Regionales Leben

Führung mit dem Smartphone
Neuer Stadtrundgang zeigt Luzerns Verbindung zum Holocaust

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  • Kommentare: 6
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Der Stadtrundgang führt auch zur Synagoge im Bruchquartier. (Bild: ewi)

Die Pädagogische Hochschule Luzern hat einen neuen Stadtrundgang lanciert. Dieser zeigt eine Seite der Stadt, von der bis heute viele wohl nicht wissen. zentralplus hat sich auf den Weg gemacht und den Rundgang ausprobiert.

Hast du gewusst, dass es in Luzern eine Synagoge gibt? Vermutlich schon (zentralplus berichtete). Aber hast du auch gewusst, dass im Hotel Gütsch während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge aufgenommen wurden? Oder dass im Hotel National 1939 «entartete» Kunst versteigert wurde? Vermutlich nicht.

Diese verschiedensten Berührungspunkte der Stadt Luzern mit der nationalsozialistischen und dem Holocaust zeigt ein neuer Stadtrundgang der Pädagogischen Hochschule Luzern (PH) auf. Das Besondere daran: der Rundgang erfolgt einerseits physisch vor Ort in den Strassen Luzerns, wird aber digital über die App IWalk angeleitet.

Wie funktioniert dieser Rundgang?

Die App lässt sich kostenlos herunterladen. Über wenige, selbsterklärende Klicks gelangt man auf die Startseite des Luzerner Stadtrundgangs. Dieser beginnt vor dem KKL auf dem Europaplatz. Im früheren Kunst- und Kongresshaus fand 1935 der 19. Zionistenkongress statt. In einfachen Worten erklärt die App, was es mit diesem Kongress auf sich hatte.

Auf der nächsten Seite folgt ein Videointerview mit dem Zeitzeugen Heinz Feldheim (1908-1997). Der in Deutschland geborene Feldheim hat den Holocaust überlebt und schildert im erwähnten Video die Situation der Juden in Deutschland zur Zeit des Zionistenkongresses.

In diesem Stil führt der Rundgang durch das jüdische Luzern über drei weitere Stationen: das Hotel National an der Haldenstrasse, die Synagoge im Bruchquartier sowie das Historische Museum respektive das Hotel Gütsch. Der Informationstext zu den jeweiligen Standorten ist kurz gehalten. Kernelement des Rundgangs sind Videointerviews von sechs verschiedenen jüdischen Zeitzeugen. In den Interviews erinnern sie sich an ihre Erfahrungen während des Nationalsozialismus. Während dieser Zeit kamen einige von ihnen als Flüchtlinge nach Luzern und wurden wie eingangs erwähnt im Hotel Gütsch oder Tivoli untergebracht.

Riesiges Videoarchiv

Die Beiträge stammen aus dem «Visual History Archive» der USC Shoah Foundation, wie Helen Kaufmann erklärt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen der PH Luzern. Sie und ihr Kollege Nick Zenzünen waren massgeblich an der Entwicklung des Stadtrundgangs beteiligt. Bei diesem Archiv handelt es sich um ein amerikanisches Videoarchiv mit über 50’000 Interviews mit Opfern und Zeitzeugen des Holocausts und anderer Genoziden.

«Bis zum Studium wusste ich nicht mal, dass es in Luzern eine Synagoge gibt. Wie kann das sein?»

Helen Kaufmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin PH Luzern und Mitentwicklerin des Rundgangs

Für Kaufmann ein besonderer Reiz: «Das Spannende an unserem Rundgang ist, dass wir nicht nur Fakten, sondern auch subjektive Erinnerungen von Betroffenen präsentieren.»

Mangelndes Bewusstsein

Kaufmann will mit dem neu entwickelten Stadtrundgang das Bewusstsein der Bevölkerung für die jüdische Geschichte Luzerns fördern. Die Problematik des mangelnden Bewusstseins kennt sie aus persönlicher Erfahrung. «Bis zum Studium wusste ich nicht einmal, dass es in Luzern eine Synagoge und eine jüdische Gemeinde gibt. Wie kann das sein?»

Dabei gäbe es zahlreiche Berührungspunkte zwischen der Stadt Luzern, der Zeit des Nationalsozialismus und dem Holocaust. Diese seien einer breiten Bevölkerungsgruppe jedoch kaum bekannt. Allgemein hätten in der Schweiz viele das Gefühl, dass der Nationalsozialismus unser Land nicht betroffen habe. Dabei sei diese Geschichte nicht so weit weg, wie viele meinen, findet Kaufmann.

Mit den Videos des amerikanischen Archivs witterte sie jedoch die Möglichkeit, das Bewusstsein der Bevölkerung für diese Geschichte zu schärfen: «Im Archiv gibt es Zeugen, die von diesen Berührungspunkten berichten. Ich fand, das ist eine Chance, die wir unbedingt nutzen sollten.»

«Geschichte vor der Haustür»

Das gewählte Tool sei dafür ideal geeignet, ergänzt die Historikerin und Geschichtsdidaktikerin. Denn die App bietet die Möglichkeit, historische Schauplätze mit digitalen Mitteln (wie eben solchen Videos) zu bespielen. «Geschichte vor der Haustür», wie Kaufmann es nennt. Zudem habe dieses Konzept den Vorteil, dass es an den originalen Schauplätzen keinerlei Eingriffe benötige. «So umgehen wir komplizierte Diskussionen bezüglich der Nutzungsbedingungen», führt Kaufmann aus.

