisatoren diese bewusst suchen. Der Mix zwischen Jungen und Etablierten funktioniert bestens. Und oftmals sind die Säle ja erfreulich voll.» Hemingway kennt den Grund für die gute Auslastung: «Es geht nichts über die Kraft des Hier und Jetzt. Das Live-Erlebnis in der Musik ist und bleibt das Grösste.»

Im besten Dutzend des Jahres

Troller ist sich gewohnt, Qualität zu liefern. Das Album «X» seiner Band Schnellertollermeier wurde im Jahre 2015 vom amerikanischen «Wall Street Journal» zu den zwölf besten Veröffentlichungen des Jahres gekürt. Der gefragte Gitarrist schätzt auch, dass die Veranstalter der Familie Troxler stets Mut zum Risiko und zu radikalen Konzerten hätten. «Denn das Publikum hier ist sehr fokussiert, es kommt vielleicht schon auch wegen dem sozialen Aspekt – es will vorerst aber erfahren, wie sich der Jazz im letzten Jahr weiterentwickelt hat.»

Im Video sieht man die beiden zusammen spielen:

Auch wenn die beiden Musiker derzeit mit eigenen Formationen auftreten (siehe Box), tüftelten sie zusammen seit 2014 als Trio Tree Ear an einer CD herum, die sie mit Bläser Sebastian Strinning aufnahmen. Plattentaufe wird am 7. Oktober im Mullbau in Luzern sein.

Grenzen ausloten

Dieses immer wieder wechselnde Zusammenspielen ist das Markenzeichen des Jazz: dass nicht nur vieles improvisiert ist, sondern man sich in immer neuen Zusammensetzungen ausprobiert und Grenzen auslotet.

Beide Musiker haben schon mit den ganz Grossen ihrer Zunft gespielt: Hemingway (nicht mit Grosswildjäger und Grossliterat Ernest verwandt) gab Herbie Hancock oder Wayne Shorter den Rhythmus vor, Troller trollte sich auf Bühnen mit Sophie Hunger oder Tom-Waits-Gitarrist Marc Ribot.

Willisau sei halt schon speziell, und die beiden können es kaum erwarten, bis das Festival wieder beginnt. Gegen Ende des Gesprächs tauen die beiden seriösen Denker dann doch noch auf, und vor dem amüsanten Posieren für die Kamera erzählt Hemingway doch noch seine Rock ’n’ Roll-Anekdote: Nach einem erfolgreichen Konzert mit Steve Coleman überkam die Band im Hotel ein Riesenhunger und grosse Lust auf Party.

«Kurzerhand öffneten wir eigenmächtig das Restaurant, weil das Personal schon verschwunden war.» Wein floss in Strömen, der Kühlschrank wurde geplündert. «Selbstverständlich sind wir für unseren Übergriff geradegestanden und haben bezahlt. Und Knox Troxler hat uns mit Murren vergeben.»

Gitarrist und Schlagzeuger

Manuel Troller (*1986, Luzern) ist Gitarrist und Komponist. Mit Schnellertollermeier spielt er kompromisslose Rockmusik. Er ist zu einem der gefragtesten Gitarristen der Schweiz geworden und spielt mit Julian Sartorius, Sophie Hunger oder Nik Bärtsch und anderen. Am 2. September tritt er in Willisau um 11 Uhr früh mit Hans Koch (*1948, Biel) auf, einem der innovativsten Holzbläser. Koch ist bekannt für die Zusammenarbeit mit Cecil Taylor oder Fred Frith, als Komponist prägte er das international bekannte Trio Koch-Schütz-Studer und schuf Musik für Hörspiele und Filme. Am 24. September spielt Troller ausserdem im Südpol in Kriens.

Gerry Hemingway (*1955 in New Haven, Connecticut) ist ein US-amerikanischer Jazzschlagzeuger. Er ist Teil von BassDrumBone: 40 Jahre Spielerfahrung während mehr als 1000 Konzerten zeichnen dieses hochkarätige Trio aus. Am 30. August spielt er mit Mark Helias (Bass) und Ray Anderson (Trombone) um 20 Uhr auf der Hauptbühne. Im Trio wachsen die drei Freunde weit über die herkömmliche Praxis des Improvisierens hinaus.

Manuel Troller findet Inspiration in der Wohnung von Gerry Hemingway.

Manuel Troller findet Inspiration in der Wohnung von Gerry Hemingway.

(Bild: hae)

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