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Revolutionär denken und mit Traditionen brechen
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Im Kulturzentrum Neubad kam in Luzern nach langer Zeit mal wieder der Inhalt der Salle Modulable auf den Tisch (Bild: jav)

Diskussion über den Inhalt der «Salle Modulable» Revolutionär denken und mit Traditionen brechen

5 min Lesezeit 25.11.2015, 14:36 Uhr

Standort und Finanzen – zwei Themen, die den Diskurs über eine «Salle Modulable» in Luzern mehr als dominieren. Es ist Zeit, sich mal wieder über den Inhalt zu unterhalten, dachte sich der Theaterclub und lud zur Diskussion. Dabei zeigten sich aber noch einige Grenzen, die überschritten werden müssen.

Präsident Philipp Zingg war an der 77. Generalversammlung des Theaterclubs Luzern wieder voll in seinem Element. Die trockene GV wurde in ein paar kurzen Minuten abgehandelt, um anschliessend das Thema «Salle Modulable» zu diskutieren.

Besonders wichtig schien Zingg an diesem Abend die Freie Szene zu sein. Er betonte gegenüber den zahlreich erschienenen Mitgliedern die neuen Partnerschaften mit dem Südpol oder mit ACT.

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Dementsprechend zahlreich waren auch Vertreter von Kleintheater, Südpol, Luzerner Theater, von der IG Kultur und auch von der Politik anwesend. Stadträtin Ursula Stämmer, die im nächsten Jahr zurücktritt, wurde verdankt und erntete Applaus und Amüsement, als sie mit einer Hunderternote schnell das Vereins-Jahresminus von 92 Franken ausglich.

Stämmer rief die Anwesenden zur Offenheit gegenüber einer möglichen «Salle Modulable» auf. Man solle sich nicht in Standort- und Finanzdiskussionen verlieren, sondern offen für Neues und neue Ideen sein. Zudem auch für neue Vereinsmitglieder des Theaterclubs – frischer Wind werde gebraucht. Ein Thema, das an diesem Abend nicht nur einmal erwähnt wurde. Der Verein, der sich selbst mit Humor als  «Intellektuelles Nischenpublikum» bezeichnet, ist überaltert.

Ein Maulkorb für den neuen Projektleiter

Unter dem Motto «Die Würfel sind gefallen» sollte der Luzerner Stadtpräsident Stefan Roth bereits über den Standort-Entscheid sprechen. Doch Roth enttäuschte: «Die Würfel sind noch nicht gefallen.» Sie fallen erst im Sommer 2016, erklärte er. Roth betonte in seiner Ansprache mehrmals die Begrifflichkeit und wünscht sich den Ausdruck «Neue TheaterInfrastruktur» (NTI) statt «Salle Modulable» in die Diskussionen. Vor allem aber wünscht sich der Stadtpräsident wie seine Vorrednerin Ursula Stämmer Offenheit dem Projekt gegenüber: «Der Stadtrat zählt auf Sie!»

Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable, dankte der Stadt und dem Kanton als Erstes für die Unterstützung und warf beruhigend ein: «Nach all diesen Jahren des Hin und Her’s spielen solche kleine Verzögerungen keine Rolle mehr.» Die Politik und die Experten seien nun am Zug.

Auch Mathis Meyer, der designierte Gesamt-Projektleiter der NTI war im Pool mit dabei, hatte jedoch vor seinem Stellenantritt einen Maulkorb zum Thema Salle Modulable verpasst bekommen. Kein Wort zum Projekt also von seiner Seite.

Wenn schon, dann richtig

Der Star-Dirigent Simon Rattle konnte schliesslich per Video-Einspieler noch einige Gedanken zur NTI loswerden. «If you do it, do it properly», sagte er gleich zu Beginn. Denn alles sei möglich. Und wenn etwas «extraordinary» sei, dann würden die Leute folgen. Das habe man beim KKL gesehen. Ein Haus mit einer grossen Ausstrahlung werde die Leute anziehen. Der Musikstandort Luzern und das Musiktheater habe jetzt eine riesige Chance und müsse diese ergreifen. Eine Aussage, die alle Teilnehmer der nachfolgenden Podiumsdiskussion offensichtlich unterstützen. Die Diskussion leitete Musikkritiker Peter Hagmann.

