Quartierverein Sternmatt in Luzern

«Fünf vor zwölf»: Ein Quartierverein kämpft ums Überleben

Der Quartierverein Sternmatt findet keine neuen Vorstandsmitglieder – und ist damit nicht allein. (Bild: Emanuel Ammon/zvg)

Der Quartierverein Sternmatt findet keine neuen Vorstandsmitglieder und sieht die Quartiergemeinschaft bedroht. Anfragen zeigen, dass auch andere Vereine mit der Besetzung von Vorstandsämtern Mühe haben.

Es sind dramatische Worte, welche der Luzerner Quartierverein Sternmatt in der neusten Ausgabe seiner Quartierzeitung benutzt. Die Überschrift: «Fünf vor zwölf». Es müsse ein Wunder passieren, damit die Quartiergemeinschaft überlebe, heisst es weiter.

Der Grund für den Alarmismus: Der Verein findet keine neuen Nachfolger für abtretende Vorstandsmitglieder. Der Quartierverein hat eine Übergangslösung gefunden, in dem ein Ehrenpräsident des Vereins und dessen Frau für zwei Jahre einspringen. Die Aufgabe während dieser Zeit ist klar: Einen neuen Vorstand für die Zeit danach zu finden. Scheitert dies, müsse man die Quartiergemeinschaft Sternmatt in den «Winterschlaf» begleiten, heisst es in der Zeitung abschliessend.

Warum kann die Quartiergemeinschaft keine neuen Vorstandsmitglieder mehr finden? Marcel Villiger, Vorstandsmitglied und ehemaliger Präsident des Quartiervereins Sternmatt, glaubt, dass das Problem nicht nur seinen Quartierverein betrifft. «Ich denke, dass es allgemein schwieriger geworden ist, Leute für unentgeltliche Vereinsarbeiten zu finden.»

Leute wollen sich nicht verpflichten

Der Quartierverein führt jährlich zwei bis vier Anlässe durch (zentralplus berichtete). Grundsätzlich seien diese noch immer gut besucht, auch nach Corona. Ein Mangel an Engagement gelte nur für Vorstandsämter. «Helfer für Feste zu finden, gelingt uns noch immer. Die Leute wollen sich aber nicht binden, beispielsweise für Vorstandsarbeiten.» Man habe bereits mit Plakaten im Quartier und in der Quartierzeitung nach Vorstandsmitgliedern gesucht. «Die Rückmeldung war aber gleich null», sagt Villiger.

«Seit Geburt lebe und wohne ich in diesem Quartier. Es ist mir ans Herz gewachsen.»

Marcel Villiger (51), Vorstandsmitglied des Quartiervereins Sternmatt

In seinem Kollegenkreis höre er oft Rückmeldungen wie: «Coole Sache, das müssen wir mehr machen.» – «Sie sind also gerne dabei, aber wollen nicht selbst anpacken», sagt Villiger. Er glaubt, dass es sich dabei oftmals um ein zeitliches Problem handle.

Quartiervereine sind beliebt, die Vorstandsarbeit aber nicht

Anfragen von zentralplus an die anderen Quartiervereine zeigen, dass der Quartierverein Sternmatt nicht der einzige Verein ist, der Problem bekundet. Auch der Quartierverein an der Emme kämpft mit existenziellen Problemen.

In der Einladung zur Generalversammlung kündigt der Verein an, dass bald zwei bis drei Mitglieder den fünfköpfigen Vorstand verlassen werden. Deshalb hat der Quartierverein einen dringenden Aufruf lanciert. «Es soll nicht sein, dass wir auf die nächste Generalversammlung im Jahre 2024 den Verein auflösen müssen, da wir den Vorstand nicht mit genügend Personen besetzen können», heisst es im Einladungsschreiben.

«Wir suchen seit Längerem neue Vorstandsmitglieder, welche wir nicht finden.»

Stefan Lingg, Präsident Quartierverein Matt-Luzern

Insgesamt haben zwölf Quartiervereine auf die Anfrage von zentralplus reagiert, wovon fünf wenige oder keine Probleme bei der Besetzung von Vorstandsämtern bekunden. Bei den anderen sieben Quartiervereine sieht es anders aus, wenngleich der Ton bei den meisten längst nicht so dramatisch ist wie beim Quartierverein Sternmatt. Wie bei Letzterem gibt es vorwiegend Probleme bei der Besetzung der Vorstandsämter.

Der Quartierverein Matt hat zurzeit noch einen gut besetzten Vorstand, scheint sich aber Sorgen um die Zukunft zu machen. «Wir suchen seit Längerem neue Vorstandsmitglieder, welche wir nicht finden», heisst es auf Anfrage. Auch aufseiten des Quartiervereins Matt-Luzern wird spekuliert, dass sich Personen womöglich weniger verpflichten wollen. Es könne jedoch auch ein sonst grosses Angebot an Freizeittätigkeiten sein, das zu abnehmenden Engagements in Vorständen der Quartiervereine führe.

Fusion als Rettung?

Interessant: Gleich zwei Quartiervereine schreiben, dass Fusionen ein Mittel sein könnten, die Herausforderungen zu bewältigen. Denn die Arbeit sei zunehmend zeitintensiv, etwa, weil sich die Quartiervereine verstärkt an politischen Vernehmlassungsverfahren beteiligen. «Dies ist zwar eine gute Möglichkeit, sich einzubringen, benötigt aber immer mehr und zeitweilig professionelle Ressourcen», sagt Marco Castellaneta, Präsident Quartierverein Altstadt.

«Mit der fortfahrenden Digitalisierung sehe ich das Vereinsleben der Quartiervereine langsam vom Sterben bedroht.»

Adolf Zemp, Quartierverein Udelboden

Keine Sorgen, sondern regelrechte Zuversicht versprüht der Quartierverein Wächter am Gütsch. «Es ist wohl ein schöner Zufall, dass vier neue junge Leute, die untereinander befreundet sind, viele Aufgaben des Vorstandes übernommen haben, sodass ich als einzig verbleibender Vertreter der älteren Garde in einem Jahr das Präsidium werde weitergeben können», schreibt Präsident Stefan Moser.

Zukunft der Quartiervereine ist bedroht

Wie könnte die Zukunft der Quartiervereine aussehen? Pessimistisch sieht diese Adolf Zemp, Präsident des Quartiervereins Udelboden. «Mit der fortfahrenden Digitalisierung sehe ich das Vereinsleben der Quartiervereine langsam vom Sterben bedroht.»

Ganz anders sieht dies etwa Philipp Rügländer, Interimspräsident des Quartiervereins Seeburg-Würzenbach-Büttenen: «Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in den Quartiervereinen nach wie vor eine gute und wichtige Arbeit leisten können als ‹Schnittstelle› zu den diversen Akteuren im Quartier wie den Behörden, den anderen Quartieren, den Bewohnerinnen untereinander, den Firmen und Vereinen.»

Damit Quartiervereine aber eine Zukunft haben, seien auch diese selbst in der Pflicht, findet Fabrizio Laneve vom Quartierverein Reussbühl: «Die Kunst liegt darin, dass sich auch Quartiervereine immer wieder versuchen neu zu erfinden, ohne dabei ihre Wurzeln zu verlieren. Das gelingt nur, wenn man sich und seine eigene Arbeit nicht allzu wichtig nimmt und bereit ist, hinzuhören, wo der Schuh drückt.»

Verwendete Quellen
  • Schriftliche Anfragen an Luzerner Quartiervereine
  • Telefonat mit Marcel Villiger, Quartierverein Sternmatt
  • Website des Quartiervereins Sternmatt
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