Herbert Fritsch kehrte mit Salome, hier zwischen Mutter Herodias und Vater Herodes, nach Luzern zurück.
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Herbert Fritsch kehrte mit Salome, hier zwischen Mutter Herodias und Vater Herodes, nach Luzern zurück. (Bild: Ingo Hoehn / zvg)

«Salome» von Richard Strauss auf der Luzerner Bühne Riesenerfolg, obwohl die Hauptdarstellerin ohne Stimme blieb

3 min Lesezeit 16.12.2019, 12:19 Uhr

Beim Publikum im ausverkauften Luzerner Theater wurde die Neuinszenierung von Richard Strauss’ Drama «Salome» am Sonntagabend ein Riesenerfolg. Und dies trotz erschwerten und von allen Theaterhäusern der Welt sehr gefürchteten Umständen.

In diesem Fall war es ein Virus, das das Luzerner Theater zu kurzfristigen Anpassungen zwang. Hauptdarstellerin Heather Engebretson musste zwar nicht komplett auf ihren Auftritt verzichten, aber auf die gesangliche Interpretation. So kam Sera Gösch zum Handkuss und ersetzte mit Bravour die Stimme der erkrankten amerikanischen Sopranistin, die auf der Bühne nur schauspielerisch agieren konnte.

Die Horrorgeschichte einer Familie – die Geschichte einer Horrorfamilie

Das Libretto von «Salome» wurde von Richard Strauss nach dem gleichnamigen Einakter von Oscar Wilde geschrieben. Starregisseur Herbert Frisch, der auch das Bühnenbild entworfen hat, und sein Team (Victoria Behr für die Kostüme, David Hedinger-Wohnlich für das Licht-Design, Marco Brehme als Mitarbeiter für die Bühne) vermitteln die sittenwidrige Geschichte einer Familie.

In Zentrum steht die sehr junge Salome, die in einem rosa Kleidchen und barfuss mal gelangweilt herumspioniert, mal gegen die Eltern rebelliert, in jedem Moment aber ihre vielen Obsessionen pflegt. Mal mit feiner Ironie, mal bis zur Karikatur verzerrt, zeichnet der Regisseur anhand von Salome, ihrer unmoralischen Mutter Herodias und ihrem lüsternen Stiefvater Herodes ein Sittenbild. Salome entwickelt nun eine neue Obsession, jene für den schon seit längerem gefangenen Propheten Jochanaan (Johannes der Täufer), für den ihre unerwiederte Leidenschaft buchstäblich entbrennt.

Obwohl ein Virus ihre Stimme lahmlegte, überzeugte Hauptdarstellerin Heather Engebretson bei der Premiere.

In seiner Inszenierung gestaltet Herbert Frisch die Figur des Jochanaan etwas überzeichnet, allzu «anders» als alle anderen. Sehr gelungen ist hingegen der berühmte «Tanz der sieben Schleier» in der vierten Szene: ohne zuviel Haut zu zeigen, aber immer durchaus verführerisch und erotisch, bewegt sich Salome, springt, rennt, rollt sich auf dem Boden.

«Ich habe Deinen Kopf geküsst, Jochanaan»

Am Schluss löst Salomes Kuss und Wahn an dem Kopf des getöteten Jochanaan sogar den Ekel ihres sonst so lasziven Stiefvaters aus, der harsch entscheidet, sie töten zu lassen.

Als Zuschauer weiss man hier nicht genau, ob es richtig ist, sich erleichtert zu fühlen, nachdem man so lange den Atem angehalten hat. Ein Dilemma, und das ist gut so, weil weder der Regisseur noch Richard Strauss noch Oscar Wilde vor diesen beiden ein moralisches Urteil liefern. 

Auch musikalisch ein toller Abend

Clemens Heil sorgte dafür, dass aus der Aufführung nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch eine ausserordentliche Premiere wurde. Es ist vor allem die ausdrucksstarke Musik von Richard Strauss, die den Zuschauer, noch mehr als der Text, in die komplexe, tiefschwarze Horrorgeschichte verwickelt. Alles ist schon in die Partitur hineinkomponiert: das Masslose, die Besessenheit, die Nekrophilie und die seelischen Abgründe, die Zerstörungs- und Selbstzerstörungsparanoia der Protagonistin.  

Am Ende der knapp zwei Stunden dauernden Aufführung gab es vom sehr aufmerksamen Publikum viel Beifall, besonders für die zwei Hauptinterpretinnen Heather Engebretson und Sera Gösch. Letztere konnte erst kurzfristig einspringen. Und erbrachte eine hervorragende Leistung, ist doch bekannt, welche Herausforderung die Rolle der Salome für Sängerinnen darstellt.

Verstörende Gedanken mit auf den Weg

Grosse Anerkennung der Zuschauer erhielt auch der stimmlich überzeugende Jason Cox als Jochanaan sowie der schauspielerisch überzeugende Hubert Wild als Herodes. Und natürlich Maestro Clemens Heil und das sehr präzise, voller Elan spielende Luzerner Sinfonieorchester.

Allen voran aber wurde Heather Engebretson gefeiert für ihre aparte, sehr moderne und tief psychologische Salome, die jeden Zuschauer am Sonntagabend fesselte. Die vielleicht aber auch verstörende Empfindungen und Gedanken auslöste, die einen nicht so schnell wieder loslassen werden.

Weitere Vorstellungen sind noch bis am 11. April 2020 im Luzerner Theater zu sehen.       

Ein eindrückliches Bühnenbild begleitete die Inszenierung.

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