Regionales Leben
Vom Haustier zum Wildtier

Wie Luzerns «fette Tauben» einen Shitstorm auslösten

Monika Keller, Leiterin des Projekts «Stadttauben Luzern» vor dem Rathaus, wo die Stadt einen Taubenschlag betreibt. (Bild: Montage zentralplus)

Die Stadt Luzern setzt auf einen Fütterungsstopp für Tauben. Dafür wird sie von sogenannten Taubenfreunden kritisiert. Die Leiterin des Luzerner Projekts kann das erklären. Und spricht von einem Erfolg.

Nachdem zentralplus über die mögliche Ansiedlung von Wanderfalken berichtete, reagierten einige Kommentatoren heftig. Sie hauten gegen den Autor und die Stadtluzerner Behörden in die Tasten. Dabei ging es aber nicht etwa um den Greifvogel, der dank Nisthilfen in die Stadt gelockt werden soll. Nein, es ging um eine seiner Leibspeisen, die Tauben.

Wir zitieren im folgenden Nutzerinnen und Nutzer, die in der Wortwahl anständig geblieben sind. Zum Beispiel ein Stadttaubenprojekt aus Dortmund: «Leider deutet schon die Überschrift ‹Zu viele FETTE Tauben in der Stadt...› darauf hin, dass sich nicht hinreichend mit der Problematik und deren Ursprung befasst wurde.»

Fütterungsverbot als Stein des Anstosses

«Die ‹fetten Tauben› im Titel des Berichts haben diese Reaktionen wohl ausgelöst», analysiert Monika Keller. Sie ist in der Stadt Luzern für das Projekt «Stadttauben Luzern» zuständig. Das Projekt wurde 2001 lanciert, mit dem Ziel, die Grösse des Taubenbestands auf die Hälfte zu reduzieren und den Gesundheitszustand der Tiere zu verbessern.

«Von was bitte sollen Stadttauben fett werden? Von dem Lebensmittelmüll, den die Leute wegwerfen?»

Eine Facebook-Nutzerin

Um dies zu erreichen, setzt die Stadt den Hebel beim Futterangebot an: Der Überfluss an Futter in der Stadt führe dazu, dass Tauben sich stark fortpflanzen. «Deshalb ist es die zentrale Massnahme, die Leute für die negativen Folgen des Fütterns zu sensibilisieren und dazu aufzurufen, Tauben nicht zu füttern», so Keller.

Dabei geht es etwa um solche Plakataktionen:

Genau dafür wird das Programm von gewissen Taubenfreunden kritisiert. Eine Nutzerin auf Facebook: «Das Taubenproblem mit einer Kampagne lösen zu wollen, die genau nichts bringt, ausser vorsätzlich Tiere durch hungern lassen zu quälen – die Logik dahinter möchte ich gern erklärt haben.» Wir wagen einen Versuch.

Die Rathaustauben finden ihr Futter selbst

Monika Keller nimmt uns an eine ihrer Wirkungsstätten mit. Wir befinden uns unter dem Dach des Rathauses in Luzern. Hier ist einer der zwei Taubenschläge, welche die Stadt unterhält. Wildlebende Stadttauben können hier schlafen und auch in gewissen Massen brüten, ohne dass es stört. Denn: Beim Schlafen und Brüten fällt der meiste Kot an, den man hier – «nicht wie auf Denkmälern», so Keller – gut entsorgen kann. Und Kot – nicht die Tauben selbst – seien der beste Dünger für Krankheiten.

Der Taubenschlag ist für die Stadt auch wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit. Regelmässig sind hier Schulklassen und andere Gruppen zu Besuch, lernen die Stadttauben kennen und erfahren, weshalb die gefiederten Stadtbewohner nicht gefüttert werden sollen. An diesem regnerischen Tag ist gerade nicht viel Betrieb, einige Girrvögel kehren kurz ein, um ein paar Körner zu picken.

«Ich glaube, der Mensch produziert mehr Dreck und Umweltgifte und ist für all die Zerstörung um uns herum verantwortlich. Da müssen wir uns über die paar Tauben keine Gedanken machen.»