«Es wird kein Zauberraum.»
Claus Spahn, Chefdramaturg Opernhaus Zürich

Michael Häfliger, Intendant des Lucerne Festivals erzählte am Anfang, wann ihm das Projekt erstmals über den Weg lief: Es war der 6. Februar 2006, als die Idee einer Salle Modulable als Projektidee in seine Hände fiel. Die Vorstellung eines variablen Theaterraums, die bereits nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sei. In einer Zeit, in welcher man auch den Raum als Parameter für Kunst mitzudenken begann. Und damit entstand die ideale Vorstellung eines Raumes, der alles sein kann.

Claus Spahn, Chefdramaturg des Opernhauses Zürich, gab jedoch zu bedenken: «Man braucht auch Künstler, die den Raum neu denken wollen.» Zudem müsse man aber auch gar nicht ständig innovativ sein, auch wenn man ein innovatives Haus zur Verfügung habe, so der Konsens in der Diskussionsrunde.

«Es wird kein Zauberraum», so Spahn. Er mache zwar vieles möglich, aber er mache es nicht selbst. «Man braucht Leute, die technische Innovationen nutzen wollen. Denn schlussendlich ist es nur ein Raum.»

Michael Häfliger widerspricht. Es sei eben nicht nur ein Raum. Es sei ein Raum, der Grenzen auflöse. «Alles kann überall sein, das wäre eine völlig neue Freiheit des Inszenierens.» Und wieder der Fokus: Musiktheater.

Ob das bei Sprechtheater auch Thema sei? Eine Frage, die Roger Merguin, der künstlerische Leiter der Gessnerallee Zürich, nur mit einem «Selbstverständlich» beantworten konnte. Als Beispiel bringt er dabei das international bekannte Projekt «Rimini Protokoll».

Salle Modulable in Warschau

Die Leiterin der Stiftung Pro Helvetia, Myriam Prongué, brachte in der Diskussion die «Salle Modulable» auf, die gerade in Warschau gebaut wird. Auch dort gehe es um die grossartigen Möglichkeiten, die ein variabler Raum bietet. Prongué wies jedoch dabei auch auf einen wichtigen Punkt hin: Eine grosse Problematik eines solchen Raumes sei die Umbaufrage.

Wie schnell kann man von einer Probe auf eine andere Aufführungssituation umbauen? Ist ein Repertoire-Haus dann überhaupt noch möglich? Wie viel ist miteinander, nebeneinander möglich? Kann man die Flexibilität des Raumes in das Programm übertragen? Fragen, die sich auf den Betrieb einer solchen Neuen Theater Infrastruktur auswirken werden.

Claus Spahn, Michael Häfliger, Peter Hagmann, Myriam Prongué und Roger Merguin im Gespräch. (von links)

Claus Spahn, Michael Häfliger, Peter Hagmann, Myriam Prongué und Roger Merguin im Gespräch. (von links)

Die Idee habe so viel Potential, schwärmt Roger Merguin: «Jetzt muss man gross denken, visionär denken. Und man muss extrem denken. Ein Haus, das 2023 kommen und dann Jahrzehnte lang führend sein soll, muss in der Planungszeit revolutionär gedacht werden.» Und Myriam Prongué ergänzt: «Nicht nur das Haus beziehungsweise der Saal soll visionär sein. Auch der Inhalt.»

Man müsse auch die Inhalte anpassen und mit gewissen Traditionen brechen. Nicht nur der Raum werde sich verändern. Die Frage nach dem Ensemble stelle sich. Wird es noch fixe Ensembles geben, wie wir das heute kennen? Oder werden es immer mehr Artists in Residence – so wie es bereits heute häufiger vorkommt? Der Inhalt sei schlussendlich wichtiger als die Frage nach einem festen Ensemble.

Trotzdem fällt auf: Immer wieder wird von einem Haus für Musik und Musiktheater gesprochen. Man darf gespannt sein, wie das Verständnis für die anderen Sparten von Seiten des Lucerne Festivals sich entwickelt. Doch gerade im Austausch der verschiedenen Parteien am Tisch des NTI sollte diese Diskussion kein Thema mehr sein.

Michael Häfliger betont dabei auch: «Wir hätten dann auch viel mehr Möglichkeiten, die verschiedenen Künste zu verbinden.» Doch wird das schlussendlich bedeuten, dass man sich löst von der Idee dreier Sparten?

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