Regionales Leben
Besuch bei Ivo Zürchers Gnadenhof

«Wenn jemand mit dem Metzger droht, kippe ich meistens»

Ivo Zürcher wird von seinen Hunden innig geliebt. (Bild: wia)

Der gebürtige Menzinger Ivo Zürcher lebt für seine Tiere. Seit Jahrzehnten betreibt er einen Gnadenhof, die letzten knapp zehn Jahre davon im Säuliamt. zentralplus war zu Besuch auf dem Betrieb und machte Bekanntschaft mit zig aussergewöhnlichen Tieren, die nur knapp dem Tod entronnen sind.

Es ist wahrlich ein ungewöhnliches Setting, in welchem das Interview mit Ivo Zürcher stattfindet. Wir sitzen im Wohnraum eines Bauernhofes in Aeugst am Albis (ZH) und trinken Kaffee. Am Boden liegen neben dem grossen, grazilen Wolfshund Elsa noch weitere Grosshunde.

Unter dem Tisch steht eine 16-jährige Malinois-Hündin, die vor lauter Grauheit kaum mehr als solche erkannt wird. Eine gestromte Mischlingshündin hat sich das Hundebett erobert, das eigentlich der Seniorin gehört. Fünf Chihuahuas wuseln und liegen herum. Das kleinste Exemplar hat es sich in der Winterjacke der Journalistin bequem gemacht.

Während auf dem Boden die Grosshunde schnarchen, erobert der Chihuahua das Herz der Journalistin. (Bild: wia)

Ivo Zürcher führt hier im Säuliamt seit bald zehn Jahren den Gnadenhof Hodel. Heisst, er nimmt Tiere auf, die dringend Hilfe benötigen: vom Esel übers Pferd, von der Stadttaube bis hin zum Minipig. Der gebürtige Menzinger erzählt: «Ich wusste schon als ich klein war, dass ich mit Tieren arbeiten möchte. Die Leute aus meinem Umfeld brachten mir Tiere, die sie nicht mehr wollten.»

Die Crux mit der Landwirtschaft

«Ich machte eine Bauernlehre. Schlicht weil ich dachte, dass ich so nahe mit Tieren in Kontakt sei.» Schnell merkte er, dass er sich getäuscht hatte. Die Landwirtschaft, respektive die Nutztierhaltung, wie sie heute funktioniert, ist nicht sein Fall. «Sie müsste sich grundlegend verändern», sagt Zürcher, und zeigt mit der Hand auf das Tetra Pak Mandelmilch, von der er sich gerade einen Schluck in den Kaffee geleert hat.

In der Landwirtschaft arbeitet der 49-Jährige schon längst nicht mehr. Er wurde Tierpfleger, führte seinen Gnadenhof zuerst während Jahrzehnten in Neuheim, bis er vor zehn Jahren ins Jonental zog. Dass er sich mit Leib und Seele der Rettung von Tieren verschrieben hat, ist unschwer zu erkennen. Dass er das Alphatier des Hunderudels ist, ebenfalls. Die Hunde gehorchen ihm aufs Wort und lieben ihn sehr.

Corona hat das Problem verstärkt

Im Moment erhält Zürcher sehr viele Anfragen zur Übernahme von Hunden. Er erzählt: «Corona hatte unbestritten einen Effekt. Es gibt viele, die zu naiv sind, wenn sie sich einen Hund mit Vorgeschichte zulegen. Wir haben einige Tiere hier, die aus dem Ausland kommen und Probleme haben, mit denen ihre ehemaligen Halter nicht klarkamen.»

«Wenn ein Hund einmal zuschnappt, ist das für viele ein Grund, diesen gleich abzugeben.»

Ivo Zürcher, Betreiber des Gnadenhofs Hodel

Zum Beispiel? «Viele der Hunde sind nicht so dankbar, wie sich das die neuen Hundehalter vorgestellt hatten. Wenn ein Hund einmal zuschnappt, ist das für viele ein Grund, diesen gleich abzugeben. Das erlebe ich insbesondere mit Hunden, die aus Rumänien kommen.» Die Menschen müssten sich für sie viel Zeit nehmen, doch diese fehle vielen.

Beim Hofrundgang sind die meisten Hunde dabei. An die Enten, Gänse und Wachteln haben sie sich mittlerweile gewöhnt.
Beim Hofrundgang sind die meisten Hunde dabei. An die Enten, Gänse und Wachteln in den Gehegen haben sie sich mittlerweile gewöhnt. (Bild: wia)

Der zartbesaitete Wolfshund

Diese Arbeit übernimmt Ivo Zürcher bei den Hunden, die bei ihm auf dem Gnadenhof landen. «Mein Ziel wäre es, neben meinen eigenen nur jeweils zwei bis drei Vermittlungshunde hier zu haben, mit denen ich arbeiten und die ich dann gut an neue Besitzer entlassen kann. Im Moment sind es zehn.» Eine Hundetrainer-Ausbildung hat Zürcher nie gemacht. Learning by doing ist hier die Devise.

