Regionales Leben

Seit bald 30 Jahren
Heidi Rothen: So lebt das «Christkindli» von Luzern

  • Lesezeit: 6 min
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Heidi Rothen bekommt bis heute auch mitten im Jahr Post, adressiert ans «Christkind Luzern». (Bild: Mirjam Oertli)

Der «Christkindli-Briefkasten» vor dem Rathaus in Luzern ist eine Institution. Auch nach 28 Jahren gehen die Wünsche und Nöte, die er schluckt, direkt an Heidi Rothen, die ihn einst initiierte.

Das kleine Haus steht am Rand einer Alpwiese, eingebettet in den Schutz einiger Bäume. Holzschindeln kleiden die Fassade; auf die roten Fensterläden sind weisse Herzen gemalt und vor dem Eingang steckt ein Windrädchen in einem Topf.

«So ein schöner Tag!», empfängt einen Heidi Rothen und zeigt auf die Berge, die sich an diesem Mittag im Spätherbst gut besonnt vor dem tiefblauen Himmel zeigen. Rothen wohnt in Hergiswil, doch hier, im Sankt-Gallischen, ist sie aufgewachsen. Und hierher, in dieses Häuschen oberhalb von Sargans, das früher
ihrem Götti gehörte, zieht sie sich zurück, wenn sie Ruhe sucht. «Die Luzerner stürmen immer an mir herum.» Sie lacht. Und zählt eine Reihe von Sitzungen auf, die sie bald schon in Luzern erwarten.

Eigentlich ist Heidi Rothen seit 2004 im Ruhestand – nach über dreissig Jahren, in denen sie im Luzerner Rathaus als Hausbeamtin die Stadt repräsentierte, auch Berühmtheiten wie Hillary Clinton oder Fürst Rainier von Monaco empfing.

Viele Jahre hatte sie zudem politisiert, war unter anderem als Mitglied der Liberalen Partei im Grossen Rat des Kantons Luzern, dem heutigen Kantonsrat. Doch ihr karitatives Wirken, darunter ihr «Christkindli-Briefkasten», kennt keine Pensionierung.

Der «Christkindli-Briefkasten» steht seit 28 Jahren vor dem Rathaus in Luzern
Der «Christkindli-Briefkasten» steht seit 28 Jahren vor dem Rathaus in Luzern

Wünsche, Sorgen und Nöte landen im Christkindli-Briefkasten

Zum 28. Mal steht der Christkindli-Briefkasten diesen Winter vor dem Luzerner Rathaus. Und seit 28 Jahren deponieren nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene hier Briefe und Zeichnungen, Wünsche, Sorgen und Nöte «an das Christkind».

Rothen hatte den Briefkasten damals initiiert. Und bis heute sichtet sie noch alle Post selbst. Schreibt zurück. Tröstet, wo nötig. Erfüllt Wünsche, wo möglich, mit Geld- und Sachspenden, ihrem Beziehungsnetz und manchmal auch aus dem eigenen Portemonnaie.

Rund 120 Briefe, schätzt sie, seien letztes Jahr um die Festtagszeit eingegangen. Etwa 50 kämen jeweils während des Jahres dazu. Denn auch auf normalem Postweg gelangen Briefe, die an das «Christkind Luzern» adressiert sind, an Heidi Rothen.

Eine Motorsäge auf den Bauernhof, einen Salami ins Gefängnis

«Kommen Sie, kommen Sie!» Sie führt hinein ins Haus, zieht Zipfelkappe und Gummistiefel aus. Im Eingang steht ein Sack Vogelfutter, daneben grüsst ein Gartenzwerg. Die Räume sind klein und verwinkelt, die Holzdecke hängt tief.

In diesem Haus lebt Heidi Rothen, das Christkind der Stadt Luzern.
In diesem Haus lebt Heidi Rothen, das Christkind der Stadt Luzern.

Ein Ofen wärmt die Stube, und man würde sich nicht wundern, in der Abgeschiedenheit dieses gemütlichen Ortes wirklich das Christkind anzutreffen. «Setzen Sie sich mit dem Rücken an den Ofen, das tut Ihnen gut», sagt Rothen, während sie ihr von der Mütze zerzaustes Haar richtet. Dann beginnt sie von den Anliegen zu erzählen, die Menschen «ans Christkind» haben.

«Zu sehen, wie sich die Leute freuen, wenn man hilft, macht auch Freude.»

Da war die Familie, die so gern einmal in einem Restaurant essen wollte. Der Bauer, der um eine Motorsäge bat. Oder das krebskranke Kind, das von einer Trommel träumte. Heidi Rothen half.

Auch an einen Mann, der im Gefängnis sass, erinnert sie sich gut. Er schrieb vom Tod seiner Mutter, die ihm immer zu Weihnachten einen Salami geschickt habe, und bat das Christkind, die Tradition weiterzuführen. Auch hier übernahm Rothen, jahrelang, bis die Gefängnisleitung sie über den Tod des Mannes informierte.

Tief im Herzen blieb auch der Brief eines kleinen Mädchens. Es dürfe gar nicht schreiben, stand da, doch der Vater schlage die Mutter. Der Vater war Alkoholiker und Rothen organisierte Hilfe über das Blaue Kreuz.