Ein Facebook-Nutzer

Es sei die Ausnahme, dass der Taubenwart etwas Futter in den Schlag gestreut habe, sagt Monika Keller – nämlich dann, wenn gerade geputzt wurde. Die Strategie der Stadt setze darauf, dass die Tiere ihr eigenes Futter finden. «Das besteht in der Stadt naturgemäss aus weggeworfenen Lebensmitteln, aus Sämereien von Stadtpflanzen oder auch von abgeernteten umliegenden Feldern, zum Beispiel am Sonnenberg.» Auch auf begrünten Dächern mit ihren Magerwiesen würden Tauben fündig. Was wir übrigens als Müll bezeichnen, sei für die Tauben nicht zwingend minderwertige Nahrung. Aber klar: Ein halbes Snickers tut auch der Stadttaube nicht gut.

Neben dem Aufruf, Tauben nicht zu füttern, ist der Eiertausch in den Schlägen eine weitere Massnahme, wie die Stadt die Population versucht, im Griff zu behalten. Für einige Taubenfreunde ist es gar die einzige ethisch vertretbare Massnahme.

Taubenmanagerin Monika Keller wirft einen Blick in den Schlag im Rathaus. (Bild: uus)

Sie wollen, dass Tauben wie Haustiere behandelt werden

Viele vehemente Befürworter der Taubenfütterung gehen davon aus, dass die Vögel in der Wildnis der Stadt nicht ohne menschliche Hilfe überleben. Weil sie oft aus Zuchten entflohene Haustiere seien, müsse man sie auch so behandeln, so die tierethische Logik dahinter.

In der Tat: Auch die heutigen Stadttauben waren früher einmal halb wild lebende Haustiere. «Sie kamen mit den Römern vor rund 2000 Jahren nach Luzern und in andere europäische Städte», so Keller. Die Tiere kehrten aber nicht immer in ihren Schlag zurück.

«Wir wollen eine kleine, dafür gesunde Taubenpopulation.»

Monika Keller, Projektleiterin «Stadttauben Luzern»

«Mir ist die Haltung seit rund 10 bis 15 Jahren vor allem aus Deutschland bekannt, Tauben seien deshalb wie entflohene Haustiere zu behandeln.» Keller fragt rhetorisch: «Die Tauben sind enorm anpassungsfähig und haben jahrhundertelang ohne menschliches Zutun in unseren Städten überlebt. Weshalb sollten sie nun plötzlich nicht mehr dazu fähig sein?» Bei der Stadt Luzern behandle man die Tauben wie Wildtiere. Man verzichte ausdrücklich auf Hege und Pflege. «Wir wollen eine kleine, dafür gesunde Taubenpopulation», bringt Keller das Ziel der Taubenstrategie auf den Punkt.

Wer übermässig Wildtiere ohne Bewilligung füttert, der kann laut Jagdgesetz übrigens gebüsst werden. Keller berichtet von einem Fall am Löwenplatz, wo ein «Taubenvater» durch geschulte SIP-Einheiten darauf aufmerksam gemacht wurde, nachdem er auch nach wiederholter Aufforderung nicht mit dem Füttern aufhören wollte. Inzwischen hat er sich, zumindest vorübergehend, vom Löwenplatz zurückgezogen.

Die Population ist so, wie sie sein sollte

Keller bezeichnet das Taubenprojekt der Stadt als erfolgreich: Seit den 1970er Jahren ist das Problem aktenkundig, verschiedene politische Vorstösse verlangten, die Taubenpopulation in den Griff zu kriegen. Zum Start des Taubenprojekts wurden 2001 die Vögel gezählt. Der Bestand wurde auf rund 7000 Tiere geschätzt. «Heute gehen wir noch von etwa 2000 Tauben in der Stadt Luzern aus.» Das sei etwa die Population, die man halten möchte. Auch deshalb sehe man keinen Grund, von der bisherigen Strategie abzuweichen.

Ob übrigens eine Taube fett oder mager ist, sei von Auge schwer festzustellen, sagt Monika Keller schliesslich. «Auch magere Tauben plustern sich auf – und wenn eine wohlgenährt ist, ist das unter dem Federkleid nicht so leicht zu erkennen.»

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