Regionales Leben
Was tun, wenn man im Herbst einen Igel findet?

Über den Versuch, einen kleinen Zuger Igel zu retten

Igel im Tuch: Sieht herzallerliebst aus, bringt aber eine Menge Parasiten mit. (Bild: wia)

Die Autorin dieses Artikels fand in Zug dank der Hilfe ihrer Hündin tagsüber einen Igel. Da dieser offenbar krank war, beschloss sie, ihn mitzunehmen und aufzupäppeln. Klingt romantisch und relativ einfach. Ist es aber offenbar nicht. Eine Geschichte in weniger Akten als geplant.

Vor kurzem teilte die lokale Tierarztpraxis, der ich auf Instagram vertrauensvoll folge, ein Merkblatt zu Igeln. Dieses hatte ich intensiv studiert, begegne ich doch auf täglichen Hunde-Spaziergängen gerade im Moment sehr häufig auf diese merkwürdigen Stacheltiere und wundere mich stets, ob mit den Kerlchen alles in Ordnung ist. Offenbar zu Recht.

Wenige Tage später blieb mir nichts übrig, als das Merkblatt der Tierarztpraxis noch einmal zu Rate zu ziehen. Denn mitten im Quartier, am helllichten Tag, erschnüffelte der Hund einen kleinen Igel, der direkt neben dem Weg unter einem Busch lag und zu schlafen schien. Igel, die im Herbst und am Tag gefunden werden, soll man wägen, erinnerte ich mich. Sind sie Mitte Oktober leichter als 500 Gramm, müssen sie zur Igelstation, respektive aufgefüttert werden. Also Hund nach Hause gebracht, mit Kessel und Handschuhen zurück, wo ich den Igel in derselben Position vorfinde wie zuvor.

Zuhause die Bestätigung: Mit 214 Gramm ist der Igel viel zu leicht, um den Winter überleben zu können. Doch mein erster Eindruck des Tiers ist nicht besonders schlecht. Sein «Einrollreflex» funktioniert. Weil ich kein Katzenfutter habe, steht vorläufig eingeweichtes Hundefutter auf des Igels Speiseplan.

Bescheidene 214 Gramm bringt der Igel auf die Waage. Halb so viel, wie er mindestens müsste. (Bild: wia)

Während der Igel ruht, beginne ich, etwas unkonzentriert, zu arbeiten. Hin und wieder raschelt es leise. Wie auf der Webseite des Igelzentrums empfohlen, habe ich zuvor den Bauch des Igels gefühlt. Weil dieser kühler als meine Hand war, liegt der Igel nun in ein Tuch gewickelt auf einer Wärmeflasche. Als Nest dient ein mit Zeitung ausgekleideter Einkaufskorb.

Zecken und Flöhe sind bei Igeln an der Tagesordnung

Das alles klingt romantisch. Nur: Blickt man sich das Tierchen genauer an, wird relativ schnell klar, dass man es hier mit einem Wildtier zu tun hat. Der Igel stinkt diskret vor sich hin, ebenso mache ich ein paar Zecken aus, welche an seinem Körper hängen. Mein Versuch, sie zu entfernen, scheitert, da sich der Igel bei jeder Berührung zusammenzieht.

Ebenfalls hat er Flöhe. Der Hund wird auf Abstand gehalten. Auch Menschen sollten Igel nur mit Handschuhen anfassen, weiss ich. Denn zu den äusseren Parasiten kommen auch Bakterien, wie zum Beispiel Salmonellen, die vom Igel auf den Menschen übertragen werden könnten.

«Fast alle Igel beherbergen zudem Innenparasiten, im Normalfall ohne daran zu erkranken. Ist der Igel aber geschwächt oder hat ein anderes Problem, können diese Innenparasiten so überhandnehmen, dass der Igel Krankheitsanzeichen wie etwa Durchfall, Bronchitis oder eine Lungenentzündung entwickelt», erklärt Annekäthi Frei, die Leiterin des Igelzentrums, welche meine gefühlt hundert Fragen geduldig beantwortet.

«Besser als Hundefutter wäre ein qualitativ hochstehendes Katzen-Nassfutter.»

Annekäthi Frei, Veterinärin

«Man hat aber festgestellt, dass, wenn man versucht, äusserlich gesunde Igel vor dem Winterschlaf völlig frei von Innenparasiten zu bekommen, diese bei einem Parasiten-Neubefall im Frühling eher Probleme bekommen als Igel, bei denen das fragile Gleichgewicht Igel – Parasit nicht gestört wurde.» Igel, die aufgrund der Innenparasiten Krankheitssymptome entwickeln würden, müssten aber selbstverständlich entwurmt werden, betont Frei.