In der Pandemie wird bei den Lebensmitteln gespart

Belastend? Nein, nicht immer. Und nicht nur. «Wissen Sie, zu sehen, wie sich die Leute freuen, wenn man hilft, macht auch Freude.» Auch wenn sie einen Wunsch nicht erfüllen kann, schreibt sie zurück.

Früher seien manchmal Bitten ans Christkind gelangt, bei der Partnersuche zu helfen. «Dann riet ich zu einer Partnervermittlung oder zu einem Tanzabend.» Heute wünschen sich manche Kinder ein Handy. Selbst für das Christkind sei dies ein grosser Wunsch, laute da die Antwort, die aber trotzdem von einem kleinen Geschenk begleitet werde.

Oft gefragt in letzter Zeit zudem: «Lebensmittel, Lebensmittel, Lebensmittel! Daran spart man als Erstes, wenn es knapp wird.» Und letztes Jahr habe man gut gemerkt, dass wegen der Pandemie viele Menschen psychisch in ein Loch gefallen seien.

«Stadtmutter? Hören Sie mir auf!»

Rothens Herz ist gross. «Helfersyndrom», diagnostiziert sie lachend. Da ist ja nicht nur der Briefkasten. Da war auch ihr «Kinderparadies Altstadt». Da ist ihre Stiftung «Sunneschiin», die sich gegen sexuellen Missbrauch von Kindern einsetzt. Oder der Krisentransport mit Essen und Kleidern, den sie während des Jugoslawienkriegs organisierte. Spontan holte sie damals auch fünfzig Kinder aus dortigen Kinderheimen für drei Wochen nach Luzern und liess sie medizinisch betreuen.

Und stadtbekannt natürlich die Erzählungen, wie sie nach Empfängen im Rathaus die Reste der Buffets an die Drogenabhängigen Unter der Egg verteilte. Auch daher rührt wohl die Bezeichnung «Stadtmutter», unter der viele sie kannten.

In diesem Haus lebt Heidi Rothen, das Christkind der Stadt Luzern.
In diesem Haus lebt Heidi Rothen, das Christkind der Stadt Luzern.

Überzeugt, das richtige zu tun

«Stadtmutter? Ach, hören Sie mir auf! Das ist vorbei!» Sie habe damals gar nicht recht mitbekommen, dass sie so genannt werde. Es hat sie aber auch nicht gekümmert. Ebenso wenig wie der nicht so wohlwollende Titel «Drogenmutter» oder ein Fasnachtssujet, mit dem sie einmal gar bedacht wurde (zentralplus berichtete).

«Das war mir doch egal.» Sie schüttelt den Kopf, denkt nach. Einmal, da sei sie Unter der Egg einem elegant gekleideten Mann begegnet. Mit Tränen in den Augen habe er ihr seine drogenabhängige Tochter gezeigt und dankbar ihre Hand gedrückt. «Und wenn Sie so etwas erleben, dann wissen Sie, dass Sie das Richtige tun.»

«Ich kann einfach niemanden leiden sehen. Wenn ich Not sehe, muss ich anpacken.»

Im Nebenzimmer läuft das Radio. Unter einem Kruzifix, das in der Ecke hängt, sitzt ein steinerner Engel. Rothen ist religiös aufgewachsen und geblieben, auch wenn sie der Kirche gegenüber kritisch eingestellt ist. «Ich verhandle direkt mit dem Herrgott», sagt sie.

Der Wille zu helfen sei aber nicht religiös motiviert. Sie legt die Hände über die Augen, schweigt einen Moment. «Ich kann einfach niemanden leiden sehen. Wenn ich Not sehe, muss ich anpacken.» Und nie habe sie dazu erst jemanden gefragt. «Wahrscheinlich würde ich den Leuten mit meiner Art heute noch mehr auf die Nerven gehen als früher.» Heute werde viel zu viel gefragt, abgeklärt, beredet. Und zerredet.

Rothen sucht eine Nachfolge für den Christkindli-Briefkasten

Sie seufzt. «Es ist einfach anders geworden.» Auch beim Christkindli-Briefkasten. Inzwischen schenke sie bevorzugt Gutscheine, weil Sachspenden wie Plastikspielsachen und Kleider oft kaputt seien. Zudem muss sie die Geschenkeverteilung neu organisieren. Der Religionslehrer, der mit seinen Schülerinnen und Schülern immer half, habe nur noch ein kleines Pensum, sagt sie nicht ohne Bedauern.

Zu sehen, wie die jungen Leute Freude daran hatten, anderen eine Freude zu bereiten, sei für sie effektiv Weihnachten gewesen. «Aber irgendwie kann ich das schon ‹mänätscheren›.» Zweifellos. Dass sie auch ans Aufhören denkt, verhehlt sie allerdings nicht. Sie werde nicht jünger. Am liebsten, gesteht sie, würde sie den Briefkasten übergeben, etwa an die Kirche.

Sie gäbe ihr «Baby» aus der Hand? «Ach, wissen Sie, auch ein Baby wird gross. Ich bin jetzt 82 und habe meine Dienste erfüllt.» Und sicher – so ist sie überzeugt – würde es sowieso eine Weile dauern, bis kein Brief mehr an sie gelänge. An sie, die bis heute auch mitten im Jahr Post erhält, adressiert ans «Christkind Luzern».

Dieser Artikel ist erstmals im Echt-Magazin erschienen.

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