Zudem gefällt es ihr, dass die App einen niederschwelligen Zugang zum Stadtrundgang ermöglicht. Der Rundgang ist kostenlos und für eine Teilnahme braucht es lediglich ein Smartphone. Ob Einheimische, Schülerinnen oder Touristen – der Rundgang soll eine möglichst breite Bevölkerungsgruppe ansprechen. Zudem ermöglicht die App eine individuelle Begehung des Rundgangs im eigenen Tempo. Und sollte es plötzlich in Strömen regnen, kann der Rundgang ohne Weiteres von einem trockenen Café aus fortgeführt werden.

Die PH hat den Rundgang am Donnerstag offiziell lanciert. Der 27. Januar ist nämlich der internationale Holocaust-Gedenktag. Die Einweihung der App fand coronabedingt im kleinen Rahmen statt. Sobald sich die epidemiologische Situation entspannt hat, seien weitere öffentliche Führungen geplant, wie die Hochschule mitteilt.

Zum Projekt

Der Stadtrundgang ist Teil des Projekts «Lebensgeschichten». Dabei handelt es sich um ein transnationales Lernangebot, welches mit den deutschsprachigen Interviews des «Visual History Archive» arbeitet. Am Projekt beteiligt sind nebst der PH Luzern auch das Österreichische Institut Erinnern.at sowie die Europa-Universität in Flensburg, Deutschland.

Auftraggeberin ist die USC Shoah Foundation, welche das «Visual History Archive» verwaltet und für die Bearbeitung der deutschsprachigen Videos auf die besagten Hochschulen zuging.

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6 Kommentare
  1. Martin Elbel, 01.02.2022, 08:47 Uhr

    Schöner, interessanter Beitrag!
    Könntet Ihr noch den Namen der App kundtun, damit wir sie im App-Store finden?
    Beste Grüsse Martin Elbel

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    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 01.02.2022, 09:00 Uhr

      Guten Tag Herr Elbel
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Die App heisst «IWalk», Elio Wildisen hat es im zweiten Abschnitt kurz erwähnt (Der ganze Name lautet «IWalk – USC Shoah Foundation»).

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  2. Rudolf 1, 29.01.2022, 14:34 Uhr

    Nebst den «Fröntlern», den Schweizer Sympathisanten des Dritten Reichs, existierte ab 1932 in Luzern eine Schweizer Ortsgruppe der NSDAP, die der NSDAP in Deutschland direkt unterstellt war. Die Jahre bis zum Kriegsende waren jedoch von Duldsamkeit und Rücksichtnahme gegenüber diesen Leuten geprägt. Heuchelei dominierte auch die Haltung der Luzerner Regierung zu den Nazis im Kanton. Sie befürchtete negative Auswirkungen auf die Tourismusindustrie und dadurch den Unmut der Bevölkerung. Deshalb müsste der Tagungsort dieser Leute, das alte Luzerner Theater, auch in die Führung eingebaut werden. Beim verdankenswerten Einsatz des schweizerischen Armeegeheimdienstes zur raschen Beendigung des Krieges in Italien spielte – unter der Führung des Luzerners Oberst Max Waibel – dann auch der Saal des Hotels Schweizerhof eine zentrale Rolle.

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  3. Marsumarsu, 28.01.2022, 17:00 Uhr

    Es gibt noch die andere Seite der Aufarbeitung, die im Bericht
    „Luzerns Verbindung zum Holocaust“
    leider unerwähnt bleibt.

    https://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/heuchlerischer-umgang-mit-der-nsdap-ortsgruppe-in-luzern/

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    1. philippebucher, 30.01.2022, 21:04 Uhr

      Vielen Dank für den Verweis auf meinen Blogpost. Da im obigen Artikel die Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen im Hotel Gütsch erwähnt wird, verweise ich zudem noch auf einen Artikel zu den Internierten deutschen Offizieren am Ende des Krieges: https://www.zentralplus.ch/blog/damals-blog/privilegierte-deutsche-offiziere-im-hotel-guetsch/

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  4. Hannes Estermann, 28.01.2022, 08:45 Uhr

    Gratuliere zu dieser hist.jüdischen Aufarbeitung in der Stadt Luzern.
    Kleine Ergänzung meinerseits….
    Für die wenigsten jungen Menschen wird der jüdische Friedhof im sog.Moorental am Rande der grossen Friedentalanlage bekannt sein.
    Dieser wurde vor seiner Betriebnahme im Jahr 1887 politisch von verschiedenstenSeiten auf`s übelste bekämpft.
    Anfangs 50 er Jahre war ein Besuch dieser Anlage ein Muss aus Sicht unseres ausgezeichneten Lehrers Franz Stegers vom Gersag/ Emmenbrücke, mit anschliessend geführten Besuchs in der Synagoge.
    Rückwirkend glaube ich,dass dieses damalige » VORORT» lernen, der best mögliche Einstieg zu meinem heutigen politisch und religiösen Verständnis war.
    Möge ihr Beitrag ähnliches auslösen…es währe Ihnen zu gönnen!

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