Doch manchmal ist auch er am Ende seines Lateins. Zürcher zeigt auf den tschechoslowakischen Wolfshund, der alle Viere von sich streckt. Wüsste man es nicht besser, würde man glauben, es handle sich um ein sehr souveränes Tier. «Ich bin die fünfte Stelle von Elsa, der Letzte, der sie adoptieren wollte, brachte sie nach zwei Stunden zurück. Ehrlich gesagt habe ich nur wenig Hoffnung, dass sie je wieder vermittelt werden kann.»

Elsa sieht wie ein mutiges Tier aus, ist aber in Wirklichkeit ein «Schisshas». (Bild: wia)

Das Problem: «Sie kann nicht allein sein. Heisst: Wenn ich weg bin, wird sie nach wenigen Minuten unruhig, beginnt laut zu heulen. Dann beginnt sie alles zu zerlegen, was nicht niet- und nagelfest ist.» Als Zürcher wenig später das Gebäude für zwei Minuten verlässt, beginnt das Rudel wie wild zu bellen. Jaulend allen voran: die vermeintlich souveräne Elsa.

Zehn gerettete Pferde leben hier

Später treten wir – gefolgt von Hunden aller Kaliber – hinaus aufs eingezäunte Gelände, wo uns ein regelrechter Zoo begrüsst. Das 1,5 Meter hohe Gatter überspringt Elsa mit Leichtigkeit. Wir gehen durchs Tor. Mehrere Pferde stehen im Hof. Einige von ihnen kommen vom Ritt und werden gerade gestriegelt. Der Rest von ihnen befindet sich auf einer naheliegenden Weide. Insgesamt sind es derzeit zehn Pferde. Fast alle hat Zürcher vor dem Tod gerettet.

Ein gigantischer Kaltblüter-Mix erblickt Zürcher, bahnt sich seinen Weg zwischen Menschen und Chihuahuas durch, trabt heran und lehnt seinen Kopf an Zürchers Bauch. Ein Wollschwein wuselt umher, lässt sich beschnuppern. Zwergziegen glotzen interessiert über den Zaun. Hühner gackern. Auf dem hinteren Teil des Geländes leben Gänse, Enten und Wachteln. Auch sie wurden gerettet.

«Da wir in Sihlbrugg ein Tierferienheim betreiben, können wir diesen Hof quersubventionieren.»

«Ich kann nicht alle Tiere hier aufnehmen, denn ich erhalte quasi jeden Tag Anfragen. Idealerweise läuft es so, dass ich die Tiere über mein Netzwerk direkt an andere Plätze vermitteln kann.» Wir blicken uns auf dem Hof um. Das klappt offenbar nicht immer. «Gerade hat mir jemand ein Foto von einem Esel geschickt, der in vier Tagen geschlachtet werden soll. Ich bin geneigt, ihn zumindest vorläufig zu uns zu holen. Wenn jemand mit dem Metzger droht, kippe ich meistens.»

Ivo Zürcher und sein gerettetes Kaltblut-Pferd. Die beiden scheinen eine innige Verbindung zu haben. (Bild: wia)

Das Tierferienheim subventioniert den Gnadenhof

Wir sprechen den Zuger auf den Elefanten im Raum an – ausnahmsweise sinnbildlich. Wie finanziert er dieses Projekt? «Wir erhalten zwar immer wieder Spenden für den Gnadenhof und sind auch wahnsinnig dankbar dafür. Das reicht jedoch nicht. Da wir aber in Sihlbrugg ein Tierferienheim betreiben, können wir diesen Hof quersubventionieren.»

Dieses Modell gehe grundsätzlich gut auf. «Ausser während Corona. Nur wenige Leute brachten ihre Hunde in die Betreuung, womit ein grosser Teil der Einnahmen wegfiel.» Da habe er eine Zeit lang wirklich gebibbert. «Ich wusste nicht, ob wir über die Runden kommen würden. Ich dachte, ich müsste nun Leute entlassen. Glücklicherweise hat uns der Pächter den Zins erlassen. Dafür sind wir sehr dankbar.»

Auch die Bremer Stadtmusikanten wohnen auf dem Gnadenhof Hodel. (Bild: wia)

Ivo Zürcher betreibt neben Gnadenhof und Hundebetreuung auch eine Kelpie-Zucht. Das wirkt etwas paradox. «Es stimmt, das passt eigentlich nicht ganz zusammen. Es war ein Kindheitstraum von mir, mit dieser Hunderasse zu arbeiten. Früher habe ich viel Agility betrieben mit den Hunden», erzählt er. «Ich war der erste Kelpie-Züchter in der Schweiz, nun gibt es einige andere. Geld verdiene ich damit nicht. Nur alle paar Jahre gibt es einen Wurf. Ich plane nur einen Wurf, wenn ich genügend Reservationen habe.»

Verwendete Quellen
  • Besuch auf dem Gnadenhof Hodel
  • Website Gnadenhof Hodel
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