Regionales Leben
zentralplus blickt hinter die Kulissen

Wie zum Geier funktioniert Stash in Luzern? Wir wissen es

Beliefern Luzern: Sina Khajjamian (Mitte) und Jana Huwiler (links) und Florian Peters (rechts). (Bild: cbu)

Vielen Lieferdiensten haftet ein negativer Ruf an, wie schlechte Bezahlung der Kuriere und mässige Anstellungsbedingungen. Das Zürcher Unternehmen «Stash», das jetzt auch Luzern beliefert, wählt einen anderen Weg. Wir waren vor Ort zu Besuch.

Lieferdienste sind praktisch und haben während der vergangenen Pandemie-Jahre ordentlich an Beliebtheit zugelegt. Dem Geschäft mit der schnellen Lieferung haftet jedoch oft der Ruf an, Dumping-Löhne zu bezahlen, um im hart umkämpften Markt bestehen zu können.

Eines der jüngsten Unternehmen ist «Stash» mit Sitz in Zürich. Der Anbieter lockt mit dem Versprechen, zehn Minuten nach Bestelleingang mit der Ware bereits auf der Matte zu stehen. Zur Auswahl stehen nebst Lebensmitteln auch Haushaltswaren und Hygieneprodukte wie Windeln oder Tampons. Der Anbieter ist also eher [email protected] als Eat.ch.

Seit Dezember hat der Lieferdienst das Angebot auch in Luzern eingeführt. Wir haben die Plattform in einem Selbsttest ausprobiert (zentralplus berichtete) und nicht schlecht gestaunt. Das bestellte Feierabendbier war noch vor Ablauf der zehn Minuten in unseren Händen.

Wie zum Geier funktioniert das?

Auch privat hat der Autor den Anbieter getestet. Als autoloser Berghangbewohner ist er froh, Getränke nicht selbst schleppen zu müssen. Und auch hier: Die Lieferung war tatsächlich immer zeitig da. Da fragt man sich, wie das funktioniert.

Wir haben der Filiale in der Gibraltarstrasse einen Besuch abgestattet. Die Tür steht allen jederzeit offen, wie auf einer der Liefertüten von Hand geschrieben zu entnehmen ist. Als wir den Laden betreten, wähnen wir uns im ersten Augenblick in einem Atelier für Künstler. Eine gemütliche Sofaecke, ein leicht abgewetzter Teppich und eine «Meme Wall» voller Sprüche und Bilder.

Der Eindruck hält jedoch nur so lange, bis wir an den E-Bikes vorbeigehen und nach links durch eine grosse Scheibe in ein Lager voller Regale und Kühlschränke blicken. Hier kommt uns Sina Khajjamian (30) entgegen.

Und plötzlich wird es hektisch bei Stash

Der Housemanager der Luzerner Filiale von Stash gibt uns eine kleine Tour durch die Räumlichkeiten. «Wir setzen sehr auf Offenheit und Transparenz», erklärt er und tatsächlich spricht er mit uns offen und ehrlich über Löhne, Probleme und Gewinne. Dazu später mehr.

Während unseres Gesprächs bimmelt plötzlich Khajjamians Handy. Eine Bestellung ist eingetrudelt. Ab jetzt muss es schnell gehen, die Uhr tickt. Zielstrebig huscht Khajjamian durch die Regale, packt eine Tüte Chips, Bonbons und zwei Getränke ein und übergibt sie der Kurierin, die sich zwischenzeitlich Jacke und Helm angezogen hat. Aufgesattelt und los geht's.

Das bekannte Thema Nachhaltigkeit

Bestellungen werden über zur Verfügung gestellte Mitarbeiter-Handys und einem grossen Display in der Filiale angezeigt. Das System wurde eigens für Stash entwickelt und dient auch gleich zur Warenbewirtschaftung. Khajjamian legt bei seinen Produkten grossen Wert auf Nachhaltigkeit und Regionalität – wie so jeder Betrieb, der mit Nahrungsmitteln hantiert und etwas auf sich hält.

«Ich fahre die Strecken jeweils selbst ab und schaue, wie weit ich in zehn Minuten komme.»

Sina Khajjamian, Housemanager Stash Luzern

Darum kann es auch sein, dass gewisse Produkte für ein paar Tage nicht lieferbar sind. «Ich habe lieber ausverkaufte Produkte und warte, bis sich eine Bestellung lohnt als Foodwaste zu produzieren», sagt er. Und sollte doch mal was übrig bleiben, ist Stash an die Verwertungsapp «Too Good To Go» angeschlossen (zentralplus berichtete).

Der Chef radelt selbst

Derzeit beliefert der Luzerner Ableger vor allem die Innenstadt und die nähere Umgebung. Vom Wesemlinquartier bis an die Grenze von Kriens auf der anderen Seite der Stadt. Um herauszufinden, wie weit Stash liefern kann, hat sich Sina Khajjamian selbst in den Sattel eines der E-Bikes geschwungen.

«Ich fahre die Strecken jeweils selbst ab und schaue, wie weit ich in zehn Minuten komme.» Ist eine neue Strecke machbar, wird sie in den Lieferradius integriert. Hier lässt die Zürcher Firmenleitung dem Luzerner Team freie Hand. An der Wand in der Zentrale hängen denn auch Pläne und Karten aus, die erprobte Schleichwege und Abkürzungen der Routen aufzeigen.

Die Luzerner haben freie Hand

Generell können Khajjamian und sein Team in Luzern ziemlich frei agieren. Sei es bei den Produkten – im Sortiment findet sich neben Heini-Brot auch Luzerner Bier und Fleisch vom Ueli-Hof – oder dem Auftritt. Davon zeugt die «Meme Wall», deren beste Kreationen ihren Weg auf die Liefertaschen finden, und die Give-aways, mit welchen die Kundschaft hin und wieder beschenkt wird.

