Regionales Leben
Der Herbst ist da

Die Stadt, in der das Glück von den Bäumen fällt

Die Blätter verfärben sich bereits in Luzern – schon winkt die grosse Herbstdepression. (Bild: ber)

Nach einem heissen Sommer werden die Tage jetzt kürzer. In Luzern beginnen die Blätter bereits, sich zu verfärben. Krieg, Energiekrise, die Rückkehr der Pandemie: Dieses Jahr droht die grosse Herbstdepression. Ein paar tröstende Worte.

Was wir bis vor kurzem nur aus den Geschichtsbüchern kannten, ist jetzt schreckliche Wirklichkeit: Tausende von Menschen sterben in Europa. Nach der Pandemie kam der Krieg in der Ukraine – und nun geht der Schweiz der Strom aus. Es scheint, als würde der Strom schlechter Nachrichten nicht abreissen.

Wenn Herbstdepression, dann jetzt.

Daneben der Wahnsinn des Alltags. «Alles muss besser, schneller, grösser, mehr sein», wie es der Soziologe Martin Hafen kürzlich gegenüber zentralplus formulierte. Die Zukunft sieht düster aus. Die junge Generation heute ist die erste, die nicht damit rechnen kann, es einst besser zu haben als ihre Eltern.

Wenn Herbstdepression, dann jetzt.

Die Blätter färben sich langsam, es ist kalt am Morgen. Die ersten Nebelschwaden in der Luft, wenn ich mich zu meinem Spaziergang aufmache. Der Weg führt mich über den Friedhof im Friedental. Ich laufe an den Gräbern vorbei. An all den Menschen, die nicht mehr da sind.

Wenn Herbstdepression, dann jetzt.

Wenn Hoffnung gebraucht wird, dann jetzt

Auf dem Rückweg zu meinem Velo bemerke ich eine Bewegung neben mir. Die erste Rosskastanie des Jahres ist mir vor die Füsse gefallen. Die stachelige Kapsel rollt einen Meter und bleibt dann liegen. In ihrem Inneren schimmert es glänzend, als wäre eine Perle darin.

Ich nehme die Kastanie heraus und halte sie in der Hand. Unglaublich, denke ich. Was für eine Kraft in einer so kleinen Frucht steckt. Die Kraft eines ganzen Baumes.

Sie fühlt sich kühl an. Auf ihrer Oberfläche glitzern ein paar Wassertropfen. Ich stelle mir vor, wie ein Teil der Energie dieses zukünftigen Baumes in mich übergeht. Ich muss daran denken, was eine liebe Journalistenkollegin mir letztes Jahr erzählt hat. Nämlich, dass die erste Rosskastanie, die du im Herbst findest, dir Glück bringen wird.

Ich stelle mir vor, wie viele der Früchte den Luzernerinnen – genau wie mir – in den nächsten Tagen und Wochen vor die Füsse fallen.

Ein tröstlicher Gedanke. Denn die Rosskastanie ist in der Stadt Luzern allgegenwärtig. Seit 1844 säumen diese Bäume in einer Allee den Schweizerhofquai. Jeder zehnte Stadtbaum gehört zu dieser Art.

Ich stelle mir vor, wie viele der Früchte den Luzernerinnen – genau wie mir – in den nächsten Tagen und Wochen vor die Füsse fallen. Und hoffe, dass es stimmt, dass sie Glück bringen.

Ich sammle einige Rosskastanien auf und stecke sie in die Tasche. Ich werde sie an Orte legen, wo keine solchen Bäume stehen. Auf das sie von jemandem gefunden werden. Und dieser Person Glück bringen.

Wenn Hoffnung gebraucht wird, dann jetzt.

Verwendete Quellen
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