Regionales Leben
Luzerner Bergführer ordnet ein

So viele Rega-Einsätze wie noch nie: Was dahinter steckt

Über 2100 Mal musste die Rega im Juli ausrücken. Der Grossteil davon waren Wanderunfälle. (Bild: Rega)

Die Rega verzeichnet einen traurigen Rekord: Im Juli hatte sie über 2'100 Helikopter-Einsätze. Das sind ein Drittel mehr als im Fünfjahresschnitt. Gemäss dem Bergführer Marcel «Stei» Steurer aus Ruswil überschätzen sich viele Wanderer.

Nebst Sauerteigbrot-Backen hat besonders ein Hobby während der Pandemie einen Aufschwung erlebt: Wandern. Draussen in der Natur die Berge hochzukraxeln und als Belohnung ein wunderschönes Panorama zu ernten ist für manche verlockender als die x-te Serie zu schauen.

Rega hatte so viele Einsätze wie noch nie

Auch bei dieser Hitze fliehen viele in höher gelegene Sphären, wo es kühler ist. Das schlägt sich jedoch in unerfreulichen Zahlen nieder. Wie der «Tagesanzeiger» berichtet, hat die Rega zum ersten Mal überhaupt mehr als 2'000 Einsätze innerhalb eines Monats gehabt. Wie Rega-Mediensprecherin Corina Zellweger auf Anfrage ausführt, hat die Rega im Juli 2022 über 2'100 Helikopter-Einsätze organisiert. Das entspricht einem Drittel mehr Einsätzen als im Fünfjahresschnitt. Davon entfallen rund 130 Einsätze auf die Basis Erstfeld (UR), welche die Zentralschweiz abfliegt.

Zugenommen haben die Einsätze im gesamten Einsatzspektrum. Doch insbesondere Einsätze nach Unfällen beim Wandern und Bergsteigen hätten überdurchschnittlich zugenommen. «Die Rega führt dies unter anderem darauf zurück, dass immer mehr Menschen Freizeitaktivitäten in den Bergen nachgehen», so Zellweger.

Wanderunfälle nehmen zu

Ähnlich sieht es auch die Suva. «Bei der aktuellen Wettersituation (heiss und längere Schönwetterperiode) zieht es sicher vermehrt Menschen in die Berge», wie Mediensprecherin Natascha Obermayr auf Anfrage schreibt. Dieser Trend habe sich bereits während der Pandemie gezeigt. Jährlich komme es zu rund 6'700 Unfällen beim Wandern.

«Viele Leute überschätzen sich. Und denken, dass sie im Notfall ja noch mit dem Handy die Rega rufen können.»

Marcel «Stei» Steurer, Ruswiler Bergführer

Zahlen zu den Pandemiejahren 2020 und 2021 liegen zwar noch nicht vor. Doch die Statistiken der Unfallversicherung und des Bundesamts für Unfallverhütung zeigen, dass die Wanderunfälle Jahr für Jahr zunehmen. Bei den Zahlen der Unfallversicherung und der Suva sind Rentner und Kinder nicht mal eingerechnet.

Luzerner Bergführer sieht vielseitige Gründe

Ein Grund zur Beunruhigung? Mitnichten, findet Bergführer Marcel «Stei» Steurer. Zwar gebe es schon Wanderrouten und Gletscher, die er wegen der Steinschlag-Gefahr nicht mehr machen würde. «Im Kanton Luzern haben wir aber nirgends ein Problem», beruhigt er.

Die Gründe für die zunehmenden Rega-Einsätze sieht er nicht darin, dass etwa die Wanderrouten schwieriger geworden sind. Sondern vielmehr in schlechter Vorbereitung, der Ferienzeit und der guten Kommunikationsmöglichkeiten.

«Der Durchschnittsberggänger war vor 20 Jahren fitter als heute.»

Marcel «Stei» Steurer, Ruswiler Bergführer

«Viele Leute überschätzen sich. Und denken, dass sie im Notfall ja noch mit dem Handy die Rega rufen können», führt Steurer aus. «Notfälle können schon mal passieren». Auch er musste sich schon wegen eines Gewitters und viel Neuschnee von der Rega holen lassen. Doch grundsätzlich könne viel mit der richtigen Vorbereitung verhindert werden.

Auf Teufel komm raus auf den Berg

Das habe nicht nur mit der richtigen Ausrüstung wie guter Bekleidung und genügend Wasser zu tun, sondern auch mit Fitness: «Die Kondition hat bei vielen Leuten abgenommen. Der Durchschnittsberggänger war vor 20 Jahren fitter als heute.» Heute hätten die Leute weniger Zeit zum Trainieren. Und wenn sie dann Zeit hätten, wie etwa während der Ferien, möchten sie unbedingt eine coole Wanderung oder Bergtour machen. Selbst wenn sie körperlich nicht dazu imstande seien oder am gewünschten Berg zurzeit Steinschlag-Gefahr herrsche.