Zwar ist die Lieferung in zehn Minuten sicherlich eines der Hauptargumente des Anbieters, in Stein gemeisselt ist sie jedoch nicht. «Wenn es stürmt oder schneit, informieren wir die Kundschaft, dass es länger als zehn Minuten dauern könnte. Die Sicherheit unserer Kuriere geht nämlich vor.» Beschwerden habe es deswegen noch nie gegeben. Weil sich selbst Verspätungen nur im Minutenbereich bewegen.

Stash setzt auf Lohntransparenz

Stichwort: Kuriere. Noch bevor zentralplus das Thema anspricht, erklärt uns der Housemanager: «Alle unsere Mitarbeitenden sind bei uns fest angestellt.» Das Kernteam mit einem Vollzeitpensum, der Rest Teilzeit. Insgesamt packen und radeln 13 Leute für das Unternehmen in Luzern.

«Bei uns sind alle versichert und kriegen mindestens 25,20 Franken Stundenlohn.» Hier halte man sich strikt an die GAV-Bestimmungen. Das Personal wird bezahlt, egal, ob viele Aufträge ins Haus flattern oder nicht. Sina Khajjamian liegt viel daran, mit den gängigen Vorurteilen gegenüber der Branche aufzuräumen, respektive sich davon zu distanzieren.

Denn andere Anbieter geraten immer wieder in die Kritik, weil deren Anstellungsbedingungen für die Arbeitnehmer längerfristig nicht rentabel sind. Tiefe Löhne, fehlende Zulangen und Versicherungen, Arbeitsmaterial, das selbst berappt werden muss. Das hat auch schon zu Streiks und juristischen Abklärungen geführt, wie ein Bericht des «Beobachters» zeigt.

Luzern ist kein attraktiver Standort. Oder eben doch?

Warum hat sich Stash aber für eine Niederlassung in Luzern entschieden? Gemäss Matthias Schu, Dozent für E-Commerce an der HSLU, ist die Leuchtenstadt kein besonders idealer Standort für Lieferdienste: «Luzern bietet nicht eine genügend hohe potenzielle Kundendichte im Kerngebiet», schreibt er auf Anfrage. Daher sei die Stadt für Quick Commerce, also Anbieter mit sehr kurzen Lieferzeiten, als unattraktiv einzustufen.

Eine Einschätzung, die Khajjamian nicht teilen kann: «Ich halte Luzern durchaus für einen attraktiven Standort. Die Nachfrage ist da.» Seit der Gründung der Luzerner Niederlassung vor rund 1,5 Monaten verzeichnet Stash zwischen 50 und 80 Bestellungen pro Tag. «In den letzten Wochen konnten wir ein Wachstum von 40 Prozent verzeichnen.»

Das Velonetz war mitentscheidend

Abgesehen davon, dass Luzern bei neuen Angeboten gemäss Khajjamian oft etwas das Nachsehen hat, gibt es noch einen anderen Grund für die Ausweitung auf die Leuchtenstadt: das gute Velonetz. «In Zürich brauchen wir mehrere Lager, um die Stadt abdecken zu können. In Luzern reicht eines, weil viele Orte sehr gut erreichbar sind.»

Ein weiteres Problem, mit dem Lieferdienste oft zu kämpfen haben, sind gemäss Matthias Schu die geringen Margen im Lebensmittelbereich, die Lohnvollkosten und die vergleichsweise kleinen Bestellmengen. Bei Stash in Luzern liegen diese derzeit zwischen 30 und 40 Franken – und damit in einem ähnlichen Bereich wie bei anderen Anbietern, wie Schu in seinem Blog errechnet hat.

«Rentabel sind wir im Moment noch nicht. Dafür bräuchten wir mehr tägliche Bestellungen.»

Sina Khajjamian, Housemanager Stash Luzern

Und im Hinblick auf die Margen sagt der Luzerner Housemanager: «Wir wollen faire Löhne zahlen. Das kommunizieren wir auch klar und suchen uns deswegen Partner und Lieferanten, die diesen Weg mit uns gehen wollen.» So profitiere Stash von «guten Margen» und langfristigen Partnerschaften. Und finanziert sich ein Stück weit auch durch die Versandkosten von 3,90 Franken pro Bestellung. «Die machen aber nur einen kleinen Teil des Gewinns aus», so Khajjamian.

Die Hoffnung auf Erfolg

Das klingt soweit vielversprechend. Aber wie rechnet sich das? Ganz einfach, im Moment noch nicht. Khajjamian gibt zu: «Rentabel sind wir im Moment noch nicht. Dafür bräuchten wir mehr tägliche Bestellungen.» Ein Ziel, von dem er hofft, es bis im Sommer erreichen zu können. Mit dem bisherigen Verlauf des Luzerner Standorts ist er aber zufrieden: «Es lief sogar besser, als ich erhofft hatte.»

Ob sich Stash in Luzern also langfristig behaupten kann, oder ob sich Matthias Schus Vermutung bestätigen wird, muss sich erst noch zeigen. Das Zürcher Unternehmen jedenfalls ist von seinem Konzept überzeugt: «Es sind noch Ableger in weiteren Städten geplant», so Sina Khajjamian.

Verwendete Quellen
  • Besuch bei Stash in Luzern
  • Gespräch mit Sina Khajjamian
  • Mailverkehr mit Matthias Schu, Dozent für E-Commerce an der HSLU
  • Blog von Matthias Schu
  • Website Stash.ch
  • Artikel im «Beobachter»
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