Mit meiner Fütterungsmethode, also dem mit Haferflocken gespickten, eingeweichten Hundefutter, ist Frei nur bedingt glücklich: «Besser wäre ein qualitativ hochstehendes Katzen-Nassfutter, da dieses in der Regel noch etwas mehr Protein aufweist.» Insektenfresser, wie der Igel einer ist, benötigen in ihrem Futter einen hohen Anteil an tierischen Proteinen. Auch ein gekochtes oder gerührtes, ungewürztes Ei könne diesen Proteinanteil erhöhen.

Der Einkugel-Reflex funktioniert: Noch jedenfalls. (Bild: wia)

Des Igels idealer Ernährungsplan ist momentan jedoch zweitrangig. Mittlerweile ist der Nachmittag angebrochen und der Igel hat bisher weder gegessen noch getrunken. Nun denn, denke ich. Igel sind nachtaktiv, erst dann könne man tatsächlich erkennen, ob das Tier gesund sei, heisst es auf der Webseite des Igelzentrums.

Gemäss Annekäthi Frei sollte der Igel durchschnittlich 10 bis 20 Gramm zunehmen pro Tag respektive pro Nacht. Für Igel, die beim Auffinden so klein seien wie mein Exemplar, empfehle es sich sehr, diese in einem Aussengehege winterschlafen zu lassen und erst im Frühjahr auszuwildern. Das Aussengehege könne er mit zirka 400 Gramm beziehen und dort dann weiter auf 550–600 Gramm gefüttert werden. Das Winterschlaf-Minimalgewicht für spät im Igeljahr geborene Jungtiere betrage 500 Gramm.

Bereits mache ich mir Gedanken über die kommenden Tage, Wochen, Monate. Denn: Igelstationen sind überfüllt, und sollte mein Igel die erste Zeit überleben, müsste ich eine längerfristige Überwinterungsstrategie erarbeiten. Einen Hund habe ich bereits. Viel aufwändiger kann's ja nicht werden. Etwas übereifrig sichere ich mir einen Hasenkäfig für die erste Zeit, in welcher das Tier zwecks Auffütterung in der Wohnung bleiben muss. Auch mache ich mich bei der Fachstelle darüber schlau, welches das beste Entflohungsmittel ist für ein solch delikates Wesen.

Igel überwintern? Nicht ganz unkompliziert

Überhaupt finde ich durch das Igelzentrum heraus, dass die private Überwinterung der geschützten Tiere nur in Ausnahmefällen erlaubt ist. Auch lerne ich, dass bei der Überwinterung im Garten sowie beim Freilassen im Frühjahr einiges zu beachten ist (siehe externe Links). Ich beschliesse, abzuwarten und zu sehen, wie sich die Gesundheit meines Igels während der kommenden Tage entwickelt.

Was, wenn man weder Nerven noch Zeit hat, ein solches Stacheltier selber zu überwintern? Dann bleiben die Igelstationen eine Lösung. Etwa jene beim Tierheim an der Ron oder jene des Tierheims Allenwinden. Eine Anfrage bestätigt, dass ziemlich viel los sei im Moment. Doch die freundliche Dame erklärt mir, dass «wir für einen kleinen Igel immer einen Platz finden».

Und wie verhält es sich grundsätzlich mit dem Füttern von Igeln? Frei betont: «Igel sollte man nur in Ausnahmesituationen füttern, also nur zu Zeiten, wo noch oder bereits wieder wache Igel nicht genügend natürliches Futter finden.» Die Dauerfütterung der Igel im Sommer sei kontraproduktiv, denn langfristig sei nur das natürliche Futter für sie gesund.

Man muss keine Expertin sein, um zu merken, dass die Seitenlage kein gutes Zeichen ist. (Bild: wia)

Beim Telefonat mit Annekäthi Frei prahle ich noch damit, dass mein Igel keine Krankheitserscheinungen aufweise. Wenig später verschlechtert sich seine Situation jedoch drastisch. Plötzlich liegt er auf der Seite, was zwar entspannt aussieht, jedoch für Igel kein gutes Zeichen ist. Noch immer frisst er nichts. Die Augen sind nicht knopfig, sondern kleine Schlitze. Auch rollt er sich nicht mehr zusammen bei meiner Berührung. Der Bauch ist noch immer kühl.

Ich ahne Böses. Als ich um 1 Uhr in der Früh noch einmal nach dem Tier sehe, liegt es nicht mehr voll ausgestreckt, sondern halb geöffnet, im Korb. Es ist kein Zeichen der Besserung, merke ich, sondern geschah vielmehr als letzte, kraftraubende Handlung, bevor das kleine Tier seinen letzten Atemzug tat. Immerhin tat es diesen auf einer warmen Bettflasche.

Am nächsten Tag kaufe ich eine Dose Katzenfutter. Sicher ist sicher.

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