Lust bekommen, gleich loszuwandern? Hier findest du den Wanderführer von zentralplus mit 160 ausführlich beschriebenen Routen in der Zentralschweiz, filterbar nach deinen Kriterien und alle mit übersichtlichen Karten.

Hinzu komme das Wetter. Zwar gebe es mittlerweile relativ genaue Wetterberichte. «Aber in den Bergen ist das Wetter unberechenbar», mahnt Steurer. «Wenn für Mittag ein Gewitter angesagt ist, kann es auch schon um 9 Uhr kommen.» Und wenn der Weg nass ist, ist es automatisch gefährlicher.

Heisst das nun, bei angesagten Gewittern sind die Berge tabu? Der Bergführer verneint: Auch hier laute das Credo wieder gute Vorbereitung. So sollte sicher eine Rückzugsmöglichkeit oder Alternativ-Route miteingeplant werden. Zudem werde ein guter Orientierungssinn wichtig – denn zu Gewittern in den Bergen gehöre auch Nebel dazu.

So wanderst du sicher

Damit du sicher den Berg hoch- und wieder runterkommst, gibt es einiges zu beachten.

Gute Planung

Schlage die Route, die du wandern willst, vorher einmal nach. So zum Beispiel beim zentralplus-Wanderblog. Wie sind die Schwierigkeitsangaben? Gibt es Möglichkeiten, eine Pause zu machen? Gibt es Alternativrouten, falls das Wetter umschlägt? Aber auch den Höhenunterschieden solltest du Beachtung schenken.

Dabei ist wichtig: Suche unbedingt möglichst aktuelle Angaben. «In meinem ‹Bergführer› von 1985 gibt es Wanderrouten, die heute einem Himmelfahrtskommando gleichen», so Steurer. Ebenso spielt es eine Rolle, wer noch auf die Wanderung mitkommt. Grundsätzlich gilt: Das schwächste Glied der Gruppe gibt Tempo und Schwierigkeit der Tour vor.

Gute Ausrüstung

Für eine Wanderung braucht es auch eine gute Ausrüstung. Dazu gehören Regen- wie Sonnenschutz und warme Kleider, da das Wetter in der Höhe schnell umschlagen kann. An die Füsse gehört gutes, tritt- und rutschfestes Schuhwerk. «Nicht jeder braucht immer die gleiche Ausrüstung. Sie muss jeweils dem Gelände und den eigenen Fähigkeiten entsprechen», so Steurer.

Mit in den Rucksack gehöre zudem eine Notfallapotheke. Und bei der Hitze unbedingt auch genügend Verpflegung, vor allem zum Trinken. Zu guter Letzt auch ein aufgeladenes Handy, sollte es trotzdem zu einem Notfall kommen.

Gute Einschätzung

Am Tag der Wanderung solltest du zuerst einschätzen, ob du auch wirklich fit bist. Geht es dir an dem Tag nicht gut, ist es besser, wenn du daheim bleibst. Falls du gehst, solltest du unbedingt die Wetterprognose studieren. Und wie oben erwähnt – ist Gewitter angesagt, kann das auch zu einem anderen Zeitpunkt kommen, als die Wetterprognosen angeben. Während der Wanderung solltest du das Wetter beobachten, sodass du bei einem Wetterumbruch genügend früh umkehren oder Schutz suchen kannst. Merkst du, dass du müde wirst, kehre rechtzeitig um.

Im Zweifelsfall rät die Rega, lieber einmal zu viel zu alarmieren als einmal zu wenig. «Eine Alarmierung bedeutet noch nicht, dass ein Rettungshelikopter startet», so Zellweger. Die Einsatzleiterinnen in der Zentrale beurteilen jeweils zuerst, ob ein Rega-Einsatz das richtige Mittel ist.

Verwendete Quellen
  • Artikel «Tagesanzeiger» (hinter Paywall)
  • Schriftlicher Austausch mit Natascha Obermayr, Mediensprecherin der Suva
  • Schriftlicher Austausch mit Corina Zellweger, Mediensprecherin der Rega
  • Telefonat mit Marcel «Stei» Steurer, Bergführer aus Ruswil
  • Tipps der Rega und der Suva zu sicherem Wandern
  • Statistiken des Bundesamts für Unfallverhütung (Bergsport)
  • Statistiken der Unfallversicherung
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