Nach Unfall am St. Karli-Quai

Luzerner Ufermauer: Auch an der Bahnhofstrasse bröckelt es

Die Ufermauer an der Bahnhofstrasse muss saniert werden. Das ist Kurt Bischof vom Fischereiverband Luzern ein Dorn im Auge. (Bild: plu/zvg)

Am St. Karli-Quai ist am Dienstag unerwartet ein Stück der Ufermauer weggebrochen. Es ist nicht die einzige marode Mauer entlang des Luzerner Reussufers. Wird es jetzt an der Bahnhofstrasse gefährlich?

Hausmauern, die ins Wasser bröckeln, kannte man bisher eigentlich nur aus Venedig. Doch auch an der Luzerner Infrastruktur nagen der Zahn der Zeit und die erodierende Kraft der Reuss. Das offenbarte sich gerade in dieser Woche, als am St. Karli-Quai ein 15 Meter langer Abschnitt der Ufermauer wegbrach und ins Wasser fiel (zentralplus berichtete).

Glücklicherweise wurde beim Vorfall niemand verletzt. Gleichzeitig wirft der Unfall die Frage auf, wie sicher die Ufermauern entlang der Reuss sind. Denn bereits im letzten Herbst hat die Stadt Luzern mitgeteilt, dass die Ufermauer an der Bahnhofstrasse im Abschnitt zwischen See- und Kapellbrücke dringenden Sanierungsbedarf aufweise.

Ufermauer ist unterspült

So lag im September 2021 ein Baugesuch auf, in dem die Stadt über die geplanten Arbeiten an der Mauer informierte. Tauchgänge hätten gezeigt, dass das Fundament der Mauer unterspült sei. «Die Ufermauer ist über grosse Längen unterspült und der Holzrost und die Holzpfähle sind teilweise sichtbar», hiess es im Baugesuch (zentralplus berichtete).

Weil die Bauarbeiten für die geplante Velostation zu einer zusätzlichen Belastung der Mauer führen, muss sie vor dem Baustart saniert werden. «So kann die Velostation mit einer sanierten und stabilen Fundation der Ufermauer umgesetzt werden», heisst es im Bericht und Antrag des Stadtrats zum Gesamtprojekt «Neue Bahnhofstrasse». Die Bauarbeiten sollten im vergangenen November beginnen und während des Winter 21/22 abgeschlossen werden. Die Sanierung kostet die Stadt rund 700'000 Franken.

Verzögerungen beim Baustart

Nur: Saniert hat die Stadt Luzern am betroffenen Abschnitt bisher noch gar nichts. «Für die Sanierung der Ufermauer benötigen wir mehr Zeit zur Erarbeitung der Planauflage», bestätigt Lukas Deschwanden, Projektleiter beim Tiefbauamt der Stadt Luzern. «Wir konnten daher nicht wie geplant starten», ergänzt er.

«An der Bahnhofstrasse besteht aktuell definitiv keine akute Gefahr.»

Lukas Deschwanden, Projektleiter Tiefbauamt Stadt Luzern

Zwar liege die Baubewilligung bereits seit dem vergangenen November vor. Doch die öffentliche Ausschreibung des Auftrags habe länger gedauert als geplant. Darum habe das Tiefbauamt entschieden, die Arbeiten gleich auf den nächsten Herbst zu verschieben. Dies mache aus Sicht der Stadt Sinn, weil sie so die Laichzeiten der Äsche im Frühling sowie mögliche Hochwasser im Sommer berücksichtigt.

Kein «alarmierender Zustand»

Doch nach den Geschehnissen am St. Karli-Quai stellt sich die Frage, wie sicher der Gang entlang des Ufers an der Bahnhofstrasse noch ist. Droht auch hier, die Mauer plötzlich einzustürzen? Zumal es sogar im Baugesuch hiess, dass bei einer Mehrbelastung der Mauer «lokale Einstürze der einsturzgefährdeten Ufermauer nicht ausgeschlossen werden können».

Doch Deschwanden gibt Entwarnung: «An der Bahnhofstrasse besteht aktuell definitiv keine akute Gefahr.» Zwar habe die Inspektion einen «schlechten bis schadhaften» Zustand des Fundaments festgestellt. Doch ein «alarmierender Zustand» liege nicht vor, versichert der Projektleiter.

Vergleich zum St. Karli-Quai ist schwierig

Doch wie stabil ist die Mauer noch, wenn im Herbst daran gebohrt und gehämmert wird? Auch am St. Karli-Quai ereignete sich der Unfall erst während der Sanierungsarbeiten des Kantons. Diese waren notwendig, weil die Mauer unterspült war (zentralplus berichtete). Ein vergleichbares Szenario also zur Situation an der Bahnhofstrasse.

Doch auch bezüglich der Sanierung hat Lukas Deschwanden keine Bedenken. Dass die Mauer während der Arbeiten abrupt einstürzen könnte, hält er für «unwahrscheinlich». Die Mauer stehe auf Holzpfählen und sei somit gegen ein plötzliches Abbrechen gesichert. Zudem werden die Arbeiten vom Wasser und nicht von der Bahnhofstrasse aus durchgeführt. Dies verhindere, dass die Mauer durch die Mehrbelastung während der Arbeiten plötzlich einstürzt.

Zudem gibt es hinter der Ufermauer an der Bahnhofstrasse auch keine sensible Infrastruktur wie am St. Karli-Quai. Dort befinden sich eine Gasleitung und die Kanalisation. Die Gasleitung wurde durch den Unfall am Dienstag nicht beschädigt. Hingegen gab es einen Schaden an der Kanalisation, sodass das Abwasser vorübergehend direkt in die Reuss floss.

Fische als Leidtragende

Im Herbst dieses Jahres sollen die Arbeiten an der Ufermauer an der Bahnhofsstrasse beginnen. Leidtragende der Arbeiten sind die Fische in der Reuss. Diese nützen die unterspülte Mauer nämlich als Unterschlupf. «Das Schlimmste für die Fische sind Mauern ohne Nischen und Bauwerke im Wasser», erklärt Kurt Bischof, Sprecher des Fischereiverbands Luzern.

«Wir anerkennen, dass die Stadt ein hohes ökologisches Bewusstsein hat.»

Kurt Bischof, Sprecher Fischereiverband Stadt Luzern

Weil die Stadt die Arbeiten vom Wasser aus durchführen wird, verwendet sie Flosse. Diese werfen einen Schatten auf den Flussgrund, der den dort lebenden Fischen zusätzlich missfällt. Doch trotz dieser Bedenken hat der Fischereiverband von einer Einsprache gegen das Bauprojekt abgesehen.

«Wir anerkennen, dass die Stadt ein hohes ökologisches Bewusstsein hat», erklärt Bischof. Der Verband erwartet darum von der Stadt, dass diese bei den Bauarbeiten fisch-freundliche Elemente installiert, damit diese auch nach der Sanierung noch einen Unterschlupf finden.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Lukas Deschwanden
  • Gespräch mit Kurt Bischof
  • Lektüre des Berichts und Antrags zur neuen Bahnhofstrasse
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