Regionales Leben

WCs an der Seepromenade sind rar
Toilettengang am Ufer des Zugersees: Für viele zu weit oder zu mühsam

  • Lesezeit: 5 min
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Buvette Quai Pasa am Zugersee: Neu steht dort auch das WC zur Verfügung. (Bild: Beat Holdener) (Bild: Beat Holdener)

Mangels Toiletten erleichtern sich viele Menschen abends an der Zuger Seepromenade in einem Gebüsch oder an Hauswänden. Die Stadt kennt das Problem, Verbesserungen brauchen jedoch Zeit. Immerhin: Ein WC steht kurzfristig zusätzlich zur Verfügung.

Das Seeufer ist für die Zugerinnen im Moment das Erholungsparadies par exellence, wie jüngst sogar deutsche Medien feststellten (zentralplus berichtete). Zu Hunderten tummeln sich viele Leute an schönen Abenden am Quai vom Casino bis zum Hafen. Auf Wiesen, Plätzen, Bänken, Mäuerchen – die jüngeren einfach auf dem Boden – sitzen Leute gruppenweise zusammen und konsumieren ihre mitgebrachten Getränke.

Wer in diesem Paradies mal muss, muss allerdings längere Wege auf sich nehmen. Die WC-Anlagen dem Seeufer entlang sind dünn gesät und genügen kaum für die Personenfrequenzen an schönen Tagen. Während sich Frauen darüber ärgern, erledigen Männer ihr Geschäft oft einfach ungeniert im Freien.

Fehlende Restauranttoiletten

«Die Auswirkungen der Pandemie spielen hier eine entscheidende Rolle», sagt Birgitt Siegrist vom städtischen Baudepartement. «Mehr Leute als sonst bewegen sich in den lokalen Grün- und Seeanlagen.» Der Stadtrat beobachte die Situation aufmerksam, könne aber die weitere Entwicklung der Pandemie nicht voraussehen.

Erschwerend kommt dazu, dass die Verpflegung vermehrt im öffentlichen Raum stattfinde und die Toiletten der Restaurants derzeit nicht zur Verfügung stehen. Die Dichte an Toiletten ist laut der stellvertretenden Departementssekretärin jedoch im Normallfall ausreichend: «In Zug am See mit zirka 300 Metern ist der Abstand zwischen zwei Anlagen beispielsweise vergleichbar mit Zürich, wo mehr Leute im öffentlichen Raum unterwegs sind.»

Nächtliche Schliessungen

Nachts werden die WCs beim Badeplatz Siehbach, dem ehemaligen Männerbad und bei der Katastrophenbucht geschlossen. Grund dafür ist der Vandalismus, der in den Stadtzuger Toilettenanlagen «eine Tatsache» sei. «Der städtische Werkhof repariert praktisch jedes Wochenende Installationen in der Toilettenanlage an der Katastrophenbucht», so Birgitt Siegrist.

Die Vandalenakte finden in der Regel in der Nacht statt, wenn die soziale Kontrolle nicht mehr spielt. Die Toiletten in der Vorstadt werden deshalb ab 23 Uhr geschlossen mit dem Hinweis auf die Anlage Landsgemeindeplatz. Diese steht die ganze Nacht offen, ebenfalls eine Kabine beim Hafenrestaurant. Allerdings sind die beiden WCs mehr als einen Kilometer voneinander entfernt.

Nachts wegen Vandalismus abgesperrt: Die WC-Anlagen bei der Zuger Katastrophenbucht. (Bild: Beat Holdener)

Wenig Alternativen

Rasche, nachhaltige Lösungen sind nicht abzusehen. Videoüberwachung ist aus rechtlichen Gründen nicht erlaubt. Provisorische WC-Anlagen sind nach den Erfahrungen des Bauamts ebenfalls nicht vandalensicher: «Sogenannte Toitois werden umgeworfen oder Türen werden ausgerissen.»

Toiletten in umliegenden öffentlichen Gebäuden sind nicht eingerichtet für die unbeaufsichtigte Benutzung am Abend. Eine Bewirtschaftung wäre personalintensiv und kostspielig. Auch von Privaten ist keine Abhilfe zu erwarten. «Die Zurverfügungstellung von WC-Anlagen ist mit grossen Schwierigkeiten verbunden und stösst sicherlich nicht auf grosses Interesse durch Liegenschaftsbesitzer», sagt die Bauamtsprecherin.

Bei der Stadt ist jedoch der Umbau von WC-Anlagen in Planung. So sollen die Toiletten in der Katastrophenbucht, künftig resistenter gegen Zerstörungswut gemacht werden.

Rasch(l)es Handeln

Immerhin zwei WC-Kabinen konnten am See kurzfristig zusätzlich zur Verfügung gestellt werden. Nach der Anfrage von zentralplus nahm Stadtrat Urs Raschle sofort mit den Betreibern des «Quai Pasa» bei der Schützenmattturnhalle Kontakt auf. Der Vorsteher des Departements Soziales, Umwelt und Sicherheit verfügte, dass die WCs der dortigen Buvette sofort geöffnet werden. Seit Saisonstart vor Ostern war den Gästen die Benutzung der Toiletten untersagt.

Die Problematik des wilden Urinierens am Seeufer ist damit nur ansatzweise gelöst. Die regelmässig zivil und unformiert patrouillerende Polizei und die Stadt haben zwar in letzter Zeit keine zusätzlichen Meldungen registriert. Ein Augenschein vor Ort und Gespräche mit Anwohnenden zeigen allerdings ein weniger erfreuliches Bild.

Natur nimmts gelassen

Der Zuger Stadtrat hat auf jeden Fall kein Verständnis dafür, wenn sich Personen hier nicht an die Regeln halten. «Es stehen öffentliche Toilettenanlagen zur Verfügung, diese sind zu Fuss in wenigen Minuten erreichbar», lässt er mitteilen.

Beruhigend zu wissen für Leute, denen die Natur am Herzen liegt: Für die Pflanzenwelt ist das «Wildpinkeln» bezüglich Nährstoffe kein Problem. «Das unbedachte Betreten der Pflanzflächen hingegen schon», gibt die bei der Stadt zuständige Stelle für Grünanlagen zu bedenken. Das Absperren von Anlagen sei von der Stadt Zug trotzdem nicht geplant: «Die Bevölkerung muss schon mit genügend Einschränkungen leben.»

Originelle Lösungsvorschläge

Die jungen Leute am See gehen mit der prekären WC-Situation nicht nur pragmatisch um, sondern nehmen sie auch mit Humor. Sie diskutierten beispielsweise eifrig über den möglichen Einsatz von Kathetern oder mobilen Urinalen. Vorgeschlagen wurden auch Gesuche an die Stadt als Mitverantwortliche für die Misere, allfällige Bussen wegen Verrichtens der Notdurft in der Öffentlichkeit genauso zu übernehmen wie so vieles andere in der aktuellen Situation.

Nicht ganz klar ist die rechtliche Situation, wenn eine Person mangels sanitärer Anlagen in bewohntem oder öffentlichem Gebiet ihr menschliches Häufchen ordentlich mit einem Robidog-Säcklein entfernt oder in ein Glasgefäss uriniert und dieses anschliessend in die Kanalisation kippt. Der Zuger Polizei sind keine entsprechenden Fallbeispiele bekannt. Deshalb kann sie nicht sagen, ob in solchen Fällen eine Busse droht. Grundsätzlich gehe das Übertretungsstrafgesetz davon aus, dass man beim Verrichten der Notdurft eine Verunreinigung hinterlässt.

«Geheimtipp» für Notdürftige

Der Polizeisprecher ergänzt, dass bestimmte Menschen täglich in der Öffentlichkeit Darm und Blase entleeren, nämlich Kinder oder Inkontinente. «Die Öffentlichkeit wird jedoch durch diesen Vorgang nicht gestört, da die betreffenden Personen Windeln tragen und sich nicht entblössen müssen», schreibt Frank Kleiner.

Mit anderen Worten: Wem am Seeufer der Weg bis zur nächsten Toilette zu weit ist, hätte mit Pampers für Erwachsene am wenigsten Probleme.

Abort besetzt durch Ungeheuer

Das historische Pissoir an der Ägeristrasse in der Mauer neben dem Aufgang zum Kapuzinergässchen ist zurzeit ebenfalls ausser Betrieb. Unbekannte Kunstschaffende haben in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Absperrbretter mit der bunten Abbildung eines Drachen verziert. Sehr zur Freude von vorbeispazierenden Kindern. Aus dem Abort soll per Lautsprecher offenbar auch bald ein furcherregendes Fauchen ertönen. Bleibt zu hoffen, dass dabei niemand vor Schreck in die Hose macht.

Von einem Fabelwesen zwischengenutzt: die Latrine an der Ägeristrasse. (Bild: Beat Holdener)

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